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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 11. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
207

Das Wetter:

Tagesmittel 18-28 Grad, zeitweise bewoelkt, kuehl.

Sterbefaelle:

10

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 4

Bevoelkerungsstand:

84.169

Tagesnachrichten.

Die Stimmung im Getto ist womoeglich noch gedrueckter. Besonders in den Abendstunden laesst sich ein Fluestern vernehmen, als ob etwas im Getto vorginge, in Wirklichkeit aber liegt kein konkreter Grund vor. Vielleicht ist es doch nur die Lebensmittelknappheit, die auf die Gemueter wirkt. Viele Leute wollen wissen, dass aus den fliegergeschaedigten Gebieten sehr viele Menschen nach Litzmannstadt gekommen sind und dass deshalb die Lebensmittelzufuhr stockt. Das ist aber, angesichts der organisatorischen Kraefte, die hier im Spiele stehen, wohl nicht anzunehmen. Immerhin, die Stimmung ist aus diesem oder jenem Grunde, den man nicht zu konkretisieren vermag, ueberaus schlecht und nervoes.

Inzident1 in Radegast:

Auf der Eisenbahnstation, nahe bei der Warenannahme in Radegast, wurde aus einem dort haltenden Militaertransportzug /Sanitaetszug?/ ein Gewehrschuss abgegeben, durch den ein Funktionaer der Gettostrassenbahn am rechten Oberschenkel verletzt wurde. Der Verletzte wurde ins Krankenhaus ueberfuehrt und sofort operiert.2

Abtragung einer Kirche:

Im Rahmen der Abbrucharbeiten, soll heute die ehemalige Mariavittenkirche / Franzstr. 27/ durch Sprengung abgetragen werden. In dieser Kirche hatte eine Zeit lang die Getto-Verwaltung ein Pelzlager.3

Approvisation.

Zuteilung von Kaese:

Der in unseren Bericht v. 10. ds. angefuehrte Steinbuscherkaese4 wurde in Rationen zu 15 dkg den Metall- und Tischler-Abteilungen zugewiesen.

Die Lage in der Approvisation

ist nach wie vor schlecht. Die unzureichenden Kartoffeleinfuhren ermoeglichen nicht die klaglose Ausfolgung der letzten 3 kg Ration. Man befuerchtet auch eine Reduktion der Kartoffelmengen in den Suppen. Selbst fuer die Kraeftigungskuechen sind keine Kartoffeln mehr vorraetig. Am 9. und 10. ds. sind, wie aus der Wareneingangsliste hervorgeht, ca 90.000 kg Kartoffeln hereingekommen.

Verzoegerung der Eroeffnung der 3. Kraeftigungskueche:

Mit Ruecksicht auf die ausserordentliche Knappheit, vor allem an Kartoffeln, musste der Praeses die Eroeffnung der 3. Kraeftigungskueche und die Kraeftigungskuechenaktion fuer Jugendliche5 vorlaeufig zurueckstellen. Besonders der letztere Umstand wirkt sich ausserordentlich unguenstig aus, da vor allem schon die Jugendlichen mit Sehnsucht auf den Beginn dieser Aktion gewartet haben.

Waren-Eingang vom 9. August 1943:

Lebensmittel: 8.180 kg Mairueben6, 50.750 kg Kartoffeln, 2.250 kg Kohlrabi, 410 kg Rettich, 3020 kg Weisskohl, 25.500 kg Roggenmehl, 15.878 kg Brotaufstrich, 115 kg Freibankfleisch, 1.315 kg Pferdefleisch, 377 kg Rindfleisch Freib., 35 kg Schweinefleisch Freib., 28 kg Kalbfleisch Freib. Zusaetzliche Bedarfsgueter: 3 St. Kokoslaeufer, 2 elektr. Buegeleisen, 21 St Naehmaschinen u. Koepfe7, 10 kg Loetzinn, 5.230 kg Kaoritleim, 21.100 kg Koksgrus, 7 St Haeckselmesser, 3 m Gummispiralschlauch, 520 kg Lederabfall, 3 Duden-Rechtschreibung.

Waren-Eingang vom 10. August 1943: Lebensmittel:

1.050 kg Steinbuscherkaese, 35.960 kg Kartoffeln, 4.350 kg Kohlrabi, 50.500 kg Roggenmehl, 2.550 kg Rapsoel, 203 kg Tomatenmark, 180 kg Kapern, 200 kg Essiggemuese, 540 kg Seemuschelfleisch, 100 Glaeser Meerrettich, 30 kg Bruehpaste, 50 St Bruehpaste, 100 kg Senfwuerze, 440 kg Salattunke, 1.068 kg Rossfleisch, 1.619 kg Rindfleisch Freib., 59 kg Schweinefleisch, 39 kg Kalbfleisch. Zusaetzliche Bedarfsgueter: 15.684 St Seife, 1 Paginiermaschine8, 217 kg Schwefelnatrium9, 196 kg Glaubersalz10, 120 kg Essigsaeure, 10.350 kg Koksgrus, 32 kg Benzin, 99 l Petroleum, 3.766 kg Versch. Papier.

Man hoert, man spricht ...

... es sind neuerdings wieder Geruechte im Umlauf, die von der Abtrennung gewisser Teile des Gettos sprechen. So soll ein Stueck an der Gnesenerstrasse bzw. Hamburgerstrasse sowie ein Stueck in Marysin abgetrennt werden. Die Tatsache, dass der Praeses gestern mit M. Kliger in Marysin eine Terrainbesichtigung vorgenommen hat, bestaetigt dieses Geruecht.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

4 Tuberkulose.

Die Todesursachen der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 1 Bauchfellentzuendung, 1 Tbc. Gehirnhautentzuendung, 1 Herzkrankheit, 1 Typhus.

1

Inzident ‚Zwischenfall; Vorfall, Ereignis‘; aus engl. incident, zu lat. incidere ,begegnen, befallen‘.

2

Über den Vorfall in Radegast erstattet die Abteilung IV des jüdischen „Ordnungsdienstes“ am selben Tag dem Vorstand des O.D. Meldung: „Am heutigen Tage um 12 Uhr 30 Min. bekamen wir die Meldung, dass aus einem auf dem Bahnhofe Radegast stehenden Zuge einige Schüsse abgegeben wurden. Von einem dieser Schüsse wurde der 21 jährige Arbeiter der Strassenbahn Langleben Burech, wohnhaft Sulzfelder 20 getroffen und am Oberschenkel verletzt“ (APŁ, 278/341, Bl. 80).

3

Die Kirche der ehemals mariavitischen Gemeinde lag an der ul. Franciszkańska . Die Mariaviten (zu lat. Mariae vita) waren eine von Rom unabhängige katholische Glaubensgemeinschaft, die 1893 in Polen entstand und in sozialer Arbeit dem Leben Marias nachfolgt.

4

Steinbuscherkäse ist ein halbfester Schnittkäse aus Kuhmilch mit einer gelb-braunen bis rötlichen Rinde, im Geschmack zunächst mild, nach längerer Reife pikant-würzig. Seit 1830 wird er nur im Allgäu hergestellt; heute gilt er als bayerische Spezialität.

5

HK, LK** JFK*: Ursprünglich „Kinder“; von Hand ersetzt.

6

Mairübe: Die weiß-violett schimmernde Mairübe ist eine Unterart der Speiserübe mit einem hohen Anteil an Vitaminen, Mineralstoffen und Eiweiß. Ihre Wurzel wird roh oder gedünstet verzehrt, ebenso können ihre Blätter wie Spinat zubereitet werden.

7

Mit Kopf wird der rein maschinelle Teil einer (Industrie-, Gewerbe-, Haushalts-) Nähmaschine, also ohne Untergestell oder Tretvorrichtung, bezeichnet.

8

Paginiermaschinen sind Metallstempelapparate mit automatisch schaltenden Zahlen.

9

Schwefelnatrium (als Grundchemikalie) wird z.B. zur Enthaarung von Häuten bei der Lederherstellung, zur Zellstoff- bzw. Fasergewinnung bei der Papierherstellung, in der Abwasserbehandlung zur Schwermetallfällung sowie zur Herstellung von Schwefelfarbstoffen verwendet. Natriumsulfit (Na2SO3) dient der Konservierung (Einschwefelung) von Obsthalbfabrikaten und Trockenobst.

10

Glaubersalz (eigentlich Natriumsulfat-Dekahydrat) wird dem Waschmittel als sog. Schmutzträger zugesetzt, das die Aufnahme des Schmutzes in die Waschbrühe verbessert.