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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 15. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
333

Das Wetter:

Tagesmittel 3 bis 1 Grad unter 0, trocken, Frost.

Sterbefälle:

6

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

83.210

Sonstiges:

Am 14.12.1943 starb Kapper Hans, wohnhaft Schlosserstr. 2, im Krankenhause an den Folgen der in selbstmörderischer Absicht eingenommenen Veronaltabletten. Siehe Tagesmeldung v. 12.12.1943.

Tagesnachrichten.

Der Präses ist noch gestern nachts um 1/2 11 Uhr aus Litzmannstadt ins Getto zurückgekehrt. Er kam mit der Strassenbahn bis Baluter-Ring. Die wenigen Menschen, die davon Kenntnis hatten, verbreiteten die Nachricht, so gut sie konnten. In manchen Häusern liefen Leute von Tür zu Tür, klopften an und riefen den Wohnungsinsassen nur zu: „Der Präses ist wieder da!“ Als in den Morgenstunden das ganze Getto bereits wusste, dass der Präses wieder zurückgekehrt sei, atmete alles erleichtert auf.

Schon um 7 Uhr morgens war der Präses am Baluter-Ring. Wohl müde und abgespannt – er war ja ohne Frühstück in die Stadt gefahren – und bis in den späten Abendstunden hatte er nichts zu sich genommen.1 Vor allem fehlte ihm seine geliebte Zigarette, denn er ist ja ein starker Raucher. Gleich in den Morgenstunden kamen Freunde und Mitarbeiter zu ihm auf dem2 Baluter-Ring, um ihn zu beglückwünschen.

Ueber das Thema der Untersuchung ist von ihm nichts zu erfahren. Nur dass es sich um Approvisationsfragen handelt, bestätigte er auch jetzt wieder. Einige Einzelheiten erzählte er. Als er dem Stellvertretenden Leiter der Geheimen Staatspolizei vorgeführt wurde, meldete er sich zur Stelle, als Aeltester der Juden in Litzmannstadt. Der Beamte erwidert darauf, dass er ja doch vorgeführt worden sei und sich daher nicht zu melden habe, als wäre er freiwillig gekommen. Darauf antwortete Rumkowski: „Nun wenn ich schon da bin, dann melde ich mich gehorsamst.“

Mit der ihm eigenen Elastizität gelang es ihm natürlich auch, eine günstigere Stimmung zu schaffen, indem er scherzhaft bemerkte, es waere seit Jahren sein erster Ruhetag. Er wurde, wie gesagt, korrekt behandelt und man habe ihm bemerkt, dass er für alles im Getto die volle Verantwortung trage. Mehr war aus dem Präses nicht herauszuholen. Möglich, dass er Jakubowicz oder Kliger gegenüber etwas redseliger war, andere Leute haben nichts über den Grund der Vorführung erfahren.

Im Laufe des Tages empfing er eine Menge von Leitern.

Bezeichnend für die geradezu erstaunliche Vitalität des Präses ist, dass er im Laufe des Tages schon im Schuhmacher-Betrieb, Sonabend, eingriff, wo eine kleine streikartige Demonstration der Schuster gemeldet wurde.

Im Betrieb Gutreiman ereignete sich ein Vorfall, in dessen Verlauf Gutreiman 3 Arbeiter festnehmen liess. Als sich Gutreiman in dem3 Betrieb Sonabend begab, demonstrierten die Schuster gegen ihn und legten die Arbeit nieder. Der Präses erschien, griff mit der üblichen Sicherheit und Energie durch, gab den Arbeitern einige Minuten Bedenkzeit und bestrafte sie mit einer verlängerten Arbeitszeit an diesem Tage bis 9 Uhr abends.

Als wenige Minuten nach dem Eingreifen des Präses Herren der Getto-Verwaltung zu Sonabend kamen, war der Zwischenfall bereits beigelegt.

Das Getto atmet erleichtert auf, dies umsomehr, als der Präses beruhigende Erklärungen abgab. Ob dies nur eine Beruhigung ist, bzw. ob weitere Untersuchungen folgen werden, kann niemand feststellen.4

Kommission am Baluter-Ring:

Die Untersuchungskommission, die den Präses in der Stadt verhört hatte, traf am Vormittag am Baluter-Ring ein und nahm den Leiter der Waren-Annahmestelle /Approvisation/, Kincler, mit seinen Büchern in die Stadt mit. Kincler5, der ebenfalls nicht recht weiss, worum es geht, kehrte nach 2 Stunden wieder ins Getto zurück.

Auch der Amtsleiter ist nach wie vor am Baluter-Ring.

Approvisation.

Keine besonderen Aenderungen. Das Getto ist mit der Einholung der Steckrüben- und Kartoffelration beschäftigt und das ist, angesichts der üblichen technischen Schwierigkeiten, eine hinreichende Belastung für den Einzelnen.

Ressortnachrichten.

Tischlerei:

Heute lieferte die Tischlerei, Zimmerstrasse, die ersten zwei Waggonladungen Munitionskisten am Bahnhof Radegast ab. Kommissar Terkeltaub war persönlich anwesend, um die Verladungsarbeiten zu überwachen und dafür zu sorgen, dass die Kisten unbeschädigt verladen werden. Es wurden insgesamt 1500 Stueck abgeliefert. Keine Beanstandung erfolgte. Die Tischlerei lässt alle Vorsicht walten, denn der Militärbevollmächtigte erklärte, dass die ganze Ladung refüsiert werden müsste, falls auch nur 3 Kisten fehlerhaft waeren.

Kleiner Getto-Spiegel.

Humor im Getto:

Man erzählt sich folgenden netten Scherz: Als man den Präses fragte, wie sich die Approvisation nunmehr nach seiner Rückkehr gestalten wird und ob er wieder Talons austeilen werde, sagte er: alles bleibt beim „Alten.“6

Man hört, man spricht ...

... dass der Präses demnächst wieder die Kräftigungs-Küchen eröffnen wird. Dieses Gerücht tauchte vor allem aus dem Grunde auf, weil die bisherige Leiterin des Büros der Kräftigungs-Küchen, Frl. Lewkowicz, aus dem Leder- und Sattler-Ressort nach dem Ressort Hanseatenstr. 53 transferiert wurde, wo sich bekanntlich früher ihr Büro befand. In Wirklichkeit jedoch ist davon gar keine Rede.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 1 Magengeschwür, 1 Grippe, 1 Selbstmord.

1

So in HK, LK**, JFK**

2

So in HK, LK**, JFK**.

3

So in HK, LK**, JFK**.

4

Vgl. zur Aufregung um Rumkowski auch die Aufzeichnungen von Jakub Poznański (Poznański 2002, S. 138f.).

5

HK: „Kincler“ von Hand korrigiert zu „Kinstler“.

6

HK: Ursprünglich „alten“; von Hand korrigiert zu „Alten“; zusätzlich wurden die Anführungszeichen hinzugefügt. LK**, JFK**: „alten“.