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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 5. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
125

Das Wetter:

Tagesmittel 10-18 Grad, zeitweise sonnig.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 4,

Diebstahl: 1

Einweisung:

1

Bevölkerungsstand:

77.217

Tagesnachrichten.

Das Getto wurde heute von zwei Kommissionen besichtigt. Die eine kam vom Rüstungskommando, Berlin / Wehrmacht/, die zweite bestand aus dem Kommandanten der Gendarmerie im Warthegau mit kleinem Gefolge.1 Die Besichtigung der verschiedenen Ressorts fand unter Führung von Amtsleiter Biebow statt.

Die Bauten an den Luftschutzunterständen am Baluter-Ring gehen ihrem Ende entgegen. Es werden dorten regelrechte Unterstände aus Zement und Ziegel gebaut, wobei das letztere Material von den Abbruchstellen im Getto stammt. Im Getto selbst gibt es in der Nähe der Ressorts und grösseren Wohnblocks ein paar primitive Splittergräben, die natürlich beim ersten grossen Regenguss verschlammen oder zusammenfallen werden. Keller existieren im Getto fast überhaupt nicht, sodass die Gettobevölkerung im Falle eines Bombardements tatsächlich schutzlos ist.

Approvisation.

Ohne Aenderung. Aus technischen Gründen konnten wir die Einläufe an Lebensmittel vom 29.4.44 bis heute nicht vorlegen und werden die Einzelheiten in einigen Tagen nachtragen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 14 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 1 Darmtuberkulose, 1 Rippenfellentzündung, 1 Frühgeburt.

1

Einen Kommandanten der Gendarmerie im Warthegau gab es nicht, nur Kommandanten der Gendarmerie in den jeweiligen Regierungsbezirken. Vermutlich meinen die Chronisten den Befehlshaber der Ordnungspolizei (dazu gehörte die Gendarmerie ). Das war zu diesem Zeitpunkt der Generalmajor der Polizei und SS-Brigadeführer Dr. Walter Gudewill. Gudewill, geb. am 28. Dezember 1894 in Berent/Danzig, wurde im August 1946 durch die britischen Besatzungsbehörden an Polen ausgeliefert, am 24. August 1948 durch das Kreisgericht Bydgoszcz zu fünf Jahren Gefängnis wegen der Mitgliedschaft in der NSDAP und der Funktion als SS-Brigadeführer verurteilt. Der Vater dreier Kinder wurde am 6. September 1951 freigelassen. Er starb am 11. Januar 1956 in Bad Pyrmont (BAB, ehem BDC: SSO; BA-ZwA DH, ZA 5/167, Bl. 85; AIPN, BSO 78; Kobierska-Motas 1992, S. 89).