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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 17. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
305

Das Wetter:

Tagesmittel 3-5 Grad, bewölkt, nasser Schnee.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes 3

Bevölkerungsstand:

83,404.

Tagesnachrichten.

Der Präses fühlt sich nicht wohl und hat heute nicht am Baluter-Ring amtiert.

Kommission im Getto:

Das Getto wurde heute von einer deutschen Kommission besucht. Es war eine grössere Gruppe von höheren Offizieren der Wehrmacht und der SS unter Führung eines Generals.1 Die Kommission traf gegen 2 Uhr im Getto ein und besichtigte zunächst die neuen Anlagen der Metall II. Sodann begab sie sich in die Schäfte-Abteilung, zur Leder- u. Sattlerabteilung, zur Schneiderei-Abteilung, Hanseaten 34-36, und schliesslich in den Tischlereibetrieb Zimmerstrasse 12. Die Kommission war von allen diesen Betrieben sichtlich beeindruckt. Zum Abschluss besichtigte die Kommission die Möbelausstellung, die ebenfalls befriedigenden Eindruck machte. Es ist sicher, dass vor allem die Parteioffiziere ihre Ansichten über die Produktionsfähigkeit der Juden korrigieren mussten. Sie kamen aus dem Staunen und den Ueberraschungen nicht heraus. Aus ihren Mienen und Aeusserungen trat das eine klar zutage. Und das haben wirklich Juden geschaffen?

Rücktritt von Frau Regina Rumkowska:

Frau Regina Rumkowska, die Gattin des Präses, ist von der Mitleitung der Küchenabteilung zurückgetreten. Dies dürfte wohl im Zusammenhang mit der tatsächlichen Ausschaltung des Präses in Fragen der Approvisation stehen. Sie wird, wie verlautet, in der Wäsche- und Kleiderabteilung /Leitung Glaser/ arbeiten, wo ihr eine ihren Fähigkeiten entsprechende Position zugewiesen werden wird.

Approvisation.

Ueber dem Getto schwebt noch immer das grosse Fragezeichen der Approvisation. Die Einfuhr ist äusserst gering. An Kartoffeln kamen 54,000 kg, an Rettich 23,600 und 2000 kg Porree. Während gestern nur 500 kg Roggenmehl hereinkamen, sind heute laut Eingangsliste 52,000 kg eingetroffen.

Um die durch die Kundmachung des Amtsleiters Biebow erforderliche Anzahl an Suppen und Zusatzsuppen sicherzustellen, musste sich die Approvisationsleitung entschliessen, die Kartoffelmieten in Anspruch zu nehmen. 70,000 kg Kartoffeln wurden den Mieten entnommen. Das ist allerdings eine Massnahme, die der Präses im Hinblick auf den Zweck der Kartoffelmieten nicht ergreifen wollte. Entweder weiss also der Amtsleiter, dass er genügend Kartoffeln hereinbekommen wird, oder aber er tat dies zur Rettung der Situation ohne Rücksicht auf die kommenden Zufuhren.

Fürsorgewesen.

Heim für Einschichtige:

Der Präses hat nunmehr seine Idee, alleinstehenden Personen das Los zu erleichtern, aufgenommen und hat Rechtsanwalt Neftalin damit beauftragt, die Vorarbeitung zur Schaffung von Gemeinschaftsheimen für diese Personen sofort in Angriff zu nehmen. Rechtsanwalt Neftalin hat die Personen, die sich szt. in den Ressorts und Abteilungen für ein solches Heim gemeldet haben, zu einer Besprechung für Sonntag, den 21.11., zu sich geladen.

Möglicherweise wird Rechtsanwalt Neftalin für die Durchführung dieser Aktion die bisherige Leiterin des Urlaubsreferates, Frl. Tatarczanka, heranziehen. Er beabsichtigt, zunächst das ehemalige 4. Heim in Marysin für diese Zwecke zu verwenden und dort die erste Kollektivwirtschaft einzurichten. Es ist abzuwarten, wie sich die Interessenten zu diesem Projekte stellen werden.2

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 2 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Ursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 tuberkulose Bauchfell- und Rippenfellentzündung, 1 Magenkrebs.

1

Vgl. zum Kommissionsbesuch den Eintrag „Uebersicht über die behördlichen Kommissionen seit 1.7.1943“ in der Tageschronik vom 16. Februar 1944.

2

In einer Mappe mit verschiedenen Dokumenten und Schriftwechseln der jüdischen Verwaltung findet sich eine Notiz, die sich offenbar auf das in der Tageschronik genannte Heim bezieht, jedoch außer dem Namen und der Adresse keine weiteren Erklärungen bietet: „Heim f. alleinstehende Arbeiter, Okopowa 119“ (APŁ 278/869, Bl. 313).