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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 30. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
181

Das Wetter:

Tagesmittel 16-27 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

76,276

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

In den Morgenstunden herrschte eine gewisse Unsicherheit darüber, ob der heutige Transport abgehen wird, da die Zugsgarnitur nicht pünktlich am Bahnhof Radegast gestellt war. Die Reichsbahn stellte jedoch gegen 9 Uhr die Garnitur bei, sodass tatsächlich die Einwaggonierung der 700 Personen erfolgen konnte. Mit diesem Transport ging Frau Dr. Elisabeth Singer /Prag/ als Aerztin mit.

Um den Rest der eingesiedelten Intelligenz vor der Aussiedlung zu schützen, hatte Dr. Oskar Singer eine Unterredung mit dem Leiter der Sonderabteilung M. Kliger, bevor noch der Präses die Geschäfte übernommen hat. Kliger hatte für die Auffassung des Dr. Singer volles Verständnis und ordnete den Schutz einiger Personen an. Eine solche Liste wurde der Kommission im Zentralgefängnis überreicht.

Was den Schutz der einheimischen Intelligenz betrifft, insbesondere einer gewissen literarischen Gruppe1, bemühten sich S. Rozensztajn, Josef Zelkowicz und Szaja Szpigel durch Rechtsanwalt Neftalin.2 Hierüber folgt Separatbericht.3

Im Zentralgefängnis befürchtet man eine gewisse Verknappung, sodass anzunehmen ist, dass doch mit Razzien vorgegangen werden wird.

Mit dem heutigen IV. Transport gingen, wie bereits gemeldet, 700 Personen ab. Zusammen sind bereits 2.976 Personen abgegangen u.zw.:

23.6.44 561 Pers. 268 Männ. 293 Fr. davon Einges. 32 M. 46 Fr.
26.6.44 912 Pers. 361 Männ. 551 Fr. davon Einges. 43 M. 71 Fr.
28.6.44 803 Pers. 261 Männ. 542 Fr. davon Einges. 32 M. 75 Fr.
30.6.44 700 Pers. 204 Männ. 496 Fr. davon Einges. 23 M. 40 Fr.
  2976 Pers. 1094 Männ. 1882 Fr. davon Einges. 130 M. 232 Fr.

Die Befürchtungen, dass der grösste Teil der Eingesiedelten mitgerissen werden könnte, sind nicht eingetroffen. In der obigen Gesamtzahl von 2.976 Personen befinden sich 362 Eingesiedelte aus dem Altreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren. Diese Ziffern sind errechnet auf Grund der Transportlisten, wobei die Eingesiedelten nur dem Namen nach festgestellt wurden. Genaue Ziffern werden wir noch nachtragen.

Approvisation.

Noch immer schwacher Einlauf von Gemüse u.zw. kamen heute nur 2035 kg Salat und 15.800 kg Kohlrabi. Fleisch kam heute ca 2800 kg.

Die heutigen Schwarzhandelspreise: Brot /2 kg/ 1600 Mk, Mehl 1200, Zucker 1400-1800, Margarine 1500-1600, Butter 3200, Erbsen 900, Grütze 900, Kaffee 70-90, Salat 40-50, Spinat 50-65, Kohlrabi 60, Botwinki 80, Fleisch 1100, Wurst 1100 Mk, die Preise sind je kg. Ressortsuppe heute 35-47 Mk.

Sanitätsnachrichten.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Bauchfellentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Alimentäre Vergiftung, 1 Darmentzündung, 1 Kniegelenkentzündung.

1

Es gab u.a. einen Kreis von Intellektuellen, der sich regelmäßig in der Wohnung der Autorin Miriam Ulinower (1890-1944) traf. Vor allem junge jiddischsprachige Autoren – wie Chava Rosenfarb, Rivka Kwiatkowski-Pinhasik oder Alter Schnorr (Israel Ber Izinger) – kamen dorthin und diskutierten ihre Werke. Auch die nachstehend Genannten gehörten dieser Gruppe an. Vgl. etwa Spodenkiewicz 1999, S. 125f.

2

Henryk Neftalin setzte sich dann tatsächlich für diese literarische Gruppe ein, wie aus einem Brief vom 17. Juli 1944 hervorgeht, in dem er Rumkowski für sein Verständnis für die Situation der Literaten dankt (vgl. Trunk 2006, S. 256). Darüber hinaus ist ein Dokument vom 1. August 1944 erhalten, das offensichtlich auch im Zusammenhang mit diesen Bemühungen entstanden ist, in dem für Rumkowski „eine Aufstellung der Getto-Literaten usw. zwecks Vorladung zum Herrn Präses betreffs einer eventuellen Lebensmittelzuteilung“ erstellt worden war. In der „Gruppe der jiddisch schreibenden Literaten“ sind u.a. die Archivmitarbeiter Rachmil Bryks und Józef Zelkowicz sowie Chawa Rosenfarb, Szaja Spiegel genannt, zu den „in anderen Sprachen schreibende[n] Literaten“ zählen u.a. Abram Cykiert und Hilda Stern Cohen. Zudem werden Maler, Artisten, Musiker und Sänger aufgezählt. Vgl. APŁ, 278/871, Bl. 47f.

3

Der genannte Separatbericht konnte nicht ermittelt werden.