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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 3. September 1943

Tageschronik Nr.: 
230
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Das Wetter:

Frueh 14 Grad, starker Nebel, kuehl. Mittag 26 Grad, die Sonne bricht zeitweise durch.

Sterbefaelle:

11

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Einweisung:

1 /am 2.IX. zur Verfuegung der Gestapo/1

Bevoelkerungsstand:

83.896

Tagesnachrichten.

Im Getto ist voellige Ruhe eingetreten. Die Aufregungen der letzten zwei Naechte schwingen zwar noch immer nach, aber ein paar besonnene Menschen verstehen es doch, den noch immer gefluesterten Geruechten von weiteren Aussiedlungen mit Erfolg entgegenzutreten. Eine Einzelheit ist in der Zwischenzeit noch bekannt geworden. Die Aerzte im Spital an der Dworska bekamen den Auftrag, die Patienten, deren Genesung in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, die jedoch noch faehig waren, in haeusliche Pflege zu gehen, zu registrieren und zum Abtransport aus dem Spital in haeusliche Pflege bereit zu halten. Der Spitalswagen holte die Patienten ab, brachte sie jedoch nicht in die Privatwohnungen, sondern direkt zum Sammelpunkt im Zentral-Gefaengnis, von wo aus dann der gesamte Transport nach Radegast gefahren wurde. Von wem der Leiter des Gesundheitsamtes Czarnabroda diesen Auftrag hatte, ist nicht bekannt.

Approvisation.

Die leider sehr geringen Zufuhren an Kartoffeln berechtigen nicht zu der Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage. Wohl werden schon Vorbereitungen getroffen fuer grosse Kartoffelmengen, man spricht von 13 Millionen kg, die schon demnaechst eintreffen und eingemietet werden sollen. Aber diese Kartoffeln sind ja zur Winterbevorratung bestimmt. Auf was es im Augenblick ankommt, ist eine ausreichende Zufuhr von Fruehkartoffeln und dass es hier nicht klappt, macht eben die Katastrophe dieser Tage aus. Bedenkt man, dass am 31. August 86.000 kg und am 1. September nur 7.800 kg Kartoffeln eingefahren wurden, so hat man ein Bild der Trostlosigkeit der Ernaehrungslage. Was Gemuese betrifft, so erhielt das Getto am 31. August ca 1300 kg Kohlrabi, 3000 kg Weisskohl und am 1. September ca 1500 kg Kohlrabi und ca 18.000 kg Weisskohl, an zwei Tagen zusammen also 23.800 kg Gemuese, so zeigt dies, dass auch nicht die Spur einer Ration in Aussicht ist. Kaum dass die Kuechen den allernotwendigsten Bedarf decken koennen. Die Kuechen leben tatsaechlich von der Hand in den Mund. Auch die Fleischzufuhr ist ueberaus knapp geworden, sodass auch in den Kraeftigungskuechen nicht mehr taeglich ein Fleischgericht geboten werden kann. Dort allerdings wirkt sich dieser Mangel nicht so katastrophal aus, weil dann wenigstens das fleischlose Menue reichhaltig gestaltet wird.

Ressortnachrichten.

Munitionskoerbe:

Der Strohschuhbetrieb Levin erzeugt, bzw. repariert in der letzten Zeit Tragkoerbe fuer Artilleriemunition. Diese Koerbe sind aus Weidenruten hergestellt.

Ledersohlen fuer Arbeiter:

In der letzten Zeit wurde konstatiert, dass die Naehmaschinen in den Schneiderei- und Schusterbetrieben nicht genug praezise arbeiten, bzw. dass die Naht nicht geradlinig ist. Fachleute konstatierten, dass dies auf den Umstand zurueckzufuehren ist, dass die Arbeiter an den Naehmaschinen mit Fussbetrieb nicht das richtige Druckgefuehl in den Fuessen haben, weil sie Holzpantinen tragen. Daher hat der Amtsleiter Biebow angeordnet, dass die Schusterbetriebe in der naechsten Zeit keine Einzelarbeiten /Privatauftraege fuer Bevorzugte/ durchfuehren duerfen, bis die in Frage kommenden Arbeiter entsprechendes Schuhwerk haben.

Altschuhe kommen herein:

Das Schuhlager erhaelt laufend grosse Quantitaeten von Altschuhen von ausserhalb des Gettos. Die Sortierung dieses Materials wird Monate in Anspruch nehmen.2

Kleiner Getto-Spiegel.

Der Tod von der Strasse:

An der Flisacka ein kleines, armseliges, ebenerdiges Holzhaus. Die Tuer zu einem kleinen Kramladen steht offen. Jetzt wird in diesem Laden nichts mehr gehandelt. Ein Bett mit dem ueblichen jaemmerlichen Hauskram ist von der Strasse aus sichtbar. Vor der Tuer stehen Menschen in lautloser Stille, zwanzig, vielleicht mehr. Wir fragen eine Frau: „Was ist denn hier los?“ „Der Nachbar liegt im Sterben.“ Sie halten den Zugang zur Tuer frei. In dem Bett liegt ein abgezehrter Mensch im letzten Todeskampf. Der Tod kann von der Strasse aus frei eintreten. Wie in Ehrfurcht vor seiner Majestaet stehen die Nachbarn Spalier.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

8 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 2 Typhus, 2 Tuberkulose and. Organe, 1 Rippenfellentzuendung, 1 Nierenentzuendung, 1 Herzmuskelschwaeche, 1 Darmperforation.

1

Oskar Rosenfeld erläutert in seinem Tagebuch am 2. September 1943 die Formulierung „zur Verfügung der Gestapo“ (im Zentralgefängnis / Czarnieckiego): „Nun folgendes: Kripo oder Gestapo zur Verfügung halten in Czarnieckiego. Wenn zum Beispiel von draußen erschöpfte Arbeiter hereinkommen und ein klein wenig sich erholen sollen, stehen sie zur Verfügung in Czarnieckiego. So kommt es, daß diese den Inhaftierten gleichgestellt werden. Außerdem – und das ist das Wichtigste – gibt es stets eine Anzahl ‚Bestrafter‘, die als Ware der Gestapo geliefert werden, wenn diese plötzlich Lieferung von Menschen zur Arbeit oder zu irgend einem dunklen Zweck verlangt“ (Rosenfeld 1994, S. 220).

2

Im „Altschuh-Lager“ wurden die Schuhe der ermordeten Juden aus dem Warthegau zur Weiterverwendung sortiert (vgl. auch den Eintrag „Altschuhe“ in der Tageschronik vom 6. September 1943; außerdem den Eintrag „Bekleidungsaktionen“ in der Tageschronik vom 20. Oktober 1942). Die Getto-Enzyklopädie hält in einem Eintrag über das „Altschuh-Lager“ fest, dass ungefähr 70 Waggons mit Schuhen das Getto erreichten. Bis Mai 1944 wurden 110000 Paar Schuhe für den Bedarf des Gettos repariert (AŻIH, 205/311, Bl. 7f.). Auch verschiedene Gettobewohner, die hier beschäftigt waren, berichten über diese Arbeit. So schreibt Moshe Pulaver: „Es ist oft vorgekommen, dass ich allein vor so einem Berg Schuhe saß, und dann habe ich gefühlt, wie die Schuhe zu mir reden. In jedem Schuh habe ich das Gesicht eines Kindes gesehen, einen Großvater, eine Großmutter, eine Mutter, einen Vater. Den ganzen Tag konnte ich mich nicht von den Schuhen befreien, und wenn ich zuhause war, habe ich immer noch an die Schuhe gedacht“ (Pulaver 1963, S. 40; übers. aus dem Jidd.). Auch Moniek Kaufman berichtet in seinen Erinnerungen über seine Arbeit im „Altschuh-Lager“ (AŻIH, 301/1311, Bl. 10-12). In Johannes R. Bechers Gedicht „Kinderschuhe aus Lublin“ treten Schuhe aus NS-Vernichtungslagern als Metapher für die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie auf, wobei sich Becher auf reale Nachkriegsfunde im Lubliner „Erfassungslager für beschlagnahmtes Feindvermögen“ bezieht: „Die Deutschen waren schon vertrieben, / Da fand man diesen schlimmen Fund. / Wo sind die Kinder nur geblieben? / Die Schuhe tun die Wahrheit kund: / [...] / Zu hundert, nackt in einer Zelle, / Ein letzter Kinderschrei erstickt... / Dann wurden von der Sammelstelle / Die Schuhchen in das Reich geschickt“ (Becher 1952, S. 334-339; Zitat S. 337 und 338).