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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 1. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
319

Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad, in den Morgenstunden leichter Schneefall.

Sterbefaelle:

14

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.288

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Die Lage ist im grossen und ganzen unveraendert. Wie erwartet haelt die Zufuhr von Kohlrueben an. Am heutigen Tage ist der Einlauf an Kohlrueben 235.000 kg, Rote Beete 10.550 kg, Rettich 12.000 kg und Moehren 10.000 kg. Hingegen nur insgesamt 123.500 kg Kartoffeln. Diese Lage deutet also darauf hin, dass, wie gesagt, eine grosse Kohlruebenration zu erwarten ist, waehrend eine Kartoffelration noch immer nicht sicher steht, und das heute, sozusagen am Vortage der Ration, die ja gewoehnlich schon immer Freitag publiziert wird. Man ist daher im Getto ueberaus besorgt, ob es bei der kommenden Ration ueberhaupt Kartoffeln geben wird. Geruechte sind im Umlauf, denen zufolge es eine verhaeltnismaessig gute Kolonialwaren-Zuteilung geben wird, eben deshalb, weil eine Kartoffelration noch immer nicht gedeckt werden konnte.

Verkleinerung der Konsumtion in den Baeckereien:

Die Konsumtion in den Baeckereien war bekanntlich bisher folgendermassen geregelt: Die Facharbeiter erhielten 75 dkg Brot taeglich Konsumtion, sowie 11 Zusatzbrot je Woche. Die physischen Arbeiter und Bueroangestellten /auch die Delegierten2/ erhielten 50 dkg Brot taeglich und 1 Zusatzbrot je Woche. Durch eine heute erlassene Verfuegung wird die Konsumtion folgendermassen geregelt: Die Facharbeiter erhalten von heute an 50 dkg Brot taeglich Konsumtion und 25 dkg je Tag Zusatzbrot nach Hause. Die physischen Arbeiter und Buerobeamten erhalten von nun an 50 dkg Brot Konsumtion und kein Zusatzbrot. Diese Einschraenkung liegt auf der Linie des neuen Regimes, das auch auf diese Weise einen Teil des Brotmehlmankos hereinbringen moechte.

Ressortnachrichten.

Neue Leitung im Metallbetrieb II /Hohensteinerstr. 56/:

Der Praeses hat zum Kommissar dieses Betriebes den Aspiranten Grindberg ernannt, bisherigen Kommissar der Muetzenmacher-Werkstaette. Die technische Leitung uebertrug er den Herren Ing. Szyper /bisher Leiter der Zweigstelle Smugowa / und Ing. Pfeffer vom Metall I. Von der bisherigen Leitung bleibt Herr Szattan als Exportreferent und Ing. Freund als Spezialist fuer verschiedene Produktionsteile. Aus der Leitung ausgeschieden ist Ing. Nussbaum, der zur Disposition des Zentralbueros der Arbeitsressorts ueberwiesen wurde.

Muetzenwerkstaette, neuer Leiter:

Zum neuen Kommissar des in den Metall II transferierten Kommissar3 Grindberg wurde Lippel, bisheriger Kommissar in der Schneiderei-Abteilung, Hanseatenstrasse 34-36, ernannt.

Finanzwirtschaft.

Es herrscht augenblicklich ein ueberaus empfindlicher Mangel an Bargeld. Die Hauptkassa kaempft andauernd mit dieser chronischen Krankheit, ohne ein entsprechendes Mittel zur Abwehr gefunden zu haben. Es vergehen oft ganze Dekaden ohne Auszahlung in den verschiedenen Abteilungen und Betrieben. Die Unterstuetzungs-Abteilung /Sekretariat Wołk/ kann oft nicht die geringsten Mittel zur Auszahlung von Unterstuetzungsgeldern erhalten. Die Postabteilung kann Unterstuetzungsbetraege wochenlang nicht auszahlen. Angeblich will der Praeses neue Banknoten drucken lassen, um diesem laestigen Mangel an Zahlungsmitteln abzuhelfen.

Man hoert, man spricht ...

... um den 23. November herum schwirrten Geruechte von einer bevorstehenden Rueckkehr David Gertlers. Es heisst, dass in der Stadt eine Verhandlung stattfinden sollte, nach deren Abschluss Gertler wieder zurueckkehren sollte. Es ist wieder eine Woche vergangen, ohne dass sich dieses Geruecht bewahrheitet haette.4

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 4 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

4 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. Gehirnhautentzuendung, 4 Herzkrankheiten, 3 Lungenkrankheiten, 1 Leberkrebs.

1

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „kg“.

2

Mit den „Delegierten“ sind jene Personen gemeint, die für eine gewisse Zeit zur Arbeit in den Bäckereien vorgesehen waren.

3

So in HK, LK*, JFK*. Bei Amtstiteln fällt das Genitiv-s in der Chronik des Öfteren weg.

4

Die „Nachrichten“ über eine bevorstehende Rückkehr Gertlers waren Gerüchte. Gertler war in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1943 aus dem Getto geholt worden. Oskar Rosenfeld widmet dem Verschwinden Gertlers am 14. Juli 1943 eine längere Passage: „14.VII. Der Fall Dawid Gertler. Gleich nach Einmarsch Lodz, hat Gertler sich der Gestapo zur Verfügung gestellt. Seine Mitarbeiter Figuren der Unterwelt. In der Hauptsache aufgespäht versteckten Schmuck und Valuten. Folge oft schwere Strafen, ja Erschießungen. Später nach Getto-Errichtung hier weitergearbeitet und sich mit den alten Spezis umgeben. Die Aufgabe war – als Leiter der ‚Sonder‘ und Vertrauensmann der Gestapo, immer wieder neue Ware aufzutreiben. […] Nach Herzbergs Abgang war die Zeit für Aufstieg Gertlers gekommen. Allerdings noch eine Episode vorher: Gertler wurde von Kripo verhaftet, die ihn beschuldigte, mit Gestapo zusammengearbeitet zu haben bei Weglegung von Gold etc. zu Gunsten Gestapo. Gertler Rippen eingeschlagen, acht Monate gesessen, die Gestapo nicht verraten, endlich durch Intervention des Alten freigeworden. – Dann rasche Karriere. Allmählich neben Altem Herr des Gettos. Lebensmittel, Fleisch, Djalka zur Verfügung. Seine Leute spürten weiterhin versteckte Werte auf. Er war es, der gegen Zahlung von 1000-2000 Reichsmark Juden aus Getto nach Warschau in großen Lastautos offiziell brachte und angeblich mitverdiente. – Wenn durch das Getto fuhr, angestaunt, bewundert, beneidet à la Khan, Pöbelherrschaft errichtet, gebuhlt um Gunst, Geschenke an seine Leute, Talons etc. um den Alten in Hintergrund zu drängen. Daneben Leiter des Arbeitsressorts Aron Jakubowicz, also drei Herren im Getto. Oft Konflikte, die wieder beseitigt, scholem [Friede] – aber immer wieder Kampf um Macht […]. Jetzt Gertler gefallen. Auf den Baluter Ring gerufen, in Auto gesetzt, weggeführt. Haussuchung. Angeblich hat er mit Gestapo Goldwerte geteilt. Jedenfalls bis 15ten a.c., schon 3ter Tag nicht zurückgekehrt. Wird er Nachfolger haben?“ (Rosenfeld 1994, S. 216f.). Vgl. auch Poznański 2002, S. 86-89. Das Verschwinden Gertlers wird auch in einigen Erinnerungsberichten thematisiert, so z.B. bei Biderman 1995, S. 19; Cytrynowski 1988, S. 344f.; Mostowicz 1992a, S. 104f. Zu den nie ganz geklärten Umständen der Verhaftung Gertlers vgl. Löw 2006a, S. 341. Offiziell ging es bei der Inhaftierung wohl um die Bestechungsgelder, die Gertler stets bezahlt hatte, sowie um seine damit zusammenhängenden Versuche, größere Lebensmittelrationen in das Getto zu bekommen. Vielleicht war es aber schlicht so, dass die Gestapo ihren Spitzel nicht mehr „benötigte“ und ihn daher „loswerden“ wollte. Henry Tycon, ein Bekannter Gertlers aus dem Getto und Vorsitzender der 1968 in New York gegründeten „American Society of Jews liberated from the Lodz Ghetto“, sagte aus, dass ein Gespräch zwischen Gertler und [Albert] Richter von der Gestapo abgehört worden sei, in dem es um die illegale Beschaffung von Lebensmitteln für das Getto ging; dies sei der Grund für die Verhaftung gewesen (Gesprächsnotiz Joanna Ratusińska im Gespräch mit Henry Tycon am 14.10.2005, aufbewahrt im Archiv der Arbeitsstelle Holocaustliteratur). Dawid Gertler ist sicherlich eine der umstrittensten Personen im Getto. Gilt er den einen als Gestapo -Spitzel, der im Getto auf Kosten der Massen ein gutes Leben führte, so betonen die anderen – und hier handelt es sich um die große Mehrheit derer, die zu Gertler nach dem Krieg etwas ausgesagt oder geschrieben haben –, dass die Situation im Getto ohne ihn und seine Beziehungen ungleich schwerer gewesen wäre. Zur Bewertung Gertlers vgl. Löw 2006a, S. 335-338, sowie v.a. die Aussagen, die nach dem Krieg vor dem „Rehabilitacje un Erngericht bajm Farband fun di bafrajte Jidn in der US Zone Dajczlands“ in München zu Dawid Gertler gemacht wurden und in Abschrift in der Kuperstein Collection im YIVO in New York erhalten sind. Isaiah Kuperstein hat 1973 mehrere Interviews mit Dawid Gertler in München geführt, deren Tonbandmitschnitte überliefert sind (YIVO, RG 697). Zudem ist dort ein handgeschriebener Lebenslauf Gertlers vom 7. April 1952 zu finden, der hier in genauem Wortlaut, d.h. einschließlich der Standardsprache, zitiert wird: „Am 15.2.1911 wurde ich als Sohn des Chaim Gertler und dessen Ehefrau Golda, geb. Gertler in Lodz geboren. Als ich 4 Jahre alt war, ist mein Vater gestorben. Ab meinem 7. Lebensjahr besuchte ich 7 Klassen der Volksschule in Lodz und bin mit 14 Jahren dort abgegangen. Ab meinem 14. Lebensjahr besuchte ich die Textil-Strickerei-Schule und habe dieselbe mit 17 Jahren beendigt. Bei meinem 17. Lebensjahr ist auch meine Mutter gestorben. Ich habe die Strumpf-Fabrik von meiner Mutter übernommen, wie auch Vertretungen von Strickmaschinen und Nadeln. Mit meinem 18. Lebensjahr habe ich ausser diesem Beruf eine Stellung als Hauptsekretär beim Zentral-Jüdischen Handwerkerverband in Polen, Abteilung Lodz übernommen, mit einem Gehalt von 12.000 Zloti pro Jahr. Ich war gut situiert und habe ausserdem bei der Klassenlotterie im Jahre 1937 – 100.000 Zloti gewonnen. Im Jahre 1935 habe ich die Fabrik liquidiert und nur die Stellung als Hauptsekretär im Verband bis zum 1.9.1939 beibehalten. Im Mai 1940, als das Getto in Litzmannstadt vermacht wurde, habe ich die Stellung als wirtschaftlicher Leiter des Gettos übernommen wie auch als Vertreter des Ältesten der Juden. Am 3.12.1940 wurde ich durch die deutsche Kriminalpolizei in Litzmannstadt-Getto festgenommen, wegen Hereinführung von mehr Lebensmitteln in den [sic!] Getto. Darauf wurde ich in Litzmannstadt bis zum 15.7.1941 eingesperrt. Am 15.7.1941 bin ich entlassen worden und habe meine Stellung bis zum 12.7.1943 weiter übernommen. Am 12.7.1943 wurde ich in Litzmannstadt nochmals verhaftet, wiederum wegen Hereinführung von mehr Lebensmittel in den [sic!] Getto. Ich kam in die Konzentrationslager: Hohensalza, Auschwitz, Langensalza, Buchenwald und Lebenau. In Lebenau wurde ich am 3. Mai 1945 befreit. Die Befreiung habe ich nicht gesehen, weil ich am 2. Mai 1945 Fleckfieber bekam. Ich war ca. 3 Monate krank. Im Oktober 1945 bin ich dann in das DP-Lager Altötting gezogen. Am 6.3.1946 bin ich nach München übersiedelt. Ich habe im Jüdischen Komitee ausgeholfen. Finanziell wurde ich von meinen Verwandten in Amerika unterstützt. Lebensmittel habe ich durch den Joint erhalten. Im Jahre 1948 habe ich auf ein Gewerbe auf Vertretungen von Strickmaschinen und Nadeln eingereicht. Anfang Juni 1948 habe ich aufgrund meiner Kennntnisse die Lizenz bekommen auf Vertretungen mit Strickmaschinen, Nadeln und Zubehör. Dieses Gewerbe habe ich geführt bis am 20.11.1950. Am 20.11.1950 habe ich die Firma Tricots-Star G.m.b.H. München 8, Orlenstr. 61 – Strick- und Wirkwaren-Fabrik, Export u. Import, Grosshandel von Strickmaschinen, Nadeln und Zubehör gekauft, welche ich bis zum heutigen Tage führe. Am 22.3.1948 habe ich mich mit Frau Sonja, geb. Broskis verheiratet und am 12.4.1950 wurde mir ein Sohn, namens Heinrich geboren“ (YIVO, RG 697, Folder I: Personal File on David Gertler, Bl. 0119f.). Gertlers Sohn Henry ist im Besitz einer Urkunde, in der die „American Society of Jews liberated from Ghetto Lodz“ Gertler attestiert: „that Mr. Gertler used every opportunity of his post to serve his brethren conscientiously to save their lives in Ghetto Lodz“ und dass „Mr. Gertler was a devoted leader under whose protection many found shelter“ (Kopie im Archiv der Arbeitsstelle Holocaustliteratur). Vgl. den Eintrag „Neue Auftraege“ in der Tageschronik vom