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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 4. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
35

Das Wetter:

Früh 7 Grad Wärme, starker Wind, nachts Regen.

Sterbefälle:

14

Geburten:

2 /1 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Diebstahl 3,

Verschiedenes 2

Bevölkerungsstand:

79,802.

Tagesnachrichten.

Eine grössere Kommission, bestehend aus acht SS-Offizieren höherer Chargen, besuchte das Getto. Die Herren erschienen überraschend vor acht Uhr früh am Baluter-Ring und besuchten in Begleitung des Amtsleiters Biebow die wichtigsten Ressorts. Ihre Aufmerksamkeit konzentrierte sich hauptsächlich auf die Arbeitsbedingungen und die Ernährung der Arbeiterschaft. In jeder Fabrik besuchten sie die Werkküche und überprüften die Qualität der Suppen.

Neue O.D.-Wachstube:

In der Hanseatenstrasse 16 ist ein besonderer O.D.-Punkt geschaffen worden u.zw. für die Hilfs- O.D.-Leute, die die Abbruchstellen der Kohlen-Abteilung und die Holzlager bewachen.

Approvisation.

Am heutigen Tage kamen 9430 kg Kartoffeln ins Getto, die sofort den Küchen zugeführt wurden. Ferner kamen insgesamt an Gemüse 650 kg Kohlrüben. Da es an Möhren zur Deckung der zuletzt ausgeschriebenen Ration fehlt, dürften statt dieser Kohlrabi ausgegeben werden. Fleisch kam nach langer Pause erstmalig in etwas grösseren Mengen herein u.zw. 2293 kg Rind-, und 373 Kalbfleisch.

Brennmaterial:

Die Einfuhr von Briketts und Steinkohlen ist sehr lebhaft. Es kamen heute 211,000 kg Briketts und 118.000 kg Steinkohlen herein, so dass noch mit weiteren Zuteilungen zu rechnen ist.

Das einzige Nahrungsmittel, das in den Lebensmittelverteilungsstellen im freien Verkehr zu haben ist, ist Kaffeemischung. In den letzten Tagen kauft die Bevölkerung sehr viel von diesem Ersatzprodukt zum Preise von 3 Mk. pro kg. Aus1 dieser Kaffeemischung werden unter Beimengung von Wasser, etwas Mehl, Natron und Zwiebelmehl „Placki“2 gemacht.

Kontrollen der Sonder-Abteilung haben festgestellt, dass das Personal der Verteilungsstellen selbst grössere Mengen von diesem Kaffee-Ersatz, angeblich für Brennzwecke, angekauft hat. Es wurde sofort eingeschritten, um diesen Unfug abzustellen.

Vom Mietengelände:

Eine Kontrolle der Mieten ergab in einzelnen Fällen einen sehr schlechten Stand der eingelagerten Kartoffeln, bezw. Kohlrüben. Die Gemüse-Abteilung hat den Leiter des Wirtschaftsamtes der Gettoverwaltung, Herrn Schwind, über den bedenklichen Zustand der Mieten informiert, welcher gestern das Mietenterrain besuchte.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 2 Flecktyphus, 1 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheiten, 1 eitriger Hautausschlag, 1 Lungenentzündung, 1 Selbstmord durch Erhängen.

1

HK, JFK*: Ursprünglich „Unter“; von Hand korrigiert. LK**: „Unter“.

2

Mit „Placki“ (poln. ‚Kuchen‘) sind offenbar jene „Plätzchen“ gemeint, die im Getto ironisch – nach einer Zünderbsenmarke – „Lofix“ genannt wurden. Vgl. den Eintrag „‚Lofix‘“ in der Tageschronik vom 23. Februar 1944.