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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 8. Oktober 1943

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Tageschronik Nr.: 
265

Das Wetter:

Tagesmittel 17-27 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

5

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.635

Tagesnachrichten.

Am heutigen Kol Nidre herrscht im Getto eine feierliche Stimmung wie schon seit Jahren nicht. Das Gefuehl, dass der morgige Jom Kippur ein wirklicher Feiertag ist, beherrscht alle Gemueter. Der Praeses hat einen fruehzeitigen Arbeitsschluss in allen Abteilungen und Betrieben angeordnet. Fast ueberall wird die Arbeit in den fruehen Nachmittagsstunden ruhen. Die Menschen werden zum ersten Mal mit einem gewissen Gefuehl der Sicherheit am Kol Nidre und morgen am Jom Kippur ihre Andacht verrichten.

Die Suppenlegitimationen

werden schon heute fuer morgen ausgefolgt, es gibt ja morgen „Tschulent“, der von 10-1 Uhr in den Kuechen abgenommen werden muss. Obwohl die Menschen des Gettos seit Jahren ueber Gebuehr fasten muessen, wird doch der Grossteil der Bevoelkerung am Jom Kippur fasten. Freilich ist das Bild des Gettos dennoch nicht viel anders als sonst. Frueher einmal herrschte an den Hohen Feiertagen und vor allem am Kol Nidre das uebliche Treiben einer juedischen Stadt. Glueckliche Menschen fliegen aufeinander zu, eilen von Wohnung zu Wohnung, um sich ein „Glueckliches Neues Jahr“ oder „Gemar chsima Towa“1, zu wuenschen. Jetzt vollzieht sich das etwas mueder, stiller, aber vielleicht gerade deshalb umso inniger. Bekannte halten einander auf der Strasse an und tauschen einen stummen Haendedruck.

Der Fall Dr. Mazur:

Dr. Mazur ist noch gestern in den spaeten Abendstunden aus der Stadt wieder zurueckgekehrt. Wie man aus der Gesundheits-Abteilung erfaehrt, handelt es sich um eine Disziplinaruntersuchung bei der Getto-Verwaltung, im Zusammenhang mit der Sepsis, die sich Dr. Mazur bei einer Operation zugezogen hatte. Der Fall wurde befriedigend erledigt.

Approvisation.

Die Lage bessert sich von Stunde zu Stunde. Es scheint, als haette der Kartoffelausstoss ins Getto endlich voll eingesetzt. Die Plaetze sind wieder gut versorgt. Allerdings steht auf den Plaetzen noch der Kuerbis im Wege, da aber eine neue Kuerbisration wieder draussen ist, duerfte der Platz bald wieder fuer Kartoffel frei werden.

Kuerbis-Ration:

Heute wurde eine zweite Kuerbis-Ration zu 2 kg publiziert u.z. auf Coupon Nr. 262 der Gemuesekarte, zum Preise von Mk. 1.-.

Ressortnachrichten.

Feierstunde in den Ressorts:

In den Ressorts wurde fruehzeitig geschlossen. Lediglich in den Abteilungen, die mit dem Abtransport von Fertigwaren beschaeftigt sind, herrschte das uebliche Treiben. Insbesondere wurde der Abtransport der Strohschuhe beobachtet. Selbstverstaendlich hat auch die Warenabnahme am Baluter-Ring voll gearbeitet. Ebenso herrschte unveraendertes Treiben auf den Gemueseplaetzen, waehrend die Verteilungslaeden um 2 Uhr schon geschlossen haben.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

1 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 1 Herzschlag, 1 Schrumpfniere, 1 Typhoese Hirnhautentzuendung.

1

Die jiddische Wendung Gemar chasimo tauwo (auch a gute chasimo tauwo) bedeutet ‚endgültige gute Besiegelung‘ und ist ein Neujahrswunsch, den man sich zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur sagt. Traditionell wird der hebräische Ausdruck leschana towa tikkatew (‚zu einem guten Jahr mögest du eingeschrieben werden‘) verwendet. Vgl. dazu Weinberg 1994, S. 82 und 105.

2

HK, JFK*: „26“ von Hand hinzugefügt. LK**: Keine Angabe.