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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 3. März 1944

Tageschronik Nr.: 
63
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Das Wetter:

Tagesmittel 1-6 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

7,

Geburten:

3 /2 weibl., 1 männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

796141 /79626 lt. Karten-Abteilg./

Sonstiges:

Am 2.3.44. wurde die Feuerwehr um 5,22 Uhr nach der Kohlen-Abteilung, Hanseatenstr. 29, alarmiert, wo durch Ueberheizung eines Ofens ein Schuppen in Brand geriet. Das Feuer wurde mit Hilfe von Motorspritzen gelöscht.

Am 3.3.44. starb die Spiro Jta, geb. 1888 in Łodz, wohnhaft Hamburgerstr. 86, an den Folgen eines vermutlich in Selbstmord absicht eingenommenen Schlafmittels.

Tagesnachrichten.

1610-1710 Arbeiter:

Am heutigen Tage wurde das zu stellende Kontingent von 1610 Arbeiter auf 1710 erhöht. Das stellt den Präses bzw. den für die Aktion verantwortlichen Leiter der Sonderabteilung, Kligier, vor eine neuerliche Komplikation der Lage. Gestern noch hatte Kligier mit dem Präses Besprechungen und man hoffte auf eine Verminderung des zu stellenden Kontingents und heute traf wie ein Blitzschlag das Gegenteil ein. In den Abendstunden erfährt man, dass der Termin bereits festgesetzt ist und dass die erste Gruppe, etwa die Hälfte der Arbeiter, um 4 Uhr morgens zum Abtransport gestellt sein muss.2 Transportmittel wurden noch am heutigen Nachmittag am Bahnhof Radegast bereitgestellt. Näheres über die Zahl der Ausreisenden und das Ziel des Transportes ist noch nicht bekannt. Alle beteiligten Stellen des Gettos sind jedoch überzeugt, dass die Arbeiter eher eine Verbesserung ihrer Lage zu erwarten haben. Im Zentral-Gefängnis ist bereits in den Nachmittagsstunden eine Absonderung der zum Arbeitseinsatz endgültig bestimmten Personen erfolgt. Die Verbleibenden wurden in separaten Räumen als Reserve untergebracht. In der Nacht auf dem3 heutigen Tage wurden weitere Personen ausgehoben u.zw. meist alleinstehende Männer und Frauen, letztere hauptsächlich aus der Küchenabteilung. Auch vom Kohlenplatz /L.S.-Wart/ wurden einige Leute herangezogen.

Ueber Weisung der Getto-Verwaltung müssen alle Personen, die in Marysin wohnen, in diesem Rayon aber nicht beschäftigt sind, ihre Wohnungen räumen zu Gunsten der dort beschäftigten Personen. Diese Aktion setzt natürlich das Wohnungsamt in Bewegung, das augenblicklich alle Hände voll zu tun hat.

Approvisation.

Keinerlei Aenderung in der bisherigen Lage. Am 29.2. kamen nur Kolonialwaren herein. Am 1.3. kam überhaupt kein Gemüse herein und heute nur 5.970 kg Möhren. An Fleisch kam am 1.3. 1.826 kg und heute 1.721 kg herein.

Beratungen in der Küchen-Abteilung:

Der Leiter der Küchen-Abteilung, Kaufman, berief in der letzten Zeit wiederholt Küchenleiter zu Beratungen über die Möglichkeiten einer Verbesserung der Suppen. Diese Verbesserungen jedoch machen sich leider im Menu nicht bemerkbar. Man kann auch schwer verbessern, wenn man nichts in die Suppen hereinzugeben hat. Nun haben die Küchenleiter einen neuen Plan: es sollen jetzt täglich Suppen mit Kohlrüben und etwas Kartoffeln gekocht werden und einmal wöchentlich eine dichte Suppe aus Kolonialwaren. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass dieser Plan durchgeführt werden kann, weil ja auf die Dauer nicht genug Gemüse vorhanden ist. Die aus eingelagerten Kohlrübenschnitzeln hergestellten Suppen empfindet die Gettobevölkerung absolut nicht als Verbesserung, im Gegenteil, die Suppen werden nur mit grösstem Widerwillen konsumiert. Jedenfalls herrscht in der Küchenabteilung dauernde Ratlosigkeit.

L-Zuteilung:

Die Kesselarbeiter in den Küchen sowie die ständigen physischen Arbeiter einer bestimmten Kategorie sowie die Ofensetzer4 in den Bäckereien bekommen ebenfalls die L-Zuteilung.

Einbruchsbeute:

Am 29.2.44. wurde im Hause Holzstrasse 15 /Wohnhaus der Aerzte/ ein ebenso frecher wie erfolgreicher Einbruch verübt. Im Keller dieses Hauses hatten die Aerzte Dr. Eliasberg, Dr. Sinek, Dr. Mazur und der Leiter der Bauabteilung, Ing. Gutman, ihre Lebensmittelvorräte. Die Diebsbeute ist Tagesgespräch im Getto. Es wird behauptet, dass dem Arzt Dr. Eliasberg und dem Leiter der Bauabteilung, Ing. Gutman, insgesamt 24 Fleischdosen /Schweinefleisch/, ferner Fett, Zwiebeln, Rote Rüben, sonstige Konserven sowie Mehl und Grütze gestohlen wurden. Dr. Sinek und Dr. Mazur haben nur geringen Schaden angegeben.

24 Fleischdosen sind eine Sensation im Getto. Zuerst wurde von seiten der betroffenen Aerzte Lärm geschlagen, nun aber legt man scheinbar besonderen Wert darauf, diese Angelegenheit totzuschweigen.

Ressortnachrichten.

Die Sortierungs- und Verwertungsstelle für Altmaterialien, Bleicherweg 24,

wurde liquidiert. Das freigewordene Objekt hat der Holzbetrieb V /ehemalige Getto-Tischlerei/ übernommen.

Gesundheitswesen.

Unter Bezugnahme auf die uns gemeldeten zwei Todesfälle unter der Aerzteschaft ist zu bemerken, dass sich die Lage der Aerzte im Getto wesentlich verschlechtert hat. Die Aerzte gehörten vom Anfang an im Getto zu den privilegiertesten Einwohnern. Sie hatten zunächst die mit der B-Zuteilung identischen Lebensmittelzuteilungen, ausserdem konnten sie sich angesichts der günstigen Aerztetarife sehr leicht Lebensmittel zukaufen.

Seit der Auflassung der Beiratszuteilungen änderte sich ihre Lage rapid. Sie verloren alles, was sich angesichts der wirklich anstrengenden Tätigkeit der Aerzte im Getto besonders auswirken musste. Da der Praeses eine Erhöhung der Aerztetarife unter keinen Umständen bewilligen wollte und die Lebensmittelpreise in der Zwischenzeit – wie wir wiederholt berichteten – enorm gestiegen sind, können sich die Aerzte natürlich von ihren Gagen bezw. ihrer Privatpraxis kaum noch in nennenswertem Umfange zusätzlich ernähren. Der wiederholte Versuch Dr. Millers, für die Aerzte die L-Zuteilung durchzusetzen, bezw. sie in die Kategorie der Schwerarbeiter einzureihen, scheiterte am Widerstand der deutschen Behörde. Dieser Umstand muss sich natürlich auf das Getto auswirken, denn der müde und abgekämpfte Arzt geht nicht mehr sehr willig für 10 Mark zu den Patienten, wenn eine Suppe an die 40 Mk kostet. Die den meisten Aerzten vom Präses persönlich bewilligten Brot- und Fleischzuteilungen ersetzen natürlich bei weitem nicht den Verlust der früheren Aerztezuteilungen.5

Sanitätswesen.

Heute keine ansteckenden Krankheiten gemeldet.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten.

1

Der Bevölkerungsstand enthält nunmehr die einen Tag zuvor verzeichnete Einweisung.

2

In seinem Tagebuch notiert Oskar Rosenfeld am selben Tag: „3.III. Talkie. Heute Nacht soll erster Transport gehen. Ledige tragen bereits Nummern. Andere in Reserve! Wartend! Wer weiß, was heutige Nacht bringen wird...“ (Rosenfeld 1994, S. 275f.).

3

So in HK, LK*, JK*, JFK*.

4

Ofensetzer ‚jemand, der Kamin-, Feuerstellen- und Kachelöfen baut und instand setzt‘.

5

Oskar Rosenfeld beschreibt die Situation der Ärzte: „Hunger. Ein Arzt im Haus bettelt mit Tränen in den Augen um Kartoffelschalen! Eine Anweisung der Küchenabteilung an die Küchen! Aber wer weiß, ob diese Anweisung honoriert wird [...]“ (Rosenfeld 1994, S. 276).