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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 28. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
209

Das Wetter:

Tagesmittel 18-26 Grad, bewölkt, warm.

Sterbefälle:

16,

Geburten:

2 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

69,282

Tagesnachrichten.

Nachrichten ins Getto:

Ins Getto sind neuerdings Nachrichten von ausgesiedelten Personen eingelangt, hauptsächlich aus Częstochowa, von wo einzelne Personen mitteilen, dass sie Angehörige von Gettoinsassen dort angetroffen hätten.

Auch aus anderen Städten Deutschlands sind von Personen, die letzthin ausgesiedelt wurden, Nachrichten eingetroffen, die beruhigend wirken.1

Der Präses hat heute, über Antrag von Dr. Oskar Singer, einer grösseren Anzahl von Eingesiedelten aus Böhmen und Mähren und dem Reich Fleisch zugeteilt.

Einstellung von Unterstützungsauszahlungen:

Der Aelteste hat dem Büro Wołkowna, das eigentlich noch immer besteht und hauptsächlich am Sonntag tätig ist, verboten, Unterstützungen auszuzahlen.

Keine Darlehen mehr:

Der Aelteste hat der Darlehenskassa untersagt, Darlehen auszuzahlen bzw. Darlehen zu bewilligen.

Approvisation.

Auch heute ist wieder Kraut ins Getto gekommen. Hingegen ist noch immer keine Spur von einer Mehleinfuhr. Die Besorgnis in der Approvisation ist gesteigert.

Man hört, man spricht.

Der Aelteste hat den Tabakverkauf freigegeben:

Man spricht, dass das eine Finanzmassnahme ist und man ist in Raucherkreisen sehr erbittert, dass angesichts der Geldknappheit der Preis für 10 Gramm Tabak noch immer mit 15 Mk festgesetzt ist. Eine Suppe kostet 2 Mk und ein Bündchen Zigarettenpapier, geschnitten aus einfachem Schreibmaschinen-Durchschreibpapier, kostet 1 Mk. Noch gestern kostete ein Büchlein echtes Zigarettenpapier „Solali“ im Schleichhandel bis 20 Mk. Also für 100 Blatt Zigarettenpapier 10 Suppen. Hat man irgendwo in der Welt so einen grotesken Zustand erlebt? Der Aelteste hat der Wołkowna verboten, Geldunterstützungen zu geben, ebenso der Darlehenskassa Anleihen zu bewilligen. Allgemeine Erbitterung! Was geht vor? Noch vor einigen Tagen hat der Patron der Darlehenskassa, Kommandant Rosenblatt, der Leitung der Darlehenskassa untersagt, Anträge entgegenzunehmen bzw. Auszahlungen vorzunehmen. Was wollte Rosenblatt, was will der Präses? Da kann man wieder einmal sagen, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe.

Jakob Szyper, Mitglied des Direktoriums der Darlehenskassa, verlangte von Rosenblatt die Freigabe eines grösseren verfügbaren Betrages, zum Zwecke der Darlehensauszahlungen und wies daraufhin, dass doch gerade jetzt eine ungeheure Geldknappheit herrsche und dass doch die Arbeiter und Beamten, durch die ihnen gemachten Abzüge das Grundkapital der Darlehenskassa erschaffen hätten. Aber in Leon Rosenblatt regte sich der ehemalige Bankbeamte und entrüstet wies er dieses Ansinnen zurück: „Was gerade jetzt, wo der Krieg möglicherweise in kürzester Zeit zu Ende ist?“ „Wie sollen wir denn unseren Schuldnern nachlaufen?“ Rosenblatt hat Angst, die Drähte könnten fallen und er würde dann ohne „Rumkes“2 dastehen. Der Finanzkrach wäre unvorstellbar.

Anders der Präses. Man ist erbost über seine völlige Abschnürung aller aussertourlichen Finanzquellen, wie Unterstützungen und Darlehen. Man grollt ihm wegen der hohen Zigaretten- bzw. Tabakpreise und auch wegen der hohen Gemüsepreise. Man schreit, es ist kein Geld da. Was will denn der Präses jetzt in so kritischer Zeit damit erreichen? Er rühmt sich, soundsoviel Millionen aus dem Umlauf gezogen zu haben. Nun, er hat seine Auffassung von den Dingen. Er merkt, dass bei dem Preis von 2 Mk für die Suppe der Arbeiter kein Interesse mehr hat, ins Ressort zu gehen. Kauft der Arbeiter irgendwo ein Päckchen Tabak für 40 Mk und kann er es für 60 Mk weiterverkaufen, so hat er doch schon 20 Mk verdient, das sind doch 10 Suppen, braucht also nicht ins Ressort zu gehen, vom geringen Verdienst garnicht zu reden.

Wer eine kleine Działka hat, verkauft 20 dkg Zwiebeln und hat schon 30 Mk in der Tasche, braucht also nicht zu arbeiten. Aber der Präses ist der Ansicht, dass die Arbeit unter allen Umständen bis zur letzten Minute ordnungsgemäss weiter gehen muss, da sonst dem Getto ernste Gefahren drohen. Noch haben die Fabriken Aufträge, noch sitzen die Behörden da, noch gibt es ein Getto und solange es ein Getto gibt, ist der Präses für alles verantwortlich. Wenn nun die Wołkowna dem arbeitsscheuen Arbeiter 50 Mk auszahlen wird, wenn die Darlehenskassa ihm Geld borgen wird, so wäre das heute Sabotage des Präses an der Arbeit des Präses.

Gibt es aber kein Bargeld oder nur sehr wenig, so kann der Arbeiter den Tabak nicht verkaufen, weil ihm niemand die 60 Mk dafür bezahlen wird. Seine 20 Mk Verdienst sind pfutsch und für seine Zwiebeln von der Działka bekommt er auch nicht mehr 30 Mk, sondern nur 5 Mk, damit kann er nicht mehr die Rationen decken, geschweige denn ein paar Tabletten Sacharin kaufen. Der Präses will also durch eine radikale Deflation das Gettorad in Bewegung erhalten. Das ist der Grund der befremdenden Finanzmassnahmen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:3

1

Die Quelle der ins Getto gelangenden Nachrichten lässt sich nicht mehr ermitteln. Es ist aber zu vermuten, dass auch sie wieder von den Deutschen verbreitet wurden, führten sie doch, wie der Chronist vermerkt, zu einer Beruhigung der Gettobevölkerung vor den wiedereinsetzenden Transporten. Jakub Hiller berichtet in seinem Tagebuch, allerdings ohne weitere Informationen zu liefern, dass es im Getto eine Gruppe gebe, die absichtlich falsche Meldungen von der Front verbreite (AŻIH, 302/10, Bl. 11). Es ist möglich, dass eine solche Gruppe von Spitzeln auch für die in der Tageschronik genannten Gerüchte verantwortlich ist.

2

Gemeint ist hier – und im weiteren Verlauf der Chronik – das Gettogeld (sog. Markquittungen), das abgeleitet von Rumkowskis Namen auch als Rumkis oder Chaimkis bezeichnet wurde. Dieses Geld war seit dem 8. Juli 1940 das einzige Zahlungsmittel im Getto. Seine Einführung durch die deutschen Besatzungsmächte hatte zum Ziel, die sich im Besitz der Gettobevölkerung befindenden regulären Gelder zu übernehmen. Alle Gettobewohner mussten ihre Reichsmark, Złoty oder sonstigen Devisen gegen die neue Gettowährung eintauschen. Das auf diese Weise übernommene Geld und die deutschen Devisen wurden von der deutschen Gettoverwaltung auf dem sog. Ernährungskonto Nr. 700 verbucht. Außerdem verstärkte die Einführung einer eigenen Währung auch die Isolation des Gettos, da ein Handel mit der Außenwelt dadurch in hohem Maße erschwert wurde. Vgl. den Prüfbericht des Rechnungshofes des Deutschen Reichs, Februar 1941, abgedruckt in: Heim/Aly 1991, S. 39-73, hier S. 49f.; Franquinet/Hammer/Schoenawa 1994. In der Getto-Enzyklopädie gibt es einen Eintrag, in dem Rumki und der, wie es dort heißt, seltener verwendete Name Chaimki erläutert werden (AŻIH, 205/311, Bl. 344). Jakub Poznański schreibt über die Akzeptanz der Währung: „Kein Handwerker will noch etwas für Geld tun. Ich war gestern bei einem Schuster, damit er mir ein Paar Gummisohlen und 2 Absätze nagelte und einen Flicken aufsetzte. Er wollte das für nichts anderes als für Lebensmittel tun. […] Dies ist ein Beispiel aus unserem Leben, das den Wert des Gettogeldes besonders deutlich aufzeigt“ (Poznański 2002, S. 59, übers. aus dem Poln.). Die Einführung einer Währung, die nur im Getto Gültigkeit besaß, war für viele Autoren die Ursache zahlreicher Unannehmlichkeiten; vgl. etwa die Bewertung bei Edward Reicher: „Jeder musste das alte Geld abgeben, um dafür ‚Chaimki‘ und ‚Rumki‘ zu erhalten. Auf diese Weise machte man vielen Menschen die Flucht unmöglich. Sie hatten nämlich kein Geld, um sich auf der arischen Seite durchzuschlagen“ (Reicher 1989, S. 25, übers. aus dem Poln.). Vgl. auch Zelman 1995, S. 55f.

3

HK, NYK**, JFK*: Keine Angabe. In JK** fehlt der Eintrag.