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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 6. August 1943

Tageschronik Nr.: 
202
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Das Wetter:

Tagesmittel 25-35 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

9

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

84.212

Tagesnachrichten.

Ruhiger Verlauf des Tages. Der Praeses besichtigte verschiedene Abteilungen, wo er juengere Kraefte fuer neuzuerrichtende Betriebe herausholt. Insbesondere aus dem Hutressort wurden zahlreiche kraeftigere Frauenspersonen herausgenommen.

Approvisation.

3 kg Kartoffeln:

Das Getto atmete auf, als heute wieder eine Ration von 3 kg Kartoffeln pro Person auf Coupon Nr. 6 der Gemuesekarte zum Preise von 1.50 Mk herausgegeben wurde. Die Abnahme kann ab Sonnabend, den 7. ds.M., erfolgen. Das ist natuerlich eine grosse Entlastung, jedoch heisst es gleichzeitig, dass vor der neuen Ration, also bis zum 15. ds.M., keine weitere Kartoffelzuteilung kommen wird. Das drueckt die Freude wieder herab, denn vom 7. August - 15. sind es 8 lange Tage und es ist ein Raetsel, wie man diese 8 Tage mit 3 kg Kartoffel ohne Gemuese oder mit nur wenig Gemuese durchhalten soll. Und doch ist schon diese Kartoffelration ein Kunststueck des Praeses, denn die Eingaenge sind unbefriedigend. Am gestrigen Tage sind, wie wir aus der folgenden Aufstellung ersehen, insgesamt nur 36.890 kg Kartoffeln eingetroffen. Dieses Quantum, verteilt auf Kuechen und Ration, kann natuerlich nicht ausreichen. Auch die uebrigen Eingaenge sind aeusserst unbefriedigend. Wir melden fuer den 5. August 1943 folgende

Waren-Eingaenge:

36.890 kg Kartoffeln, 10.800 kg Weisskohl, 2.230 kg Rotkohl, 960 kg Kohlrabi, 3.438 kg Rapsoel, 8.400 kg Roggenmehl, 800 kg Kartoffelwalzmehl, 1.821 kg Rossfleisch, 1,109 kg Rindfleisch Freib., 150 kg Schweinefleisch Freib., 10.000 kg Maisspindelmehl1.

Zusaetzliche Bedarfsgueter:

4 Stk. Naehmaschinen, 3.092 kg Chlorkalk, 8.400 kg Pferdemischfutter, 630 Stk. Gr. Kartons, 25 Kartons Elektr. Gluehbirnen, 23,200 kg Koksgrus, 4.930 kg Gasstaubkohle2, 73.470 kg Aermelfutter, 27 kg Hanfseile, 46 m Ledertuch, 15.730 kg Holzschuhhoelzer, 453.160 kg Schnittholz, 1 Maschine /Bankfallhammer3/ 6 Förderwagen, 8.690 kg Holzkohlen.

Revision der Talone:

Die Talonabteilung fuehrt jetzt eine Ueberpruefung der Talone B I, B II und CP durch. Es handelt sich darum festzustellen, welche Talonbesitzer unterdessen ihre Stellungen geaendert haben, die mit der Verleihung des betreffenden Talons verbunden sind. Der Grundsatz ist, dass der Verlust der entsprechenden Position auch den Verlust des damit verbundenen Talons bedeutet. Eine Ausnahme machte der Praeses nur mit jenen bereits besprochenen Faellen, wo Beamtinnen vom Baluter Ring in verschiedene Ressorts und Abteilungen transferiert wurden. Die Frauen bzw. Maedchen behielten ihre Zuteilungen weiter.

Verkehrswesen.

Regelung des Strassenbahnverkehrs:

In der abgelaufenen Woche hat sich die Transportabteilung mit der Verbesserung der Kommunikation von und nach Marysin befasst. Die Strassenbahn wird nunmehr zu bestimmten Stunden verkehren und an den bestimmten Haltestellen halten.4 Gleichzeitig wurde verfuegt, dass in den Morgenstunden zwischen 6 und 7 Uhr der gesamte Wagenpark fuer Ressortarbeiter zur Verfuegung stehen soll, die aus dem Getto nach Marysin zur Arbeit fahren. Die Haltestelle am Baluter Ring wurde aufgehoben.

Ressortnachrichten.

Vom Strohschuh-Ressort:

Die Flechterei auf der Rungestrasse hat den Betrieb voll aufgenommen. Es werden, wie bereits gemeldet, 100.000 Paar Strohschuhpantoffeln erzeugt werden.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Ruhr, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 4 Tuberkulose anderer Organe, 2 Herzkrankheiten.

1

Maisspindelmehl: Die Spindel ist der mittlere Strunk eines Maiskolbens, um den herum, dicht gedrängt, die Maiskörner sitzen. In Notzeiten wurden nicht nur die getrockneten ganzen Maiskolben, sondern auch die eher zum Abfall zählenden, sehr bitter schmeckenden Spindeln aufgrund ihres immer noch hohen Nährgehalts zu Mehl verarbeitet.

2

Gasstaubkohle: Staubkohle ist eine sehr fein gemahlene, häufig zur Dampferzeugung verwendete Kohle, deshalb vermutlich auch Gasstaubkohle genannt.

3

Bankfallhammer: Ein mechanisch betriebener Schmiedehammer, vermutlich auf einer Werkbank montiert.

4

Ein gettointernes Straßenbahnnetz von und nach Marysin gab es seit dem 13. September 1941. M. Nowak beschreibt in der Getto-Enzyklopädie ausführlich die „Elektrische Strassenbahn Getto“. Im August hatte Rumkowski das Projekt bei der Gettoverwaltung eingereicht und Anfang September die Genehmigung erhalten. Von Oktober 1941 bis März 1942 dauerte der Bau einer Straßenbahnlinie von der ul. Marysińska über die ul. Jagiellońska bis zum Umladeplatz Radegast in Marysin. Gleichzeitig baute man von der ul. Franciszkańska einige Dutzend Nebenlinien, u.a. bis zur ul. Jakuba 6 und bis zu den Arbeitsressorts in der ul. Łagiewnicka, wodurch die wichtigsten Ressorts mit dem Bahnhof Radegast verbunden wurden. Bereits im Oktober 1941 wurde außerdem eine am Bałucki Rynek beginnende Bahn in Betrieb genommen. Die Hauptaufgabe der Getto-Straßenbahn war der Transport von Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Heizmaterial. Erst im Frühsommer 1942 (vgl. dazu auch die entsprechenden Einträge in den Tageschroniken vom 4. und 5. Juni 1942) setzte man die ersten Personenwagen in Betrieb, die zu bestimmten Uhrzeiten Arbeiter in die Arbeitsressorts, hauptsächlich nach Marysin, brachten (APŁ, 278/1103, Bl. 58-61). Dawid Sierakowiak kommentiert die Einführung der Straßenbahn am 9. September 1941 in seinem Tagebuch: „Das Ghetto motorisiert sich! Angeblich wird eine Straßenbahn im Ghetto gelegt, von Marysin bis in die Stadt, um Waren und Lebensmittel zu befördern, die in riesigen Mengen im Ghetto eintreffen, die Pferdewagen reichen nicht mehr aus. Lastautos der verschiedensten deutschen Speditionen fahren herum, aber das sind schließlich nur ‚geborgte‘! Wir brauchen einen eigenen Verkehr! Das Ghetto, das allmählich zum jüdischen Arbeiterzentrum des Reiches wird, muß motorisiert sein! Das ist die neueste Losung! Verdammt, das hätte man wirklich nie erwartet!“ (Sierakowiak 1993, S. 90). Und weiter am 16. September 1941: „Heute habe ich die Straßenbahn gesehen, die durch die Brzezińska und die Łagiewnicka fährt. Vorläufig befördert sie noch nichts. Es ist ein offener grauer Güterwagen mit drei kleinen Anhängern. Auf der vorderen Plattform standen ein jüdischer Fahrer, ein Deutscher und mehrere Juden. Offenbar lernen sie erst mal fahren. Der Fahrer kommt von der Feuerwehr, so wie die Fahrer, die die von den Deutschen geliehenen Autos mit den Waren und Lebensmitteln fahren. Das Ghetto motorisiert sich auf Teufel komm raus“ (Sierakowiak 1993, S. 93). Vgl. zur Straßenbahn auch Gumkowski/Rutkowski/Astel 1967, S. 21; Podolska 2004, S. 114-117.