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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 12. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
193

Das Wetter:

Tagesmittel 18-30 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

14,

Geburten:

6 /5 w., 1 m./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:1

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute morgens ist der IX. Transport abgegangen. Mit diesem Transport ging kein Arzt mit. Bestimmt war Dr. Grödel, Köln, der jedoch in letzter Minute zurückgezogen wurde und voraussichtlich mit dem nächsten Transport abgehen wird. Es gingen wieder 700 Personen, sodass insgesamt mit diesem Transport 6,496 Personen bereits ausgereist sind.

Die Lage wird immer gespannter, weil die Kommission mit der Gestellung des erforderlichen Menschenmaterials nicht mehr zu Rande kommt. Der Präses hat sich daher zu schweren Massnahmen entschliessen müssen. Durch Nachtrazzien werden die Menschen aufgetrieben. Die Ordnungsdienstabteilungen bekommen Listen, holen die Menschen aus den Betten, konzentrieren sie in den Revieren und liefern sie dann tagsüber in das Zentralgefängnis ein.2

Die Aktion Dr. SingerDr. Bondy:

Dr. Singer liess die zum Präses bestellten Personen, die zur Befreiung vorgeschlagen sind, heute in den Vormittagstunden zu sich rufen und instruierte sie für die bevorstehende Musterung durch den Präses. Um 6 Uhr abends fanden sich die ca 70 Personen im Arbeitsamt ein.

Der Präses hielt zunächst eine kurze Ansprache, in der er ausführte, dass seine Lage ausserordentlich schwierig sei. „Mit zwei Hämmern“, so sagt er, „schlägt man auf mich ein. Der eine auf mein Herz, der andere auf mein Gehirn. Das Herz will nicht bewilligen, was der Verstand verlangt und doch muss das schwere Problem gelöst werden. Ich sehe ein, es müssen gewisse Rücksichten geübt werden und ich will sie üben, so gut ich kann.“ –

Sodann liess der Präses jeden Einzelnen nach der Liste vor und behandelte jeden Fall individuell. Bis auf einen einzigen Fall, in welchem die Frau, um die es sich handelt, verschwiegen hatte, dass sie bereits seit mehreren Tagen die Vorladung hatte, bewilligte der Präses alle Befreiungen. Zwei Fälle hievon waren schon brennend, weil sie sich schon im Zentralgefängnis befanden. Der Präses hat diese beiden Fälle persönlich telefonisch mit dem Zentralgefängnis im Laufe des Nachmittags erledigt.

Damit hat der Präses volles Verständnis für die wenigen, noch vorhandenen Eingesiedelten bewiesen, die Verdienste haben bzw. von denen noch gewisse Leistungen zu erwarten sind.

Wenn auch die Initiative von Dr. Oskar Singer ausgegangen ist, so ist die Durchführung der Aktion in erster Linie der Mithilfe von Rechtsanwalt Neftalin und Kommandant Reingold zu danken.

Approvisation.

Leichte Besserung in der Gemüsezufuhr. Heute kamen 5,530 kg Rote Beete, 10,060 kg Möhren, 22,870 kg Weisskohl, 2080 kg Kohlrabi, 920 kg Radies3. An Fleisch kamen heute 2,530 kg. Auch heute kamen wieder 3,300 kg Brot aus der Stadt.

Kleiner Getto-Spiegel.

Aepfelchen, wohin rollst Du?

/Fortsetzung/.

Inzwischen stopft der Knabe in sich hinein, was Platz hat. Er hat sich ja gestellt und hat vollen Anspruch auf den Kaufpreis. Er hofft, gestärkt, erholt, das Zentralgefängnis verlassen zu können. Aber das Uebermass an Essen scheint ihm nicht gut bekommen zu haben, er erkrankt. Er wird aus dem Zentralgefängnis entlassen, die Mutter nimmt ihn in häusliche Pflege. Nun liegt er heute mit hohem Fieber todesmatt allein in der Stube, denn die Mutter rast von Arzt zu Arzt, von Protektion zu Protektion, Typhusverdacht ...

Der Vater liegt noch im Spital. Hoffen wir, hoffen wir ...

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 2 Lungeninfiltration, 1 Tuberkul. Bauchfellentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Arterienverkalkung, 2 Hirnhautentzündung, 1 Bauchfellentzündung, 1 Darmentzündung, 1 Lebensunfähig /neugeborenes Kind/.

1

HK, NYK**, JK**, JFK*: Keine Angabe.

2

Jakub Hiller berichtet in seinem Tagebuch über die nächtlichen Razzien: Die zur Deportation bestimmten Menschen seien nachts aus den Betten geholt worden; die Nerven der Menschen im Getto seien „angespannt wie die Saiten einer Fidel“ gewesen (AŻIH, 302/10, Bl. 43; übers. aus dem Jidd.). Er beschreibt auch die Methoden, durch die die Menschen tagsüber zur Deportation zusammengetrieben wurden: Zum einen habe der „Ordnungsdienst“ an den Läden, bei denen die Menschen ihre Lebensmittel abholen wollten, gewartet, zum anderen habe er an den Działkas sein Glück versucht, wo zahlreiche Menschen sich in der Hoffnung aufhielten, noch etwas Gemüse zu finden (AŻIH, 302/10, Bl. 47-49). Ein zwölfjähriges Mädchen notiert am 13. Juli 1944 in ihr Tagebuch: „Bei Tag und Nacht ist Alarmbereitschaft. Heute haben sie auf der Straße jeden ergriffen, der dort ging. Mich wollten sie auch der Gruppe anschließen, aber ich bin zurück zum Tor geflohen. Die Gruppe wurde zur ul. Łagiewnicka 10 auf den Platz geführt. Dort haben die Menschen den ganzen Tag gesessen. Am Abend erst wurde überprüft, wer einen Aussiedlungsbescheid hat und wer keinen hatte, durfte nach Hause gehen. Wenn an den Kooperativen und Diätläden Schlangen sind, kommt die geheime Polizei [ Sonderabteilung ] und nimmt aus den Läden diejenigen, die Karten [Aussiedlungsbescheide] haben, mit, so, wie sie zu den Kooperativen gekommen sind, ohne Rucksäcke, überhaupt ohne alles“ (AŻIH, 302/9, Bl. 1; übers. aus dem Poln.).

3

Radies ‚Rettiche‘; zu lat. radix ‚Wurzel‘, bair., österr.