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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 3. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
321
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Das Wetter:

Tagesmittel 2-3 Grad, es schneit.

Sterbefaelle:

3

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.279

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Der Praeses ist noch immer mit der Umschichtung der jungen Kraefte in den verschiedenen Betrieben beschaeftigt und laesst es sich nicht nehmen, sogar die Listen der Heimarbeiterinnen genau zu pruefen. Allem Anscheine nach handelt es sich vorallem darum, schon jetzt eine Reserve zu schaffen fuer etwa 5000 Arbeiter, die demnaechst fuer den Betrieb in Radegast /Heraklitplatten1/ gebraucht werden.

Approvisation.

Von einer zufriedenstellenden Einfuhr von Kohlrueben /heute 286.000 kg/ abgesehen, ist in der Approvisation keine wesentliche Besserung zu verzeichnen. Auch heute ist die Kartoffeleinfuhr mit 55.000 kg unbefriedigend. Sonstiges Gemuese in ganz geringen Mengen. Hingegen Fleisch nach wie vor normal.

Alles wartet noch immer auf die Ration, und die Hoffnung, dass diese in den Abendstunden erscheinen wird, wurde enttäuscht. Wie immer in solchen Stunden kursieren allerhand Gerüchte über die Zusammenstellung der Ration. Wiewohl das Interesse für das zu erwartende Quantum von Kolonialwaren ebenfalls sehr lebhaft ist, konzentriert sich das Hauptinteresse immer wieder auf die Frage, ob und wieviel Kartoffeln zugeteilt werden. Aber auch die offiziellen Stellen können im Augenblick noch keine befriedigende Auskunft geben.

Ressortnachrichten.

Chausseearbeiten in Radegast eingestellt:

Ueber Veranlassung der Getto-Verwaltung wurden die Chausseearbeiten auf dem Gelände in Radegast, wo die neuen Arbeitsbaracken zur Herstellung der Heraklitplatten fuer die Behelfshaeuser /Ministerium Speer/ hergestellt werden sollen, eingestellt.2

Tischlerei:

Es heisst, dass der Auftrag für die Munitionskisten schon in der allernächsten Zeit zu Ende geht und nicht mehr erneuert werden wird, obwohl die Qualität ausgezeichnet ist. Die Ursache dürfte eine technische Umstellung auf munitionstechnischem Gebiete sein.

Man hoert, man spricht ...

... dass die Ration nur 1 kg Kartoffeln für 2 Wochen bringen wird. Hingegen hört man in den Abendstunden, dass eine wesentliche Verbesserung der Kolonialwaren kommt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 1 Herzschlag.

1

Heraklithplatten sind Leichtbauplatten aus Holzspänen oder Stroh und mineralischen Bindemitteln; sie dienen der Wärme- und Schalldämmung. Ihren Namen verdanken sie der österreichischen Firma Heraklith, die 1927 gegründet wurde.

2

Oskar Rosenfeld schreibt am 3. Dezember 1943 in sein Tagebuch: „Arbeit für Aschkenes. Talkie. Immer weiter... ein Tag wie der andere... ist die Trostlosigkeit auszuhalten? Wie lange noch? In Radegast kleine Häuser und Chaussee gebaut. Arme, müde, entkräftete Frauen der Wäscherei wieder zurückgehalten, ½11 Uhr vormittag, bekommen sie ihre Suppe, dann hinaus nach Radegast. Steine schleppen, Wägelchen ziehen bis 8 Uhr abends ohne Suppe, ohne Stückchen Brot oder Warmes. Schreckliches Sklaventum! Am nächsten Tag weigern sich viele wieder zu arbeiten... Jammer, von wenigen bemerkt...“ (Rosenfeld 1994, S. 251).