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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 19. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
109

Das Wetter:

Tagesmittel 6-9 Grad, die ganze Nacht geregnet, auch in den frühen Morgenstunden.

Sterbefälle:

16,

Geburten:

4

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.510

Brand:

Am 19.4.1944 wurde die Feuerwehr um 8,17 Uhr nach dem Papiererzeugnisse-Betrieb, Cranachstr. 12, zu einem durch Kurzschluss entstandenen Kabelbrand auf dem Hofe des Betriebes alarmiert. Der Strom wurde ausgeschaltet und die Elektrizitäts-Abteilung benachrichtigt.

Tagesnachrichten.

Talon-Abteilung in Liquidation:

Die Talon-Abteilung / Hanseatenstr. 41 / ist in Liquidation. Alle Beamten dieser Abteilung werden dem Arbeitsamt zur Verfügung gestellt und kommen meistens zur Produktion. Die bisherige Leiterin der Abteilung, Frl. Ejbuszyc, wird mit 4 Beamten in die Kolonialwaren-Abteilung eingegliedert, wo im Rahmen dieser Abteilung ein besonderes Talon-Referat geschaffen wird.

Die R-Laden1 bleiben bestehen, wobei allerdings auch dort mit einer grossen Personalreduktion zu rechnen ist. Laden R I wird zur besonderen Verfügung des Präses stehen. Die Aufsicht über sämtliche R-Läden wird dem bisherigen Leiter des R-Ladens I, Nowak, übertragen werden.

Anbauflächen:

Die Wirtschafts-Abteilung weist bereits die Anbauflächen für die privaten Bewerber zu. Mit der Art der Durchführung ist man im Getto nicht zufrieden. Die Umwälzung, die der Präses heuer angeordnet hat, ist doch einigermassen überstürzt gekommen und kann in dieser Form unmöglich die Bevölkerung zufrieden stellen. Die Inhaber kleiner Parzellen, die das kleine Stückchen Erde durch 4 Jahre bebaut haben, um nur den eigenen Bedarf zu decken,2 ohne Wuchergeschäfte mit Abfallprodukten zu treiben, sehen sich plötzlich des kleinen Stückchens Erde beraubt, weil sich dort jetzt ein Ressort breit macht. Man wirft dem System vor, dass es auf die individuellen Bedürfnisse des kleinen Mannes keine Rücksicht genommen hat und das im ganzen und grossen sehr unbeliebte Ressortsystem3 zum Prinzip erhoben hat. Man erinnert sich zu gut an die bisherige Handhabung in den Ressorts und an die autoritäre, will sagen egoistische Wirtschaftsführung. Die Anbauflächen waren als Gemeingut der Ressorts gedacht, doch haben die Leiter nach eigenem Ermessen gegeben und genommen. Die Erbitterung in den Ressorts war berechtigt. Ob dieses System auch diesmal wieder solche Blüten treiben wird, wird die Zukunft lehren.

Die Wirtschafts-Abteilung hat bereits mit der Ausgabe der Samen für die Ressorts und selbstverständlich zunächst auch für die Protektionskinder begonnen.

Approvisation.

Heute liefen 6.610 kg Kartoffeln ein. An Fleisch 2.420 kg.

Als neues Lebensmittel kam eine Partie von 10 Fass, 7.760 kg, Weinschlempe4. Ein Abfallprodukt von der Wein- bzw. Alkoholproduktion. Die Juden werden auch das geniessen.

Zuteilung von Schmelzbutter und Gemüsesalat:

Ab Mittwoch, den 19.4.1944, werden an alle in den zuständigen Milchverteilungsläden auf Coupon Nr. 50 der Nahrungsmittelkarte

  • 40 Gramm Schmelzbutter und
  • 100 Gramm Gemüsesalat für den Betrag von Mk. 1.-

herausgegeben.

Ob dieses Quantum auf die kommende normale Fettration eingerechnet werden wird, ist noch unbekannt. In Kreisen der Approvisation spricht man von einer Herabsetzung der Oelration, wobei auch in Hinkunft angeblich Margarine die Basis der Fettzuteilung sein soll.

Beirat-Zuteilung in Sicht?

Der Präses hat die Abteilung für Zusatzkarten beauftragt, genaue Listen der bisherigen Taloninhaber anzufertigen. Solche Listen wurden wiederholt angefertigt und es ist richtig, dass jedesmal auch eine Zuteilung erfolgte. Diesmal beabsichtigt der Präses eine Rekonstruktion der Beiratszuteilungen, freilich in sehr bescheidenem Rahmen, wobei bei den anzufertigenden Listen zu berücksichtigen sein wird, ob Mitglieder der begünstigten Familien im Genusse der Lang-Zuteilungen stehen. Ueber den Umfang der Aktion ist Näheres noch nicht bekannt. Es verlautet jedoch, dass die Zuteilung schon Samstag, den 22. ds.Mts., herauskommen soll.

Vom O.D.:

Der Präses beauftragte den Ordnungsdienst-Vorstand ein Verzeichnis der Familienmitglieder der O.D.-Männer vorzulegen. In Kreisen des O.D. spricht man von einer bevorstehenden Zusatzzuteilung. Tatsächlich wird es sich wohl um eine gewisse Angleichung des O.D. an die Beirat-Zuteilungen handeln, deren Vorbereitung im Zuge ist.

Ressortnachrichten.

Reduktion im O.D.:

Im Zuge der Bereitstellung von physischen Arbeitskräften dürfte in den nächsten Tagen eine Musterung im O.D. stattfinden. Eine andere Version besagt, dass eine Musterung zur Feststellung des Gesundheitszustandes des O.D. erfolgen soll.

Die Leitung der Wäsche- und Kleider-Abteilung

wird demnächst ihren Betrieb an der Mühlgasse nach der Franzstr. 15 übertragen. Der Betrieb an der Mühlgasse wird, für in den eigenen Fachkursen ausgebildete Jugend, als spezieller Jungarbeiter-Betrieb eingerichtet werden.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 15 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 Rippenfellentzündung, 1 Chronischer Darmkatarrh, 1 Brusteiterung, Blutvergiftung, 1 Frühgeburt.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „und“.

3

Zum „Ressortsystem“ vgl. auch das erhaltene Rundschreiben (APŁ, 278/422, Bl. 47: Wirtschafts-Abteilung, Rundschreiben an alle Ressorts und Abteilungen / Betr.: Anbauflächen, 8.4.1944).

4

Weinschlempe: Flüssiges Abfallprodukt der Branntweindestillation. Getrocknet wird der eiweiß-, fett- und mineralstoffreiche Rückstand eigentlich als Futtermittel verwendet. Zu Schlempe in der Bedeutung ‚beim Brennen von Kartoffeln, Getreide u.a. als Rückstand anfallendes, als Futtermittel verwendetes eiweißreiches Produkt‘; zu schlampen; fachspr.