Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 5. November 1943

Tageschronik Nr.: 
293
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

6,

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

83,459.

Tagesnachrichten.

Der Präses ist noch immer intensiv mit der Reorganisation des Verpflegungswesens beschäftigt. Er hat sich entschlossen, die B-Zuteilung aufzulassen: Die diesbezügliche Kundmachung hat folgenden Wortlaut:

Bekanntmachung Nr. 402.

Betreffend: Abstellung der B-Zuteilung.

Hiedurch gebe ich bekannt, dass ich mich infolge

Neuorganisierung des Verpflegungswesens genötigt

sehe, die „B“-Zuteilung

ab Mittwoch, den 10.11.1943

zeitweilig abzustellen.

Litzmannstadt-Getto, den 5.11.1943.

Es verlautet, dass der Präses etwa 50 Personen von dieser Auflassung der B-Cooperative ausgenommen hat und zwar einige wichtige, bezw. ihm wichtig erscheinende Aerzte, ferner besonders wichtige Ressort- oder Abteilungsleiter und besonders verdiente Personen. Man sieht, dass sich diese Aktion nicht bedingungslos durchführen lässt. Es hat auch den Anschein, als würde es sich hier lediglich um eine demonstrative Geste handeln, denn, wie wir bereits früher ausgeführt haben, bedeutet die Auflassung der B-Zuteilung keine ins Gewicht fallende Aenderung der Lage.

Die Rechnung ist einfach.

Jeder Nutzniesser der B-Cooperative erhält pro Dekade:

  • 200 g Zucker, 150 g Marmelade, 200 g Kolonialwaren.

Das ergibt bei etwa 2000 B-Zuteilungen eine Menge von

  • 400 kg Zucker, 300 kg Marmelade, 400 kg Kolonialwaren pro Dekade.

Auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet würde dieses Quantum 5 Gramm ergeben, also eine Menge, die zweifellos nicht ausschlaggebend ist.2

Approvisation.

Die Arbeiten auf dem Mietengelände sind vorläufig abgeschlossen. Die Arbeiter wurden wieder zur Verfügung gestellt. Die einlaufenden Kartoffel werden augenblicklich nur für die Küchen und Rationen verwendet. Es sind insgesamt 2,400.000 kg Kartoffeln eingewintert worden.

Ressortnachrichten.

Die Wäscherei in der Richterstrasse sperrt von Montag, den 8. ds.M., an bis auf weiteres die Annahme von Wäsche zum Waschen wegen Ueberlastung.

Kleiner Getto-Spiegel.

Zündhölzchen:

Es hat keinen Sinn, psychologische oder gar ökonomische Betrachtungen über den Gebrauchsgegenstand Zündhölzer anzustellen. Das Zündholz lässt die tiefsten Schlüsse zu. Man denke nur an den Trust des Norwegers Ivar Kreuger, des Zündholzkönigs.3 Aber im Getto geht es nicht um Untersuchungen, sondern um Notwendigkeiten in allen Dingen, mögen es Kartoffeln oder Schuhsohlen sein. Zündhölzer sind rar im Getto. In den Rationen tauchen sie nur selten auf.

Obwohl die Oktoberration zwei Schachteln enthielt, waren sie bald konsumiert. Wo mehrere Familien beisammen wohnen, lassen sich Zündhölzer sparen. Die ersparten Schachteln wandern in den Freien Handel und dieser Handel hat strenge Preise.

Eine Schachtel Zündhölzer enthält ungefähr 50 Stück. Eine solche Schachtel kostete Ende September 2 Mark, Ende Oktober 4 Mark. Die beginnende Kälte fordert Heizung und die Heizung fordert Zünder. Da die wenigsten Familien ein Feuerzeug besitzen – ein gut funktionierendes, wetterfestes Stück kostet hier mehr als 50 Mark – sind sie auf Zündhölzer angewiesen. Und da entweder die Reibfläche oder das Zündholz schlecht sind, konsumiert der glückliche Besitzer einer Zündholzschachtel eine Menge Hölzchen, bis er ein feuergebendes erwischt. So kommt es, dass der Gettobewohner, wenn er auch nicht über viel zum Heizen oder Kochen verfügt, mit seinem Zündholzvorrat bald zu Ende ist.

Eine Schachtel Zünder kostet in der ersten Novemberwoche fast so viel wie die Vierzehn-Tage-Ration. Der Handel passt sich der Lage an. Er geht vom en gros ins detail und bietet nicht mehr Schachteln, sondern einzelne Hölzchen an. 1 Zündhölzchen – 10 Pfennig, ein Bündel von 10 Stück – 1 Mark. Das entspricht dem Niveau der Warenpreise im Freien Handel an der schwarzen Börse.

Das Zündholz ist im Getto ein kostbares Ding. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen. Eine ungeschickte Hausfrau vermag im Handumdrehen eine Mark zu vergeuden.

Sanitätswesen.

Keine Meldungen.

1

Mit Ausnahme des Wortes „Betreffend“ (im Original abgekürzt „Betr.“) sowie des ausgesparten Titels „Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“ wird der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 402 übereinstimmend wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 229: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 402, 5.11.1943.

2

Jakub Poznański erwähnt in seinem Tagebuch mehrfach die Pläne Rumkowskis, das Approvisationssystem zu ändern. Am Tag nach der neuen Bekanntmachung schreibt er: „Gestern endlich platzte die Bombe“ (Poznański 2002, S. 125; übers. aus dem Poln.).

3

Der schwedische Streichholzfabrikant Ivar Kreuger (1880-1932) beherrschte mit seiner Firma „Svenska Tändsticks AB“ (STAB) in den 1920er und frühen 1930er Jahren das europäische Zündwarenmonopol und war damit der Prototyp des modernen Kapitalisten. Für die jeweiligen Monopolstellungen bot er den Regierungen großzügige langjährige Staatskredite, die u.a. Deutschland und Frankreich überhaupt zur Wiederaufrüstung befähigten. Zudem unterstützte Kreuger Hitlers Aufstieg durch massive Spenden an die NSDAP. Nach dem Börsencrash 1929 brach schließlich sein Finanzierungsgerüst zusammen; Kreuger beging vermutlich Selbstmord.