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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 17. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
137

Das Wetter:

Tagesmittel 17-26 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

16,

Geburten:

4 /2 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

77.041

Brand:

Am 16.5.1944 wurde die Feuerwehr um 14,24 Uhr nach dem Betrieb Nr. 20, Holzbetrieb III, Putzigerstr. 9, alarmiert, wo ein elektr. Motor in Brand geraten war. Der brennende Motor wurde mit Hilfe eines trockenen Handfeuerlöschapparates gelöscht.

Tagesnachrichten.

Menschenfang:

Wiederum hatte das Getto einen aufregenden Tag. Gegen 1 Uhr Mittag wurden vom Zentral-Gefängnis und von 2 Abbruchstellen, aber auch von einem Ressort, insgesamt 50 Menschen, so wie sie auf Arbeit waren, eingefangen und auf dem Baluter-Ring überstellt, von wo sie Nachmittag1 mit einem Auto nach ausserhalb des Gettos abtransportiert wurden.2

Um 1/2 12 Uhr vormittags erhielt M. Kliger von der Getto-Verwaltung den Auftrag, bis 3 Uhr nachmittags 50 Leute zu stellen. Kliger versuchte, sich gegen diese blitzartige Anforderung zu wehren, doch die ebenfalls anwesende Geheime Staatspolizei gab der Forderung dementsprechenden Nachdruck. Schliesslich versuchte Kliger, Zeit zu gewinnen, indem er bemerkte, dass doch die Frage der Arbeitergestellung nicht in seinen Wirkungskreis gehört, was schliesslich von Seiten der Behörde anerkannt werden musste. Die Getto-Verwaltung gab daher den Auftrag an das Büro des Aeltesten, zu Händen von Frl. Fuchs, aber der Aelteste lag gerade krank zu Bett. Kliger begab sich zum Präses nach Marysin, der jedoch zu Bett lag, also unfähig war einzugreifen. Er gab Weisung, mit der Durchführung dieser unangenehmen Mission den Leiter des Arbeitsamtes, B. Fuchs, zu betrauen. Wohl oder übel musste nun Kliger die Sache auf sich nehmen und für die Durchführung sorgen. Tatsächlich waren die 50 Mann zur festgesetzten Stunde am Baluter Ring gestellt, was natürlich nur mit einer regelrechten Menschenjagd möglich war. Aus dem Zentral-Gefängnis kamen 12 Mann, die konnte man unter sicherem Geleit stellig machen. Dann begab sich ein Peleton der Sonderabteilung zur Abbruchstelle, umstellte dieselbe, liess die Leute antreten, indem man vorgab, es handle sich um eine Musterung interner Natur. Die ausgesuchten Leute wurden dann in die Strassenbahn gesteckt, doch gelang es der Mehrzahl unterwegs zu entkommen, da der Instinkt der Leute im Getto ausserordentlich gut ausgebildet ist und sie sofort den Braten riechen. Von den ca 30 Gemusterten kamen 3 an. Die Jagd musste von frischem beginnen. Die Sonder hielt von der Strasse paar Leute an, die während der Arbeitszeit draussen waren und sich nicht gehörig legitimieren konnten. Der Rest wurde aus einem Ressort herausgeholt.

Zwei Autos führten die Leute weg und kehrten nach etwa 35 Minuten wieder zurück. Es handelt sich also um eine Arbeitsstelle unweit der Stadt.

Das Gepäck dieser Arbeiter wird mit Erlaubnis der Gestapo morgen oder übermorgen nachgeschickt werden. Begreiflich, dass die Aufregung an diesem Nachmittag sehr gross war und sich die bei solchen Anlässen üblichen Szenen wiederholten. Es war keine Möglichkeit des Eingreifens zu Gunsten des einen oder des andern, denn die Zeit erlaubte keine Intervention. Jeder Arbeiter bekam 1 Laib Brot und 25 dkg Zucker. Ausserdem ordnete die Getto-Verwaltung die nachträgliche Ausstattung der Arbeiter an. Eine Abmeldung der Leute aus der Evidenz des Gettos erfolgt nicht, sie stehen nach wie vor auch auf dem Verpflegsetat des Gettos.3

Approvisation.

Es liegen uns die Meldungen über den Einlauf an Lebensmittel vom 13. bis incl. heute vor. Wir vermerken ja nicht die kontingentmässig einlaufenden Kolonialwaren etc., die ja doch immer in den Rationen in den festgesetzten Mengen in Erscheinung treten, sondern unabhängig davon, wie der tägliche Einlauf sich gestaltet. Hier interessieren uns immer nur die frischen Lebensmittel, dazu ist also zu melden: Am 13. konserv. Rote Beete 3.920 kg, Petersilie 400 kg, am 14. /Sonntag/ keine Wareneingänge, am 15. konserv. Rote Beete 10.900 kg, Spinat 380 kg, Schnittlauch 50 kg, Petersilie 1250, Rote Beete 6.330 kg und 3.290 kg Topinambur, welches Gemüse wir bereits unter dem 15. ds.Mts. erwähnt haben, am 16. Kartoffeln 15.000 kg, Spinat 2.170 kg und weitere 1900 kg Topinambur, am 17. Rote Beete 6.870 kg und 5.150 kg konserv. Rote Beete. Innerhalb der gleichen Frist kamen 3.850 kg Fleisch herein. Zu erwähnen ist noch der Einlauf von ca 2500 kg Quark am heutigen Tage, sodass man wieder eine Quarkration erwarten darf.

Ressortnachrichten.

Büro- und Zeichenartikel knapp:

Am 15. ds.Mts. wurde das folgende Rundschreiben an alle Betriebe und Abteilungen gerichtet:

RUNDSCHREIBEN an alle Betriebe und Abteilungen.

Betr.: Büro- und Zeichenartikel.

Nachstehend geben wir den Inhalt eines Schreibens der Gettoverwaltung zur Kenntnis:

An den

Aeltesten der Juden

Litzmannstadt-Getto

Schreiben Nr. 9635/027/7/Ey/Nr. 11.5.1944.

Als Folge der in letzter Zeit erfolgten Wiederholungen von Bedarfsmeldungen über Bürobedarfs- und Zeichenartikel, weiter als Folge einer engeren Bewirtschaftung dieser Artikel, mache ich Ihnen zur Auflage, Ihren Büro- und Zeichenartikel anfordernden Betrieben davon Kenntnis zu geben, dass diese Ware nicht einzeln, sondern gesammelt einmal pro Vierteljahr anzufordern ist. Sie haben mir also, wenn Bedarf vorliegt, ähnlich wie bei Packpapier, jeweils am Beginn eines Vierteljahres eine zusammenfassende Bedarfsmeldung über das im kommenden Quartal erforderliche Büro- und Zeichenmaterial herzureichen. Zwischenzeitlich hergegebene Bedarfsmeldungen werden dann nicht4 bearbeitet. Ich mache bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, dass die Materialanforderungen der Betriebe streng zu prüfen und übermässige Mengenanforderungen zu unterbinden sind. Besonders bei Zeichenmaterial ist der Austausch bzw. leihweise Abgabe gewisser Artikel, wie Reisszeuge5, Schienen und Winkel, durch die besitzenden an die nichtbesitzenden Betriebe zur Pflicht gemacht6.

Ich ersuche um sofortige Veranlassung.

Gettoverwaltung7

gez. Unterschrift.

Es wird sämtlichen Betrieben und Abteilungen zur Pflicht gemacht, sich strengstens an die Anordnung der Gettoverwaltung zu halten und Büro- und Zeichenartikel, die schwer zu beschaffen sind, leihweise einer anderen Abteilung, die diese Artikel gerade dringend benötigt, zu überlassen.

Der Bedarf an den genannten Artikeln ist vierteljährlich der Papiererzeugnis-Abteilung schriftlich zu melden.

Litzmannstadt-Getto, den 15.5.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.8

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 8 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Hirnhautentzündung, 2 Lungenkrankheiten, 3 Herzkrankheiten, 1 Selbstmord, 1 Lebensschwäche.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Zwar existiert eine Namenliste des genannten Transports, doch wird dort nur angegeben: „Zur Arbeit aus Litzmannstadt-Getto am 17. Mai 1944“ (APŁ, 278/1223, Bl. 9).

3

Über die genannte Aussiedlung von Arbeitern ist auch ein längerer Text in Oskar Rosenfelds privaten Texten überliefert (Rosenfeld 1994, S. 288f.).

4

Im Original des Rundschreibens „nicht mehr“.

5

Reißzeug bezeichnet die Grundausstattung an Zeichengeräten für geometrisches bzw. technisches Zeichnen. In der Regel enthält das Reißzeug – auch „mathematisches Besteck“ genannt – verschiedene Zirkel (meist Stechzirkel, Bleizirkel mit Einsatz zum Tuschezeichnen, Nullenzirkel für kleine Kreise) und Reißfedern (zum Ziehen von Strichen und Kreisen mit Tusche).

6

Im Original des Rundschreibens „zur Pflicht zu machen“.

7

Im Original des Rundschreibens „Gettoverwaltung“ in Großbuchstaben.

8

Mit Ausnahme der genannten Abweichungen wird der Wortlaut des Rundschreibens vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/2061, Bl. 83: Rumkowski, Rundschreiben an alle Betriebe und Abteilungen / Betr.: Büro- und Zeichenartikel, 15.5.1944.