Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 16. Februar 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
47

Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad Kälte.1

Sterbefälle:

7,

Geburten:

4 /2 männl., 2 weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

79,720

Tagesnachrichten.

1500 Arbeiter:

Die Aktion schreitet nur schleppend voran. Allmählich melden sich doch Leute, die den Kampf gegen Hunger und Kälte nicht mehr durchhalten können, bezw. die schwere Verantwortung gegenüber der Familie nicht mehr tragen zu können glauben. Es melden sich im Zentral-Gefängnisse Leute der verschiedenen Qualitäts-Kategorien wie T, B I und B II, alle 3 Gruppen werden festgehalten.

In kleineren Gruppen zu etwa 50 Mann werden die Auszusiedelnden zum Baden nach dem Baluter-Ring geführt, wo sich bekanntlich die Bade/Desinfektions/anstalt2 für Personen befindet, die das Getto nach dem Reich verlassen sollen. Die Gebadeten werden sodann im Zentral-Gefängnis in anderen Räumen konzentriert.

Im Zentralgefängnisse selbst hat sich die Stimmung einigermassen gebessert, besonders die jungen Leute haben sich in ihr Schicksal gefunden und vertreiben sich die Zeit jetzt schon so munter als möglich.

Der Umstand, dass der Aelteste scheinbar noch etwas Zeit hat, das Kontingent aufzubringen, wird die Lage retten. Andernfalls wäre ja ein Eingreifen der deutschen Behörde unvermeidlich. Es ist nicht bekannt, wie weit die Behörde von den Schwierigkeiten bei der Aufbringung der 1500 Arbeiter unterrichtet ist. Da jedoch nicht alle Massnahmen des Aeltesten im Geheimen erfolgen können, ist anzunehmen, dass sowohl die Getto-Verwaltung als auch die deutsche Polizei genau über die Lage unterrichtet ist.

Der Präses ordnete die Entlassung der in den Revieren des Ordnungs-Dienstes angehaltenen Geiseln an. Da die Karten der Angehörigen und der Säumigen blockiert sind, musste der Präses die in den Revieren angehaltenen Personen verpflegen. Entlässt er sie jedoch, so verschärft sich die Situation für die Familie, was der Zweck der Uebung ist.

Die leeren Wohnungen versteckter Männer wurden durch die Sonder-Abteilung plombiert, die Möbel zum Teil aus der Wohnung herausgenommen und auf die Höfe gestellt. Die Hauswächter sind für diese Gegenstände verantwortlich. Die versiegelten Wohnungen dürfen von den versteckten Personen nicht betreten werden.

Grusspflicht:

Heute erschien die folgende Bekanntmachung Nr. 410.

Zur genauen Beachtung! 3

Betr.: Pflicht zum Grüssen aller Uniformträger und deutschen Beamten

/Zivilpersonen/.

Auf Anordnung der Behörde mache ich hierdurch letztmalig darauf aufmerksam, dass

strengste Pflicht zum Grüssen

aller Uniformträger und deutschen Beamten /Zivilpersonen/ besteht.

Die Grusspflicht wird durch den Ordnungsdienst-Feuerwehrmänner4 durch Einnehmen der strammen Haltung und von allen übrigen durch Ziehen der Kopfbedeckung bei ebenfalls strammer Haltung ausgeführt.

Ganz besonders ist darauf zu achten, dass die Hände beim Grüssen aus den Taschen und die Zigarette aus dem Mund genommen wird.

Frauen grüssen durch Neigen des Kopfes.

Die Nichtbeachtung dieser Anordnung zieht schärfste Bestrafung nach sich.

Litzmannstadt-Getto, den 16. Februar 1944

Anscheinend hat es gelegentlich der letzten Kommissionsbesuche mit dem Grüssen nicht gut geklappt.

Uebersicht über die behördlichen Kommissionen seit 1.7.1943:

/Siehe unseren Tagesbericht vom 1. Juli 1943/. In der Zeit vom 1. Juli 1943 bis zum heutigen Tage wurde das Getto6 von nachstehenden Kommissionen besucht:

Am 14.7.43 Oberführer Mehlhorn7, Posen, mit Dr. Bradfisch8, 22.7. Reg.Rat Dr. Rosse9 /Vertreter von Dr. Bradfisch/ mit Kommissar Fuchs10 von der Geheimen Staatspolizei, 4.8.43 der abtretende und der neue Polizeipräsident von Litzmannstadt, 5.8. der Polizeipräsident Dr. Albers11, 10.9.43 Kommission aus Posen, 15.9.43 Delegierte der Reichsstatthalterei Posen, 17.9. Oberreg.Rat Trossmann und Herr Herstera12, 21.9. Herr Stromberg13 von der Geheimen Staatspolizei und ein Herr aus Posen, 17.11. Obergruppenführer SS aus Posen und General der deutschen Polizei Berkelmann14, 17.12.43 Baurat Haertel vom OKH, Hauptmann Neumann, Ing. Sorgel, Ing. Wilde, ebenfalls vom OKH, 29.12. Kommission vom Gewerbeaufsichtsamt in Litzmannstadt, 1.2.44 eine Kommission der Herren Müller15 und Gerlow16 von der Geheimen Staatspolizei.17

Luftschutzgräben:

Die Abteilung für Besondere Angelegenheiten hat den Auftrag erhalten, bei den Ressorts Luftschutzgräben zu bauen. Diese sogenannten Splittergräben sollen 2 m tief und 1,50 m breit angelegt werden und18 bei einer Länge von 275 m19 Schutz für 200 Leute gewähren.20 Die Arbeiten werden unter Aufsicht der Bau-Sektion der obigen Abteilung durchgeführt. Die Arbeiter werden voraussichtlich seitens der Ressorts selbst beigestellt werden.

An der Tischlerei Zimmerstrasse wurden die Arbeiten bereits in Angriff genommen.

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung der Lage.

Ressortnachrichten.

Die Leder- und Sattler-Abteilung

beendigt jetzt den grossen Auftrag auf Feldspaten-Laschen und wird21 dann einen grösseren Auftrag auf Pferdegeschirr durchführen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 3 Flecktyphus, 7 Tuberkul.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 4 Lungentuberkulose, 1 Herzmuskelschwäche, 1 Alimentäre Vergiftung22, 1 Lebensschwäche /Neugeborenes/.

1

LKV/b: „Tagesmittel 1-2 Grad unter 0, kalt.“

2

LKV/b: „Badeanstalt“. – Oskar Rosenfeld beschreibt die Furcht der Menschen angesichts der neuen Aussiedlungen: „16.II. Noch immer lähmt der Schreck die Glieder. Gruppenweise werden die Kandidaten aus Czarnickiego zur Desinfektion geführt. Die Familien derer, die sich verborgen halten, blockiert in Nahrungsmittelkarten, Brot etc. Wohnungen gesperrt“ (Rosenfeld 1994, S. 270).

3

LKV/b: Umkehrung der Reihenfolge („Zur genauen Beachtung! Bekanntmachung Nr. 410“). Die dortige Reihenfolge entspricht der Originalbekanntmachung.

4

So in HK, LKV/a*, JFK*; LKV/b. In der Originalbekanntmachung: „Ordnungsdienst- und Feuerwehrmänner“.

5

LKV/b: „Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“; dort in Übereinstimmung mit der Originalbekanntmachung. Mit Ausnahme der genannten Abweichungen wird der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 410 vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 111: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 410, 16.2.1944.

6

LKV/b: „Das Getto wurde in der Zeit seit 1. Juli 1943“.

7

SS-Oberführer Dr. Herbert Mehlhorn (geb. 24. März 1903 in Chemnitz) war der Leiter der Abteilung I (Allgemeine, innere und finanzielle Angelegenheiten) in der Reichsstatthalterei und zentraler Sachbearbeiter für alle „Judenfragen“ im Warthegau. Nach dem Krieg war er Justitiar in Oberndorf/Neckar, 1961 wurde er dort juristischer Berater der Firma „Mauser-Werke AG“. Mehlhorn starb wahrscheinlich am 3. Oktober 1968 in Tübingen (BAB, ehem. BDC: SSO, Master-File).

8

LKV/b: Nachfolgend und im weiteren Verlauf des Eintrags jeweils vor der Datumsangabe von Hand gestrichen „am“.

9

Dr. Alfons Rosse (geb. 14. Juni 1905 in Cilli/Steiermark) war von September 1942 bis November 1943 stellvertretender Leiter der <a href="/de/institut/geheime-staatspolizei-gestapo">Gestapo</a> Litzmannstadt und kam danach zum RSHA. Nach dem Krieg wohnte Rosse in Wien (BAB, ehem. BDC: Master-File; SSO; Research).

10

Für Näheres zu Günter Fuchs vgl. die Anmerkung zum Eintrag ‚Aus Radogoszcz‘ in der Tageschronik vom 15. bis 31. Oktober 1941.

11

Der Polizeipräsident in Litzmannstadt war vom 27. Juli 1940 bis November 1944 Dr. Karl-Wilhelm (Wilhelm Karl?) Albert (geb. 8. September 1898 in Hessenthal). Nach seiner Verhaftung am 27. Mai 1945 war er im Internierungslager für SS-Angehörige in Fallingbostel; in seiner Vernehmung vom 19. Juni 1947 stritt er ab, etwas mit dem Getto zu tun gehabt zu haben. Albert starb am 21. April 1960 (2. Mai 1961?) und war bis an sein Lebensende nicht im Zusammenhang mit NS-Verbrechen vernommen worden (BAB, ehem. BDC: Master-File; SSO).

12

LKV/b: „Hestera“.

13

Alfred Stromberg (bis Mai 1942 Strybny) wurde am 25. September 1908 in Janowitz (Kreis Ratibor) geboren. Im Februar 1940 kam er zur Gestapo Litzmannstadt, ins Referat II B 4. Am 5. Oktober 1944 verließ er Litzmannstadt und kam zum SS-Polizeiregiment 13 in Kärnten. Stromberg wurde am 27. Juli 1948 an Polen ausgeliefert, am 27. September 1949 vom Appellationsgericht in Łódź zum Tode verurteilt und am 10. März 1950 hingerichtet (BAB, ehm. BDC: Master-File; PK; BA-ZwA DH: ZR 894, A. p, Bl. 18).

14

Theodor Berkelmann (geb. 17. April 1894 in Le Ban St. Martin bei Metz) war vom 9. November 1943 bis zum 27. Dezember 1943 Höherer SS- und Polizeiführer (HSSPF) in Posen, am 27. Dezember 1943 starb er an den Folgen eines Gehirntumors (BAB, ehem. BDC: SSO; Research).

15

Gerhard Müller (geb. 1. August 1910 in Greifenhage/Pommern) kam im Januar 1944 zur Gestapo Litzmannstadt als Leiter des Referats IV B 4 („Judenangelegenheiten“). Er wurde am 16. Januar 1957 durch das Amtsgericht Andernach für tot erklärt (BAB, ehem. BDC: Master-File, SSO; RS; BA-ZwA DH: ZR 507, A. 14).

16

SS-Oberscharführer Hans Gerloff war Angehöriger der Gestapo Litzmannstadt.

17

Insgesamt ist die Aufstellung der behördlichen Besichtigungen nicht vollständig. Zu weiteren Kommissionsbesuchen vgl. die entsprechenden Einträge in den Tageschroniken der Monate Juli bis Dezember 1943.

18

LKV/b: Nachfolgend „sollen“.

19

LKV/b: Nachfolgend gestrichen „für“.

20

LKV/b: „200 Leuten Schutz gewähren“.

21

HK, LKV/a*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „jetzt“. LKV/b: „jetzt“.

22

Eine alimentäre Vergiftung ist eine Lebensmittelvergiftung.