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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 14. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
165

Das Wetter:

Tagesmittel 20-32 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

17 /7 M, 10 F/

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.544

Selbstmordversuch:

Am 13.6.44 versuchte die Lajzerowicz Helena, geb. 24.4.26 in Lodz, wohnhaft Halbeg. 8, durch Einnahme eines Schlafmittels Selbstmord zu verüben. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Arbeiter nach ausserhalb des Gettos:

Heute sind aus dem Zentral-Gefängnis 30 Mann zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos abgegangen. Ziel unbekannt. Ueber Veranlassung des Präses erhielten die Leute 2 Brote /4 kg/, 25 dkg Zucker, 20 dkg Wurst und 100 Stück Zigaretten.

Der Präses erschien heute für einige Stunden wieder im Amt.

L.S.-Wart:

Von der Getto-Verwaltung kam der Befehl, die Umfriedungen aller Gettogärten, soweit sie den Zugang zu den Splittergräben hindern könnten, sofort zu beseitigen.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert katastrophal. An Frischgemüse kam herein:

am 12.6. Salat 8.420 kg, Radieschen 9.370 kg, 10.340 kg Mairettich und 2.610 kg Kartoffeln. Am 13.6. Radieschen 5.390 kg, Salat 19.950 kg, Mairettich 525 kg und 1225 kg Dille. Und heute kamen 32.000 kg Salat, 5.000 kg Radieschen, 17.470 kg Mairettich, 1110 kg Rote Beete mit Laub und 693 kg Kartoffeln. Fleisch kam am 12. 4.010 kg, am 13. 3.540 kg und heute 2.330 kg. Alle anderen Lebensmittel kamen im Rahmen des Kontingents. Aus den letzten Gemüseeinläufen gab es eine Ration u.zw. 1 kg Salat und 1 kg Radieschen.

Kleiner Getto-Spiegel.

Kollektivstimmungen:

Man betritt die Strasse, stösst auf einen Bekannten.

„Was gibt es?“

„Sie wissen ja, man spricht davon ...“

„Wenn man nur spräche, wäre alles gut, aber –“

„Es heisst, dass in den nächsten Wochen –“

„Schlecht ist’s auf jeden Fall ...“

„Im Vorjahr hatten wir dieselbe Lage ...“

„Auf Arbeit ausserhalb des Gettos –“

„Wer hat Ihnen das erzählt?“

„Alle sprechen so –“

Und wenn alle so sprechen, dann wird es allmählich wahr. Oft genug kam es vor, dass das Getto gefühlsmässig irgend ein Ereignis oder die Vorbereitung zu diesem Ereignis deutete und Recht behielt. Die Gefahr hat uns gelehrt: das Getto reagiert mit der Genauigkeit eines Barometers auf die „atmosphärischen“ Auswirkungen aller Ereignisse, soweit sie die Existenzbedingungen der Gettobewohner betreffen. Ein Wort, ein Flüstern, ein Augenzwinkern, ein Achselzucken genügt, um die erforderliche Reaktion hervorzurufen. Wie eine elektrische Welle gehen die Nachrichten durch das Getto. Die Stimmung des Gettos ist ein Faktor, mit dem man rechnen kann. Hier besteht das feinste Gefühl für Dinge, die sich nicht in eine konkrete Definition pressen lassen. Die Schicksalsschläge von vier Jahren haben das Getto festgeschmiedet. Es ist ein Körper mit einem gemeinsamen Herzen, einer einheitlichen Intuition geworden. Das Getto besitzt die Gabe, die Ereignisse vorauszufühlen. Es gibt sozusagen Kollektivstimmungen, mit denen der Chroniqueur des Gettos in guten und in schlimmen Tagen rechnen muss.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

8 Lungentuberkulose, 2 Tuberkul. anderer Organe, 3 Lungenkrankheiten, 4 Herzkrankheiten.