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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 7. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
98

Das Wetter:

Tagesmittel 5-7 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

15,

Geburten:

1 /w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.621

Brand:

Am 6.4.1944 wurde die Feuerwehr um 19,10 Uhr nach dem Hause Siegfriedstr. 42 zu einem Russbrand alarmiert. Das Feuer wurde erstickt und die Kamine gefegt.

Tagesnachrichten.

Das Getto ist in Feiertagsstimmung, Erew Pessach1. Die spärlichen Mazzotmengen sind wohl das Einzige, was an diesen Feiertag erinnert. Eine richtige Sederschüssel2 wird es wohl in keinem Hause geben. Auch der Wein, den der Präses seinen Chassidim verehrt hat, wird die Feiertagstimmung nicht besonders heben, es ist ein Wein aus Rotem Rübensaft, aber niemand kann mehr geben, als er hat. Pessach (Seder) bei den Kindern in der Bursa.3

Approvisation.

Heute keine Kartoffeln, lediglich 3.100 kg konserv. Rote Beete. An Fleisch kamen insgesamt ca 1200 kg. Erstmalig erhielt seit längerer Zeit das Getto 3.752 kg Knochenfett und man erwartet eine kleine Ration davon.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 10 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten, 1 Bronchialkatarrh, 1 Knochentuberkulose.

1

Erew Pessach ist der Vorabend des Pessachfestes.

2

Die Sederschüssel bzw. der Sederteller (zu hebr. seder ‚Ordnung‘) wird ausschließlich an den beiden Sederabenden vor dem Pessachfest verwendet. Auf diesem großen Teller finden symbolträchtige Speisen Platz, die an den Auszug aus Ägypten erinnern: drei aufeinander liegende Mazzen als allgemeines Symbol für den Auszug aus Ägypten, der in aller Hast erfolgte und bei dem kein gesäuertes Brot vorbereitet werden konnte, ein Knochen als Erinnerung an das Opferlamm im Tempel und ein Ei als Andenken an ein festliches Tempelopfer. Eine Schale Salzwasser symbolisiert die Tränen der Israeliten in der Sklaverei. In dieses Wasser werden die Speisen eingetaucht. Zudem stehen bittere Kräuter aus Meerrettich, Radieschen und Gartenlauch, die an die Bitternis der Sklaverei erinnern sollen, und eine süße Mischung aus Mandeln, Äpfeln, Rosinen, Zimt, Zucker und Wein zum Tunken bereit. Letztere soll den Lehm bei der Sklavenarbeit in Ägypten darstellen. Zu den Speisen wird nach einem bestimmten Ritus Rotwein getrunken. Vgl. Encyclopaedia Judaica 2007, Bd. 15, S. 678f.; de Vries 2003, S. 132-142.

3

HK, JFK*: Letzter Satz als Fußnote von Hand hinzugefügt.