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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 10. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
130
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Das Wetter:

Tagesmittel 12-20 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

15,

Geburten:

2 /m./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.135

Tagesnachrichten.

Heute hat der Präses 14 Hochzeitspaare in Marysin getraut.

Aufhebung der Postsperre:

Die Lage ist inzwischen geklärt. Erlaubt sind lediglich Postkarten u.zw. nur nach dem Altreich, Protektorat Böhmen und Mähren und General-Gouvernement. Gestattet sind nur kurze Familiennachrichten an Angehörige. Es dürfen keine Lebensmittelsendungen erbeten werden, hingegen darf der Empfang von Brot bestätigt werden. /Der Empfang von Paketen darf nicht bestätigt werden./ Die Postabteilung wird erst in 2-3 Tagen eine entsprechende Anzahl von Postkarten ausgeben. Inzwischen beim Postschalter abgegebene Karten werden gesammelt und einer jüdischen Zensur unterzogen. Von der Postabteilung erfährt man, dass sodann auch eine deutsche Zensur das Material überprüfen wird. Wiewohl diese Einschränkung immerhin die Hoffnungen ein wenig dämpft, ist die Freude im Getto doch unvermindert. Das Gefühl, dass man ja doch wieder mit Menschen ausserhalb des Gettos in Verbindung treten wird, bedeutet doch eine Erleichterung der bisher getragenen schweren seelischen Last.

Kripo-Lager aufgelöst:

Das Lager für verwahrloste Kinder in Marysin, im Getto kurz Kripolager oder Polenlager genannt, wird mit heutigem Tage aufgelassen. Was mit den jugendlichen Insassen geschieht, ist dem Getto nicht bekannt.1

Approvisation.

Keine Aenderung.

Kleiner Getto-Spiegel.

Man darf wieder schreiben:

Die Aufhebung der Postsperre hat wie eine Ueberraschung ersten Ranges gewirkt. Das Getto kann die Nachricht kaum fassen – da und dort Zweifel –, da oft genug im Lauf der Jahre sogenannte günstige, erfreuliche Nachrichten sich als Gerüchte erwiesen und zu schweren Enttäuschungen geführt haben. Aber diesmal ist’s ernst. Im Vorraum der Postabteilung kann man es schwarz auf weiss lesen: das Schreiben an Verwandte dahin und dorthin ist erlaubt.

Man denkt zuerst daran: „Wem soll ich schreiben? Wo befindet sich die Person, der ich schreiben möchte? Ist sie überhaupt noch am Leben?“ Es heisst abwarten. „Vielleicht schreibt jene Anverwandte an mich zuerst, sodass sich nach kurzer Zeit ein Kontakt ergeben kann.“

In der Hauptsache geht es bei den Eingesiedelten aus dem Protektorat Böhmen und Mähren darum, aus diesem immer noch nicht ganz erschöpften Land etwas Essbares, ein Paket Lebensmittel zu erhalten, insbesondere Brot, denn solche Pakete kommen einige täglich ins Getto. Also schreiben ... Das ist leicht gesagt. Man hat sich das Schreiben nach 30 Monaten Briefsperre abgewöhnt.

Der Besitz von Tinte und Feder gehört zu den Seltenheiten. Und so geschieht es, dass man sich an irgend einen Bekannten wendet, von dem man annimmt, dass er diese Raritäten noch besitzt. Oder, dass man aufs Geradewohl an irgendeiner Wohnungstür anklopft, bittend: „Kann ich bei Ihnen einige Korrespondenzkarten schreiben? Nur ein paar Zeilen. Ich möchte bloss zu eruieren versuchen, ob mein Bruder ..., meine Mutter ..., mein Onkel ... noch lebt. Zuhause habe ich weder Feder noch Tinte.“ Wozu? Und er schreibt ein paar Zeilen, lächelnd, im Vorgefühl des Glücks, das ihn erwartet.

Man hört, man spricht ...

... dass der Präses eine Aenderung im soeben eingeführten Talonsystem beabsichtigt. Es heisst, dass schon von nächster Zuteilung an alle ehemaligen Beiratgeniesser nur in einer Kategorie Zuteilungen erhalten werden u.z. durchwegs zu 50%, d.h. für zwei Mitglieder 1 Talon, für dreigliedrige Familie 1 1/2 Talon, u.s.w. Der Präses soll sich zu dieser Massnahme entschlossen haben, weil unzufriedene Dignitare ihn mit Reklamationen überhäuft haben.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 20 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

9 Lungentuberkulose, 2 tuberk. anderer Organe, 2 Lungenkrankheiten, 1 Herzschlag, 1 Gehirnhautentzündung.

1

Das sog. „ Polen -Jugendverwahrlager“ war von deutscher Seite bereits seit 1941 geplant. Der Bau wurde in den folgenden Wochen zügig vorangetrieben (vgl. den Eintrag „Bau eines Polen lager s für Jugendliche“ in der Tageschronik vom 24. November 1942) und war – wie aus der Tageschronik vom 20. Dezember 1942 (Eintrag „Im Lager für jugendliche Polen“) hervorgeht – ab 10. Dezember 1942 eingerichtet. In das „ Polen -Jugendverwahrlager“ wurden polnische Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre, deren Eltern in Lagern oder Gefängnissen waren, und Waisenkinder gebracht. Auch Jugendliche, die angeklagt waren, mit dem Widerstand zusammengearbeitet oder gestohlen zu haben, wurden hier interniert. Das Lager unterstand der „Reichszentrale zur Bekämpfung der Jugendkriminalität“. In den Jahren 1943/44 lebten in diesem Lager mehr als 1000 Jungen und ungefähr 250 Mädchen unter katastrophalen sanitären Bedingungen. Zudem bekamen die Insassen viel zu wenig Lebensmittel, obwohl auch sie Zwangsarbeit leisten mussten. Der „Abschlussbericht in dem Ermittlungsverfahren gegen den Lagerkommandanten Heinrich Fuge u.a.“ der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg von Staatsanwalt Wolfram Wiesemann aus dem März 1970 beschreibt detailliert die Geschichte des Lagers und die Bedingungen. Dort wird aus dem polnischen Bericht „Zbrodnie Hitlerowskie“ über Prügelstrafen im Lager zitiert: „Geschlagen wurde auf verschiedene Körperteile der Opfer, und dabei auch auf die Fußsohlen. Eine weitere Bestrafungsart war das Hüpfen in einem Sack, der am Hals des Opfers verschnürt wurde, Einsperrung des Opfers in einer Dunkelkammer für einige oder sogar viele Tage, schließlich Kostentzug.“ Das Verfahren vor dem Landgericht Hamburg wurde am 21. Juni 1978 eingestellt (ZstL, 203 AR-Z 182/1969, Bl. 27-193, Zitat Bl. 39). Zur Geschichte des Lagers sowie zu den dortigen Arbeits- und Lebensbedingungen vgl. vor allem Hepp 1986; weiter Baranowski 2003a, S. 36-38; Wehner 1989, S. 667f. Vgl. auch den Schriftverkehr der deutschen Gettoverwaltung zu diesem Lager (APŁ, GV 31364). Hepp 1986, S. 49, zitiert aus einem undatierten Brief des Rechtsanwaltes Marek Zakrzewski an das Maximilian-Kolbe-Werk (wobei ihm der Brief in einer aus dem Polnischen übersetzten Fassung vorliegt): „Als ich im Herbst 1943 in das Jugendverwahrlager kam, war ich zwei Jahre und drei Monate alt – der jüngste Häftling dort. Etwas, woran ich mich sogar noch erinnere, ist, daß ich immerfort weinte. … Meine Eltern waren zum gleichen Zeitpunkt wie ich verhaftet worden. Man hat sie umgebracht. Ich weiß nicht einmal, wie sie aussahen.“ – Der ehemalige Häftling Józef Witkowski hat seine Erinnerungen an die Zeit im Lager und die dortigen Bedingungen in Buchform festgehalten (Witkowski 1975). Die Zahl der Opfer im „ Polen -Jugendverwahrlager“ lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Von gut 100 Kindern sind die Sterbeurkunden erhalten, doch wieviele darüber hinaus im Lager ermordet wurden oder an den Bedingungen gestorben sind, ist nicht bekannt. Vgl. Hepp 1986, S. 60.