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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 18. August 1943

Tageschronik Nr.: 
214
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Das Wetter:

Tagesmittel 19-33 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

7

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 5

Bevoelkerungsstand:

84.099

Feueralarm:

Am 17. ds.M. wurde die Feuerwehr nach dem Leder- und Sattler-Ressort, Schneiderg. 19, um 18 Uhr 43 alarmiert, wo ein in dem Kaminschacht eingebauter Balken Feuer gefangen hatte. Der Brand konnte rasch geloescht werden, es ist kein Sachschaden entstanden.

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ruhig. Nach wie vor konzentriert sich das Interesse des Gettos auf die im Gange befindliche Umschichtung, vor allem zum Stroh. In allen moeglichen Abteilungen und nicht kriegswichtigen Betrieben sind einschneidende Restriktionen im Gange, um den Bedarf der Strohschuhabteilungen an Arbeitskraeften zu decken.

Approvisation.

Unveraendert schlimme Lage. Noch immer keine Ausgabe von Kartoffeln, es herrscht buchstaeblich Verzweiflung im Getto.1

Neue Brotverteilungsstellen:

Die Brotverteilungsstellen sollen in der allernaechsten Zeit liquidiert werden und mit der Brotausgabe sollen die Kolonialwaren-, bzw. die2 Milchlaeden betraut werden.3

Waren-Eingang

vom 17. August 1943.

1./ Lebensmittel: 89.340 kg Kartoffeln, 3.005 kg Sauerkraut, 8.870 kg Rettich, 13.010 kg Weisskohl, 33.800 kg Roggenmehl.

Ressortnachrichten.

Vom Metall II:

Die Metall-Abteilung II hat fast den ganzen Auftrag auf 300.000 Stueck Gewehrwischer4 fertig gestellt. Jetzt soll eine neue Serie in Angriff genommen werden u.z. Gewehrreiniger mit einem Durchmesser von 12 mm. Die bisherigen hatten einen Durchmesser von 6.7 mm. Das Ressort erhaelt taeglich neue Maschinen fuer Produktionen herein, die fuer die Wehrmacht bestimmt sind. Man nimmt an, dass die Produktion der Munitionshuelsen schon in den naechsten Tagen aufgenommen werden kann.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

17 Bauchtyphus, 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenkrankheit, 1 Herzkrankheit.

Litzmannstadt-Getto, den 18. August 435

Was die Stimmung betrifft, gehörte die Woche vom 8.-14. August zu den traurigsten Abschnitten im Leben des Gettos. Die Ungewissheit und Ahnungslosigkeit über das, was angeblich über dem Getto hing, peinigte sogar diejenigen, die bisher am unempfindlichsten gegen verschiedenste Gerüchte und Erlebnisse waren.

Was eigentlich geschah oder auch geschehen sollte, wusste niemand außer 3 Personen, und eben eine dieser Personen trug am meisten zu dieser Panik bei. Man sprach über eine große Gruft in Marysin, die Platz für die gesamte Gettobevölkerung bieten würde und als Bunker für den Fall eines Luftangriffs gedacht wäre. Die Bevölkerung, die auf der einen und der anderen Seite der Brücke wohnte, sollte sich zu diesem Bunker begeben, und das beim ersten Alarm. Gegen die in den Wohnungen Zurückbleibenden sollten weitestreichende Sanktionen zum Einsatz kommen …

Selbstverständlich rief die Ausführung dieses Planes viele traurige Mutmaßungen hervor, denn es erschien nicht möglich, die gesamte Bevölkerung, teilweise krank, alt und erschöpft, in so kurzer Zeit in Marysin am Friedhof zu versammeln – besonders, wenn man die Entfernung berücksichtigt, die den zweiten Teil des Gettos vom Friedhof trennt /3-3,5 km/. Darüber hinaus rief die Nähe des Friedhofes zu den Bunkergräben traurige Gedanken hervor. Die Depression wurde durch die Zusammenbrüche informierter und verantwortlicher Personen und ihr vieldeutiges Schweigen bzw. ihre ausweichenden Antworten noch verstärkt. – Die Panik wurde durch den Hunger vergrößert, hervorgerufen durch die Einstellung der Zufuhr von Kartoffeln, Gemüse und Mehl.

Deshalb atmete die gesamte Bevölkerung nach der Visitation der Kommission am 13. d.M. auf, als sich herausstellte, dass das Projekt unverbindlich war und dass Herr B. keineswegs schlechte Absichten hatte, als er die Einrichtung des Bunkers in Marysin vorschlug. – Als ihm vorgeschlagen wurde, anstelle dieses einen Bunkers Dutzende von Bunkern an verschiedenen Stellen im Getto einzurichten, stimmte er dem gerne zu und bat darum, ihm konkrete Projekte vorzustellen.6 – Gleichzeitig befahl Herr B. die Wiederaufnahme der Lieferung von Kartoffeln und Mehl ins Getto und das Gespenst des Hungers wurde einstweilen gebannt. – Zwar konnte sich die Approvisationslage nicht sofort ändern, weil die Vorräte fast vollständig erschöpft waren, doch allein die Tatsache, dass Wagen mit Lebensmitteln eintrafen, wirkte sich äußerst beruhigend auf die Bevölkerung aus und brachte eine deutliche Beruhigung der aufgewühlten Gemüter.

Am Rande dieses Vorfalles muss man feststellen, dass nicht nur die Bevölkerung, sondern auch ein Leiter des jüdischen Getto-Apparates überempfindlich reagierte. Hinsichtlich der Approvisation kann man Herrn Szczęśliwy den Vorwurf jedoch nicht ersparen, sich negativ zum Vorschlag der Gettoverwaltung geäußert zu haben, 8 Mill. kg. Kartoffeln sofort entgegenzunehmen und nicht in 2 Raten, wie das Herr S. selbst vorgeschlagen hatte. – Leider haben die verschiedenen Experimente und Leichtsinnigkeiten des Herrn S. der Gettobevölkerung hart zugesetzt.7

1

Oskar Rosenfeld beschreibt die verzweifelte Lage am 18. August 1943: „Hunger unbeschreiblich! Seit acht Tagen keine Kartoffelausgabe, kein Gemüse. Mit 209 dkg Mehl 14 Tage auskommen?!“ (Rosenfeld 1994, S. 219).

2

HK, LK**, JFK*: „Kolonialwaren-, bzw. die“ jeweils von Hand hinzugefügt.

3

HK, JFK*: Am Rand des Absatzes von Hand ein Fragezeichen hinzugefügt.

4

Ein Gewehrwischer ist ein rundbürstenartiger Aufsatz aus Wolle, Draht oder Werg, der – an einen ca. 90-100 cm langen Putzstock angebracht – zur Laufreinigung von Schusswaffen verwendet wurde.

5

Einzelbericht in polnischer Sprache. Der Text ist nur in HK enthalten.

6

Wie die Getto-Chronik im Weiteren berichtet, wurden zu Beginn des Jahres 1944 auf Anordnung Biebows Luftschutzgräben auf dem Friedhofsgelände gezogen. Vgl. den Eintrag „Kommission im Getto“ in der Tageschronik vom 7. Februar 1944.