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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 20. Oktober 1943

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Tageschronik Nr.: 
277

Das Wetter:

Tagesmittel 14-28 Grad, sonnig, warm.

Sterbefaelle:

7

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 4

Bevölkerungsstand:

83,556

Selbstmord:

Am 20.10.43 verübte Parzenczewski Simcha Michał, Holzstrasse 9, geboren 14.8.1918 in Lodz, durch Aufschneiden der Pulsadern Selbstmord. Der Genannte starb am 20.10., jedoch nicht an den Folgen des Selbstmordes, sondern laut ärztlichen Attestes an Tuberkulose.

Tagesnachrichten.

Der Präses hat auch heuer zu Simchat Thora an die sogenannten Dekretadoptierten Kinder gedacht und aus diesem Anlasse Talons ausgegeben. Die Kinder erhielten 25 dkg Flocken, 20 dkg Erbsen, 25 dkg Zucker, 10 dkg Marmelade, 5 kg Kartoffel und eine Dose S-Konservenfleisch. Auch die Waisenkinder, die nicht adoptiert sind, erhielten entsprechende Zuweisungen.

Kleine Affäre mit Zusatz-Suppen:

Bekanntlich werden die Zusätze an die Ressorts durch den FUKR ausgeteilt. Dieses Amt ermittelt den Bedarf je nach der Kategorie der Ressorts, bezw. der Arbeitsleistung. Dasselbe gilt von den Abteilungen. Gewisse wichtige Ressorts erhalten für ihre Arbeiter tägliche Zusätze, manche Abteilungen oft nur 1-2 Zusätze pro Woche für ihre Belegschaft. In der Küche an der Masarska 10 hat sich nun folgendes ereignet:

Diese Küche beliefert die Drahtzieherei in der Putzigergasse mit Suppen. Ein Kontrollor1 des FUKR fand im Büro dieses Ressorts eine grosse Anzahl von Zusätzen vor, sogenannte Ersatzzettel für Zusatzsuppen. Diese Ersatzzettel wurden der Registratorin bei der Suppenverteilung übergeben, die auf Grund derselben die Suppen ausfolgte, sich die Anzahl der ausgegebenen Suppen quittieren liess und diese Quittung dann der Küchenleitung übergab. Dieser Vorgang ist eine Umgehung der bezüglichen Vorschriften. Die Registratorin der Küche war natürlich nicht berechtigt, auf Grund dieser Quittung die Suppen zu honorieren und sie verantwortete sich sowohl dem Kontrollor gegenüber als auch bei ihrer Leitung, dass dieser Vorgang laengere Zeit so praktiziert wurde. FUKR forderte von der Leitung der Kuechenabteilung Disziplinierung der betreffenden Beamtin. Obwohl kein Zweifel darueber besteht, dass die Leitung der Kueche von dieser Praxis Kenntnis hatte, stellten beide Leiter der Kueche diese Kenntnis in Abrede. Da weder bei den Beamten der Nagelfabrik, noch bei der Registratorin eine unredliche Absicht festgestellt werden konnte, endete diese Affaire mit der Entlassung der Registratorin. Inzwischen aber stellte sich heraus, dass auch in andern Kuechen solche Ersatzzettel honoriert worden waren, sodass sich die Kuechen-Abteilung veranlasst sah, ein Rundschreiben an saemtliche Kuechen herauszugeben, in welchem die Honorierung von Ersatzzettel fuer Zusaetze aufs schaerfste verboten wurde. Die Ursache dieser Unregelmaessigkeiten ist, wie die Ressortleiter betonen, darin zu sehen, dass der FUKR die Anzahl der Zusaetze fuer die Ressorts allzu knapp bemisst. Im FUKR hingegen wird behauptet, dass diese Zusaetze nach Massgabe des Approvisationsstandes gerecht nach der Kategorie aufgeteilt wurden. Bis jetzt also haben sich die Ressorts auf die oben geschilderte Weise geholfen, man wird sehen, welchen Weg sie naechstens finden werden, um die Knappheit der Zusaetze zu bekaempfen.

Approvisation.

Keine Aenderung. Einlauf von Kartoffeln fuer die Kuechen und fuer die Mieten in Marysin normal. Es kann eine Ration von Kartoffeln im Augenblick nicht erwartet werden, da die letzte 10 kg Ration fuer die Dauer von 3 Wochen herausgegeben wurde. Obwohl das Getto von einer bevorstehenden kleinen Ration anlaesslich der kommenden Hauptration spricht, muss gesagt werden, dass diese Hoffnung aller Voraussicht nach enttaeuscht werden wird.

Es laufen noch immer Kuerbisse ein. Befriedigender Einlauf von Fleisch duerfte demnaechst eine Fleisch- und Wurst-Ration ergeben.

Ressortnachrichten.

Hutabteilung erzeugt wieder Huete:

Die Hutabteilung, die eine Zeit lang aushilfsweise fuer das Strohschuhressort gearbeitet hat, ist neuerdings wieder zur Erzeugung von Hueten uebergegangen. Dieses Ressort hat einen grossen Auftrag in Herren- und Damen-Filzhueten erhalten und ist damit voll beschaeftigt.

Strohschuh-Abteilung:

Die Strohschuh-Abteilung hat 60.000 Stueck Munitionskoerbe erhalten, die in dieser Abteilung repariert werden sollen.

Fuersorgewesen.

Die Abteilung fuer Kolationen

hat sich in den letzten Tagen unter Leitung von Fraeulein Anna Lewkowicz an der Hanseatenstrasse 53 eingerichtet. Der Praeses hat dieser juengsten selbstaendigen Abteilung zwei Bueroraeume in dem dortigen Objekt der Schneiderei-Abteilung zugewiesen. Bis Ende September haben insgesamt 22.888 Personen ihre Kolatie in 14tägigem Turnus absolviert, hievon 1299 Jugendliche. Der Praeses hat demnach seit Bestand der Kolationen-Kuechen insgesamt 320.432 Kraeftigungsmittage ausgeteilt. Im Monat Oktober hat sich die Frequenz noch gesteigert und werden wir bei Monatsende weitere Ziffern bringen.

Die Kolatie-Kueche an der Flisacka duerfte aller Voraussicht nach Dienstag, den 26.10., eroeffnet werden. Die Kueche an der Masarska duerfte einige Tage spaeter in Betrieb gesetzt werden.

Nachtrag zur Approvisation.

Tomaten-Ration:

Ab heute werden auf Coupon Nr. 108 der Gemuesekarte

  • 2 kg Tomaten /gruen/ zum Preise von Mk. 3.- ausgefolgt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 1 Hirnblutung, 1 Herzmuskelschwaeche.

1

Kontrollor, österr. Variante neben Kontrolleur; zu frz. contrôleur