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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 31. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
349
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Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad, windig, Frost.

Sterbefälle:

6

Geburten:

2 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

83.132

Selbstmordversuch:

Am 31.12.43 verübte Szymchowicz Chaja, geb. 15.12.1905 in Gurakalwaria1, wohnhaft Inselstr. 38, durch Sprung vom 4. Stock des Hauses Inselstra ße 35 Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Minimale Einfuhr von Gemüse. Es kam lediglich ein Rollwagen mit Kohlrüben herein. Kartoffeln überhaupt nicht. Die Lage spitzt sich wieder zu. Die Kartoffeln, die für die Winterbevorratung ausgegeben wurden, waren zum grossen Teil angefroren. Dasselbe gilt von den Steckrüben. Die Folge davon ist, dass eine Konservierung unmöglich ist und sowohl Kartoffeln wie Steckrüben rascher konsumiert werden müssen. Von einem Durchhalten mit dem Wintervorrat bis zum Februar wird wohl in den seltensten Fällen zu rechnen sein, geschweige denn bis zum April. Die Katastrophe ist auf dem Marsche.

Ration:

Heute erschien die neue Ration. Ab Sonnabend, den 1.1.1944, wird auf Coupon Nr. 100 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 3.1.1944 bis zum 16.1.1944 einschl. folgende Ration herausgegeben:

  • 600 g Roggenmehl,
  • 200 g Roggengrütze,
  • 200 g Zucker, weiss,
  • 350 g Zucker, braun,
  • 100 g Oel,
  • 300 g Marmelade,
  • 100 g Maggi-Suppenpulver,
  • 100 g Suppenpulver,
  • 70 g Muschelfleisch,
  • 400 g Salz,
  • 300 g Kaffee-Mischung,
  • 100 g Senf,
  • 10 g Natron.
  • Diese Ration beträgt Mk. 8.-.

Ferner wird auf Coupon Nr. 99 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 g Margarine
  • 50 g Magermilchpulver für den Betrag von Mk. 1.50 und

auf Coupon Nr. 98 der Nahrungsmittelkarte

  • 150 g Gemüsesalat für den Betrag von Mk. 0.30 ausgefolgt.

Des weiteren werden auf Coupon Nr. 43 der Gemüsekarte

  • 1 kg Mohrrüben zum Preise von Mk. 1.- herausgegeben.

Neu in dieser Ration ist ein Suppenpulver der Marke „Maggi“ und erstmalig wieder weisser Zucker und Muschelfleisch /7 dkg/. Es handelt sich um ein schmackhaftes Produkt aus Muscheln in Mostrich-Sauce. Zumeist wird dieses Produkt zu einem Brotaufstrich verarbeitet.

Erfreulich ist in dieser Ration das kg Mohrrüben, weil dies endlich wieder eine Abwechslung bedeutet, angesichts der ewigen Wruckenspeise.

Eine kleine Ueberraschung war die Fettaufbesserung in Gestalt von 10 dkg Margarine.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 26.12.1943, Binsztok, Nussbrecher.

Kausen: 4, Diebstahl: 3, Tätliche Misshandlung: 1,

Urteile: 4, davon freisprechend: 0.

Der Schuster Sedzejewski Izrael wurde des Diebstahls von 45 Lederstückchen im Gewicht von 76 dkg und eines Paares Schuhoberteile, die anlässlich einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung vorgefunden wurden, angeklagt. Obwohl er sich nicht zur Schuld bekannte, kam dieselbe auf Grund des Beweisverfahrens klar zu Tage. Sedzejewski wurde wegen Ressortdiebstahl zu 5 Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 200.- Mk, im Nichteinbringungsfalle zu weiteren 40 Tagen Gefängnis, verurteilt.

Der Magazineur der Bauabteilung Hahn Julius wurde wegen Diebstahls einer geringfügigen Menge Holz zu 2 Wochen Haft, bedingt auf 6 Monate, verurteilt.

Der Jugendliche Jakubowicz Symcha wurde wegen Beihilfe zu einem kleineren Holzdiebstahl zu 1 Woche Haft unbedingt verurteilt. Jakubowicz ist wegen eines kleineren Vergehens bereits vorbestraft.

Der Arbeiter Rozenberg Szlama wurde wegen tätlicher Misshandlung des Portiers seines Ressorts, welcher ihn ohne Durchlassschein nicht herauslassen wollte, zu 2 Wochen Haft verurteilt.

Gesundheitswesen.

Isolationsdienst:

Im Sinne der Ausführungen von Dr. Stillermann gelegentlich der Versammlung vom 30. ds.Mts. wurde bereits der Isolationsdienst zur Bekämpfung der Flecktyphus-Epidemie eingerichtet. Die Gesundheitsabteilung hat zunächst, soweit dies möglich war, alle Personen für ihre Zwecke requiriert, die schon früher solche Dienste versehen hatten. Während der 21-tägigen Quarantäne wird vor der Wohnung eine Wache unterhalten, deren Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass niemand die Wohnung verlässt noch betritt. Zur Verfügung der Isolierten wird eine Verbindungsperson beigestellt, die für die Isolierten die Rationen zu besorgen, die Ressortsuppen zu beheben sowie alle sonstigen Angelegenheiten zu erledigen hat. Eine Pflegerin in der Sanitätsabteilung besucht die Isolierten täglich, um festzustellen, ob nicht irgendwelche Krankheitssymptome vorliegen. Wird eine Flecktyphuserkrankung an einem der Isolierten festgestellt, erfolgt die sofortige Ueberführung ins Infektionsspital, während die Mitbewohner einer weiteren 24-stündigen Quarantäne unterworfen werden. Für den Isolationsdienst wurden inzwischen 50 Personen eingestellt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Totgeburt.

1

Góra Kalwaria liegt bei Warschau, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Łódź. Die Stadt war bis zum Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Zentrum des chassidischen Judentums.