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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 1. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
228

Das Wetter:

Frueh 14 Grad, bewoelkt, neblig. Mittag 24 Grad, die Sonne bricht durch

Sterbefaelle:

9

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 7

Einweisungen:

1Mann aus Belchental /Belchatow/1

Ausweisungen:

225 /Maenner und Frauen/ nach ausserhalb des Gettos.2

Bevoelkerungsstand:

83.908

Tagesnachrichten.

In der Nacht vom 31. August auf dem 1. September wurde die Aussiedlungsaktion durchgefuehrt. Zunaechst haben Ordnungsdienstmaenner die beiden Krankenhaeuser an der Matrosenstrasse 74 und Richterstrasse 7a abgesperrt. Eine aerztliche Kommission nahm eine Untersuchung der Kranken vor. Das Resultat dieser Untersuchung war die Qualifikation von 39 Kranken zur Ausreise auf Arbeit ausserhalb des Gettos. Ausgewaehlt wurden offene Tuberkulose faelle. Insgesamt wurden 225 Personen fuer diesen Transport der deutschen Behoerde zur Verfuegung gestellt. Sie wurden sofort in zwei Partien zur Bahnstation Radegast ueberfuehrt. Personen, die seinerzeit aus Arbeitslagern ins Getto gekommen waren und jetzt im Zuge der Aktion nicht sichergestellt werden konnten, weil sie sich verborgen hielten, sollten durch Festnahme von Familienangehoerigen, als Geiseln, gezwungen werden, sich zu stellen. Es liegen Faelle vor, dass tatsaechlich diese Geiseln mit dem Transport abgehen mussten. Im Laufe der Nacht haben alle 225 Personen vom Bahnhof Radegast das Getto verlassen. Im Zentral-Gefaengnis befinden sich noch etwa 200 Personen, die sich fuer einen weiteren Transport bereit halten muessen.

Man sieht, welche Witterung das Getto hat. Es wird kaum in der Welt ein Plaetzchen geben, wo Menschen ein nahes Unheil so intensiv voraus empfinden.

Natuerlich haben diese Ereignisse, obwohl sie sich in der Nacht abgespielt haben, das ganze Getto aufgeruettelt. Wieder einmal ein 1. September. Kein Wunder, dass die Angst vor den kommenden Tagen der ganzen Bevoelkerung in den Knochen sitzt. Am Baluter-Ring ist die Stimmung aeusserst gedrueckt und auch der Praeses infolge dieser Ereignisse sehr niedergeschlagen.3

Einweisungen:

Heute wurde ein junger Jude aus Belchatow eingeliefert. Der Mann lebte ca 3 Jahre als Pole in einem Dorf im Warthegau und besass auch die Personaldokumente, die ihm ermoeglichten.4 Er wurde vor einigen Tagen entdeckt und deshalb zur Disposition der Gestapo ins Zentral-Gefaengnis eingeliefert.

Approvisation.

Keine Besserung der allgemeinen Lage. Alle Zufuhren unzulaenglich. Einige wenige Verteilungslaeden gaben kleine Gemueserationen aus.

Neue Regelung in den Diaet-Laeden:

Die Konsumenten der Diaet-Laeden, B, L, Ph, haben bisher keine Lebensmittelkarten besessen, sondern bezogen die Zuteilungen und Rationen auf Grund der B Legitimationen. Nun wurde ueber Verlangen der Karten-Abteilung, zwecks genauer Kontrolle der Verteilungsstelle, die Talon-Abteilung veranlasst, die Rationen nur auf normale Lebensmittelkarten auszufolgen. Demzufolge werden die Inhaber der B Legitimationen, B, L, Ph, normale Lebensmittelkarten erhalten.

Kleiner Getto-Spiegel.

Niedrigste Sterblichkeit:

Zum ersten Mal seit Bestand des Gettos registrierte man gestern, den 31. August, einen Todesfall. Das ist ein5 Symptom fuer eine wesentliche Besserung des Gesundheitszustandes der Bevoelkerung, denn es ist zu befuerchten, dass die Folgen der gegenwaertigen Hungerperiode doch eintreten werden. Allenfalls ist dieser Tag bemerkenswert.

Eingesiedelte:

Eine Zaehlung der im Oktober 1941 ins Getto eingesiedelten und jetzt noch vorhandenen Prager Juden ergab die Zahl von 1625 zum 1. September 1943. Rechnet man von dieser Zahl 2 Tote vom 1. September und 4 in der Nacht auf gestern ausgesiedelte, zusammen also noch 6 Personen ab, so befinden sich 1619 Prager Juden im Getto. Ihre urspruengliche Zahl war 4.999.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

29 Bauchtyphus, 1 Ruhr, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 3 Typhus, 1 Kniegelenktuberkulose, 1 Herzmuskelschwaeche, 1 Mastdarmkrebs.

1

In Bełchatów im Kreis Łask leisteten Juden Zwangsarbeit in einer Waffenfabrik (Fa. Klose). Vgl. Alberti 2004a, S. 1.

2

Die Akten des „Meldebüros“ enthalten eine Namenliste der Deportierten, in der aber das Ziel des Transportes nicht angegeben ist (APŁ, 278/995, Bl. 14-21). Bono Wien er schreibt am 1. September in sein Tagebuch, dass die Deutschen nachts 245 Menschen mitgenommen hätten, Kranke und „ Posen er“ (d.h. aus Posen er Lagern zurückgekehrte Zwangsarbeiter): „Die Szene war schrecklich“ (YIVO, RG 1452, Bl. 32 des Tagebuchs, übers. aus dem Jidd.).

3

Oskar Rosenfeld schreibt in diesen Tagen in sein Tagebuch: „31.VIII.-1.IX. Wieder Rummel mit Aschkenes: Aus Czarnieckiego hundert Personen weggeführt, ferner 12 Lungentuberkulose aus Spital. Anzunehmen, daß diese verloren sind nach bekannter Methode. [...] 2.IX. [...] Aussiedlung, wenn nicht direkt Arbeit, ist Tod. Daher: wer für einen kleinen Kartoffeldiebstahl auf Czarnieckiego sitzt, ist so viel wie zum Tod verurteilt, da er als Opfer bei Aussiedlung dem gierigen Rachen des Aschkenes hingeworfen wird. [...] Szene nachts: In Czarnieckiego bei Aussiedlung: die einen starr vor Entsetzen, die anderen weinen, jammern, die dritten wollen nicht an den Ernst glauben, die vierten trotzen. Man hört singen Hatikwah... Familienmitglieder, wann die Personen sich verborgen hielten, als Geiseln genommen und mitgeschleppt!“ (Rosenfeld 1994, S. 220f.).

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So in HK, LK*, JFK*.

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So in HK, LK*, JFK*.