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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 7. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
188

Das Wetter:

Tagesmittel 28-32 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

18,

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

keine

Einweisungen:

14 /Männer von Arbeit ausserhalb des Gettos/.1

Bevölkerungsstand:

74,643

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute in den frühen Morgenstunden ist der VII. Transport mit 700 Personen abgegangen.2 Als Arzt ging der aus Hamburg stammende, über Prag ins Getto eingesiedelte Dr. Hugo Natannsen mit Frau und Tochter mit.3

Gleichzeitig gingen über Baluter-Ring 20 ausgesuchte Männer, als Ersatz für die gestern eingetroffenen Rückkehrer, zum Torfstechen ab.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass 2000 Männer, ausserhalb der laufenden Aussiedlung, für Krakau gebraucht werden.4 Offizielle Stellen wissen nichts davon. Wahrscheinlich hat jemand den 20 Leuten zum Torfstechen zwei Null angehängt.5 Es gibt noch immer Leute, denen die Panik im Getto noch nicht gross genug erscheint.

Approvisation.

Keine Aenderung im Grossen und Ganzen. Es kamen heute an Frischgemüse 9,720 kg Salat, 6,000 kg Mairettich und 5,230 kg Kohlrabi herein. Ferner kamen 2,790 kg Frischfleisch herein.

Auffallend in der heutigen Wareneingangsliste der Lebensmittel ist eine Post von 1800 Laib Brot /3,600 kg/. Im Zusammenhang damit wird natürlich schon geflüstert, dass die Brotlieferung für das Getto von der Stadt aus erfolgen soll und dass durch die Schliessung der Bäckereien im Getto ein paar hundert Arbeiter gewonnen werden. Dies ist jedoch unrichtig. Die Brotlieferung wird wahrscheinlich eine Ersatzlieferung sein für Brot, das das Getto für Rechnung der Stadt ausgegeben haben dürfte.

Kleiner Getto-Spiegel.

Aepfelchen wohin rollst Du ...?

Der 46-jährige R.M. hat sich im Mai 1944 freiwillig zur Arbeit ausserhalb des Gettos gemeldet. Er wusste nicht, dass es zum Torfstechen, also zu schwerer Arbeit geht. Er liess sich auch gerne sagen, dass die Verpflegung draussen wesentlich besser und dass daher eine, selbst schwere Arbeit leichter zu ertragen wäre. Er hat sich durch Gerüchte informieren lassen, die einzige Information des Gettos.

Der Hunger hat ihn bewogen, die Frau und den 17-jährigen Sohn zu verlassen und sein Glück ausserhalb der Drähte zu suchen. Das einzige Glück, das ihm ersehnenswert schien: einmal satt sein. –

Nun kam die neue Aussiedlung im Juni. Die Frau und der Sohn sind vorläufig auf keiner Liste. Man bestürmt sie mit Angeboten. Bekommt doch der Ersatzmann 3 Laib Brot pro Kopf. 6 Laib Brot also zusammen. Der Kopf schwindelt ihnen vor soviel Reichtum. Unvorstellbar, dass man sich wieder einmal sattessen könnte. Margarine, Zucker, vielleicht Marmelade und weiss Gott was noch alles, da treten die Schrecken der Aussiedlung zurück. Dazu kommt, dass doch Vater sowieso nicht mehr da ist und wohl wenig Hoffnung besteht, ihn im Getto wiederzusehen.

Die Verlockung ist zu gross. Die beiden melden sich freiwillig. Am 6. Juli vormittags rücken sie ein, bekommen das Lösegeld in Form von Brot, Margarine, Zucker und anderem.

Im Zentralgefängnis legen sie richtig los und essen. Nur satt werden! Der Magen verträgt garnicht viel, man ist sehr schnell satt und wenn der Magen nicht mehr so nüchtern ist, wird der Kopf etwas nüchterner. Man denkt ein wenig nach: was hat man getan? – Aber alles spekulieren hinterher nützt nichts. Herein ins Zentralgefängnis gehts leicht, hinaus kommt man wohl nicht mehr.

Da werden plötzlich 14 Mann eingeliefert. Sie kommen von Rąmbin, vom Torfstechen. Sie sehen recht beklagenswert aus, nicht zum erkennen. Dennoch erkennen die Frau und der Sohn einen der rückkehrenden Männer. Der Vater kommt zurück und die beiden haben sich freiwillig6 als Ersatzmänner gestellt. Verzweifelte Lage. Die Kommission hat eine feste Hand, lässt Menschen nicht so bald los. Menschen, die sie braucht, und gar Freiwillige, die keine Schwierigkeiten machen.

Nun geht die Jagd nach Protektion los. Himmel und Hölle werden in Bewegung gesetzt, denn die Frau will mit dem Sohn bleiben.

Vom Brot ist ja noch nicht soviel verzehrt, man wird es schon irgendwie ersetzen können. Eine Befreiung wird kaum möglich sein. Wo sind die Mitglieder der Kommission, die der Lage Verständnis entgegenbringen, und zunächst einen Aufschub gewähren werden? Wie wird das Drama enden?

Das Leben dichtet grausamer als der kaltblütigste Dramatiker.

Wir können den Fall nur verfolgen. Wir wollen sehen, was kommt.7

Sanitätsnachrichten.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 22 Tuberkulose, 1 Ruhr.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

8 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 4 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Verbrennung, 1 Lebensschwäche /neugeborenes Kind/, 2 Selbstmord.

1

Die genannten 14 Zwangsarbeiter kamen aus Rombien (Rąmbin) bei Wirkheim, wie aus einer Aufstellung der „Arbeitseinsatz-Abteilung“ hervorgeht (APŁ, 278/1978, Bl. 279). Wohl im Hinblick auf diese Rückkehrer schreibt ein unbekannter Verfasser am folgenden Tag in sein Tagebuch: „Alle und alles spricht dafür, daß dieses teuflische Spiel entschieden und definitiv auf das Ende zusteuert – zumal sie in einer unerhörten Weise auf den Kopf geschlagen werden – aber was bringt uns das schon, wenn man uns weiterhin auf Verschickungslisten erfaßt und auch wenn dies im günstigsten Fall zum Arbeiten sein sollte, man schwebt in der allergrößten Lebensgefahr, wovon ich gestern die Möglichkeit hatte, mich mit eigenen Augen zu überzeugen bei der Betrachtung einiger Rückkehrer aus dem ‚Volontariat‘ zur Arbeit, die man vor wenigen Wochen mitgenommen hat. – Sie machten auf mich einen verheerenden Eindruck, schrecklich zugerichtet, – aufgedunsen – und völlig erschöpft nach nur wenigen Wochen der Arbeit“ (Loewy/Bodek 1997, S. 61f.).

2

Auch der „VII. Transport“ hatte das Vernichtungslager Kulmhof zum Ziel. An diesem 7. Juli 1944 beschreibt Jakub Hiller in seinem Tagebuch die Aufregung der Menschen über die Deportationen und ihre Empörung über die jüdische Verwaltung und Polizei: „Und von keinem anderen als den eigenen Brüdern“. Er berichtet, dass auch ein Teil seiner Familie im „Zentralgefängnis“ auf die „Aussiedlung“ gewartet habe. Als er von dort weggegangen sei, habe er geweint „wie ein kleines Kind“ (AŻIH, 302/10, Bl. 23; übers. aus dem Jidd.).

3

Über den deportierten Arzt Dr. Hugo Natannsen ist ein kurzer Eintrag von Oskar Rosenfeld in der Getto-Enzyklopädie erhalten: „geb. 1897 in Hamburg. /V. Prager Transport/. Veröffentlichte als Arzt in Hamburg 1931 eine Schrift über Glukosebehandlung des Muskelrheumatismus. 1934 Paris. 1935 bis 1937 Sowjetrussland, Dozent am Rheumatolog. Institut, Odessa. Aus Russland als angeblicher Spion der Gestapo ausgewiesen. 1938 bis 1941 in Prag. Als Transportarzt /V. Transport/ November 1941 ins Getto. Hier Chefarzt des Instituts f. Elektro-Medizin, später Ambulanzarzt, schliesslich Ressortarzt. Spezialität: Behandlung von Rheumatismus und Asthma“ (AŻIH, 205/311, Bl. 271).

4

Die Meldung, dass 2000 Männer für einen Arbeitseinsatz in Krakau gebraucht würden, war in der Tat nur ein Gerücht. Es kamen keine Arbeitskräfte aus dem Getto Litzmannstadt nach Krakau. Von dem Gerücht berichtet auch Jakub Poznański in seinem Tagebuch (Poznański 2002, S. 180).

5

So in HK, LK**, JFK*. In JK** fehlt der Eintrag.

6

HK, LK**, JK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „gemeldet“.

7

„Aepfelchen wohin rollst Du ...?“: Der Titel der hier beginnenden Serie von Einträgen geht auf die Erzählung „Wohin rollst du, Äpfelchen ...“ von Leo Perutz zurück, die 1928 als Fortsetzungsroman in der „ Berlin er Illustrirten Zeitung“ erschien und sehr erfolgreich war. Der Romantitel – der ein bekanntes Motiv aus der russischen Literatur aufgreift – wurde schnell zum geflügelten Wort für die fatalistische Stimmungslage der ausgehenden 1920er Jahre: „er wurde charakteristisch für die Ungewißheit der Zeit und den Zweifel an der Existenz“ (vgl. das Nachwort von Hans-Harald Müller, in: Perutz 1994, S. 249-268, Zitat S. 250). Fortsetzungen des Berichts „Aepfelchen wohin rollst Du ...?“ folgen jeweils im „Kleinen Getto-Spiegel“ der Tageschroniken vom 8., 12. und 27. Juli 1944. – Eine eingehende literaturwissenschaftliche Untersuchung der Geschichte findet sich bei Feuchert 2004a, S. 313-320.