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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 29. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
286
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Das Wetter:

Tagesmittel 8-10 Grad, bewoelkt, kalt.

Sterbefaelle:

8

Geburten:

2 /1 maennlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83,497

Tagesnachrichten.

Die Stimmung im Getto ist nun wieder aeusserst gedrueckt. Die Tatsache, dass in der Approvisionierung keine Verbesserung zu erwarten ist, und die geringe Hoffnung auf nennenswerte Zufuhr von Brennmaterial, wirkt sich laehmend auf das Getto aus.

Der Praeses selbst ist in sehr gedrueckter Stimmung. Er traegt sich mit der Absicht, einige Vertreter von gewissen gesellschaftlichen Gruppen zu einer Beratung zusammenzurufen. Dass der Praeses, der das Getto seit Bestand absolut autoritaer gefuehrt hat, sich jetzt mit solchen Absichten traegt, zeigt wohl am besten, wie kritisch die Lage ist. Dabei wird niemand im Getto glauben, dass eine solche Beratung einen praktischen Wert haben koennte. Denn einerseits ist nicht anzunehmen, dass der Praeses sich gewissermassen in der Macht teilen koennte oder wollte,1 andererseits aber ist nicht einzusehen, inwiefern ein solches Kollegium auf eine Besserung der Lage Einfluss nehmen koennte. Es sind in erster Linie einige Leute ins Auge gefasst, die man als Vertreter der Arbeiterschaft ansprechen koennte. Diese Personen werden mit einem einzigen Argument operieren: Gleichmaessige Verteilung der vorhandenen Lebensmittel, also Liquidierung der bisherigen Bevorzugungen. Wenn nun der Praeses, was nicht einmal anzunehmen ist, auf einen Vorschlag zur Liquidierung des Beirats /der Zuteilungen/ nachkommen sollte, so ist damit selbstverstaendlich fuer das Getto nichts getan.2 Man wird sehen, ob diese Beratung stattfinden und was sie bringen wird.

Approvisation.

Ein Tag wie der heutige charakterisiert am besten die kritische Lage: Es ist nicht 1 kg Kartoffel eingelaufen. An Gemüse kamen 24,000 kg Rettiche, 1000 kg Petersilie und etwa 3500 kg Porree. Die vergangenen Tage waren aber keineswegs besser. Wir gehen auf den 22.10. zurück, weil wir an diesem Tage die Berichterstattung über die Tageseingänge mangels genauer Rapporte nicht fortsetzen konnten. Vom 22. bis zum heutigen Tage kamen insgesamt 500,340 kg Kartoffeln herein. Das entspricht einem Tagesdurchschnitt von 71,580 kg, welches Quantum zur Einmietung, den täglichen Küchenbedarf und auch für die Ration reichen sollte, was natürlich unmöglich ist. Auch die Gemüseeinfuhr mit einer Gesamtmenge von 425,800 kg in der Zeit vom 22. bis 29.10. ist äusserst gering. Wenn die Lage sich nicht gegen alle Erwartung bessern sollte, wird der Präses sich gezwungen sehen, sehr einschneidende Massnahmen zu ergreifen.

Etwas besser steht es um die Fleischzufuhr in diesem Zeitraum. Es kamen 26,581 kg ins Getto. Das entspricht einem Tagesdurchschnitt von 3800 kg.

Ressortnachrichten.

Vom Holzbetrieb Putziger 9

kommt die unangenehme Nachricht, dass der Auftrag auf Lieferung von Rädern storniert wurde. Der Tischlereibetrieb Zimmerstrasse setzt die Produktion der Munitionskisten wieder fort, da Leim eingetroffen ist.

Schneidereibetriebe:

Diese klagen im allgemeinen über geringe Auftragsbestände. In der Hauptsache werden jetzt Zivilaufträge durchgeführt. Woran es liegt, dass Militäraufträge teils nur spärlich hereinkommen, teils storniert wurden, ist unbekannt.

Justizwesen.

Gerichtsaal:

Hauptverhandlung vom 29.10.43, Motiel, Nussbrecher.

Causen 3; Diebstahl 2, Schwere Körperverletzung 1. Alle Sachen wurden vertagt und zwar wegen Krankheit der Angeklagten. Die dritte causa deshalb, weil sich die Notwendigkeit erwies, die Angelegenheit zwecks Vervollständigung der Untersuchung an die Staatsanwaltschaft zu überweisen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 4 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 3 Tuberkulose anderer Organe, 1 Rippenfellentzündung, 1 Gehirntumor.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Bezüglich der negativen Reaktion des Chronisten auf die vorgeschlagene Abschaffung des „Beirats“ ist anzumerken, dass die Mitarbeiter des „Archivs“ Empfänger von Beiratszuteilungen waren.