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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 15. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
75

Das Wetter:

2 Grad, starkes Schneetreiben.

Sterbefälle:

6

Geburten:

2 /m./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.920

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Eine grössere Kommission, an der Spitze der Vertreter des Gauleiters1, mit dem Oberbürgermeister Dr. Bradfisch besuchte das Getto und besichtigte mehrere wichtigere Ressorts. Es wurden auch Privatwohnungen besichtigt, bei welcher Gelegenheit der Amtsleiter auf den schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung hinwies.

Die Umschichtungsaktion des Amtsleiters

flaut allmählich ab. Der Amtsleiter lässt sich Listen des Personals vorlegen und es macht den Eindruck, als ob er diese Massnahme nicht weiter fortsetzen wollte, zumal sich sehr schnell gezeigt hat, dass Zuweisungen von physischen Arbeitern, z.B. nach Radegast, nicht den gewünschten Effekt hatten. Vielfach hatte man den Eindruck, als ob ein Schlag gegen die Abteilungen geführt wurde, wodurch in erster Linie natürlich der Präses selbst getroffen werden sollte. Ob dies tatsächlich die Absicht des Amtsleiters war, ist natürlich nicht feststellbar. Das Resultat ist jedoch die vollständige Lahmlegung gewisser wichtiger Institutionen. So ist z.B. die FUKA vollkommen erledigt. Ob diese Abteilung in irgend einer Form oder im engsten Rahmen rekonstruiert werden soll, wird noch erörtert. Keinesfalls wird die FUKA irgend einen Einfluss auf die Ressorts haben. Hier scheint die Absicht des Amtsleiters ziemlich eindeutig zu sein.

Was das Mitglied des Präsidiums Luzer Najman betrifft, hat der Amtsleiter angeordnet, dass der Genannte mit einer Gruppe von etwa 100 Personen eine eigene Arbeitskolonne bilden soll, die bei Abbrucharbeiten eingesetzt werden wird.

Ressortleiter erhielten Bäckereikonsumption:

Ca 80 Ressortleiter wurden formell als Delegierte den Bäckereien zugewiesen. Diese Personen werden nach wie vor in ihren Stellungen verbleiben und nur die Konsumption genau so erhalten, wie es bei Delegierten üblich ist. Durch 4 Wochen hindurch erhalten sie also pro Woche 1 Laib Brot.

Vom Ordnungs-Dienst:

Beim Ordnungs-Dienst hat der Präses verschiedene Beförderungen angeordnet. Fast alle „W“-Offiziere2, die in den Ressorts eingesetzt sind, wurden befördert.

Approvisation.

Am heutigen Tage erhielt das Getto 2970 kg Rote Beete und 9500 kg konserv. Rote Beete. An Frischfleisch kam heute ca 2.000 kg herein. Alles übrige im Rahmen des Kontingents.

Schwarzhandelspreise:

Brot 1.000.- Mk, Mehl 750 Mk, sonstige Preise ohne Aenderung. Fleischdose 800-850 Mk, Umtauschbasis 1 Dose Fleischkonserve gegen 1.20 kg Mehl. Ressortmittag /Kohlrüben/ 26-32 Mk, Kolonial 38-44 Mk.

Ressortnachrichten.

Am gestrigen Tage besuchte eine fachmännische Kommission unter Leitung des Amtsleiters Biebow den Holzbetrieb I. Es war 17 Uhr 15 und der Betrieb stand bereits still. Die Arbeiter wurden aber jedoch aufgehalten und der Betrieb nochmals in Gang gebracht. Es wurde bis ca 18 Uhr gearbeitet.

In den Holzbetrieb I

werden aus der Stadt auch weiterhin grosse Bestände von Rohmaterial eingebracht. Auch sehr viele Maschinen kommen herein. Die II. Abteilung wird wesentlich vergrössert durch Hinzunahme von Räumen des Objektes Alexanderhofstr. 47.

Im Holzbetrieb I ist ein neuer Kesselraum und eine Trockenkammer in Betrieb gesetzt.

Die Schneidereien

erhielten auch heute über Radegast grosse Mengen von Textilwaren.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 2 Herzmuskelschwäche.

1

Für Näheres vgl. die Anmerkung zum Eintrag „Kommission im Getto“ in der Tageschronik vom 14. Februar 1944.

2

Das „W“ steht für Wirtschaftspolizei.