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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 21. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
172

Das Wetter:

Tagesmittel 19-30 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

21

Geburten:

2 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.427

Selbstmord:

Am 20.6.1944 beging der Grylak Michuel, geb. 16.3.1908 in Krzepice, wohnhaft Kelmstr. 32, Selbstmord durch Erhängen. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Eine Kommission

besuchte das Getto. Sie besichtigte die grosse Kirche am Kirchplatz. Angeblich handelt es sich um eine L.S.-Wart-Angelegenheit, nach anderer Meinung um eine Besichtigung der Türme aus militärischen Gründen.

Der Präses ist noch immer im Spital, sein Zustand ist wesentlich gebessert.

Fliegeralarm:

Zum ersten Mal erlebte das Getto bei Tag einen ernsten Fliegeralarm. Um 25 Minuten nach 11 Uhr ertönten die Sirenen und sofort trat die L.S.Wart-Organisation in Funktion.

Die am Baluter-Ring arbeitenden Juden mussten sofort die Amtsräume verlassen und begaben sich in die Objekte Hanseatenstrasse 25/27. Die deutsche Beamtenschaft vom Baluter-Ring eilte in dem1 dort vor kurzem fertiggestellten bombensicheren Unterstand. Die Bevölkerung des Gettos verhielt sich absolut ruhig, hat sie doch auch keine Möglichkeit sich wirksam zu schützen und so blieben die meisten Leute wo sie gerade waren, in den Wohnungen, in den Ressorts, in den Büros, in den Haustoren und teilweise in den sogenannten Splittergräben. In einzelnen Ressorts wurde die Belegschaft in’s Freie gejagt, wo sie sich auf den Boden legen mussten.2 Dass bei dieser Gelegenheit die Gärten zertreten und zertrampelt wurden, liegt auf der Hand. Irgendwo in der Nähe erdröhnten einige Schüsse der Flak. In etwa 2000 m Höhe konnte man ein grosses Geschwader, etwa 300 Flugzeuge, beobachten, die in der Richtung Osten flogen. Es wurden keine Bomben abgeworfen. 40 Minuten nach 12 Uhr kam die Entwarnung.3

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Die Ausreise des 1. Transportes, die heute erfolgen sollte, wurde auf Freitag, den 23. ds.Mts., verschoben. In der Nacht von gestern auf heute wurden durch Streifen des O.D. Personen ausgehoben und ins Zentralgefängnis gebracht.

Eine Sammelstelle, die der Kommission des Zentralgefängnisses untersteht, wurde im ehemaligen Kulturhaus an der Schneidergasse eingerichtet, da das Zentralgefängnis bekanntlich so grosse Reserven nicht beherbergen kann, ohne die Insassen in dieser Jahreszeit gesundheitlich zu gefährden. Das Menu der Internierten im Zentralgefängnis besteht aus: 35 dkg Brot, Kaffee und 3 Suppen.

Die bei den Aussiedlungen Beschäftigten im Zentralgefängnis, O.D., Büro und Patronat erhalten täglich Zusatzzuteilungen bestehend aus: 25 dkg Brot, 3 Suppen, 3 dkg Fett und 5 dkg Wurst.

Das Damen-Patronat besteht aus folgenden Damen: Uryson, Rosner /Fürsorge-Ausschuss/, Kaufman, Gerszonowicz /Post/, Szpigel /Laden, Ceglana 10/.

Approvisation.

Keine Aenderung. An Frischgemüse erhielt das Getto insgesamt 38.800 kg und 11.370 kg Kartoffeln. An Fleisch kam 4.500 kg herein.

Ressortnachrichten.

Die Renovierungssektion der Abteilung für besondere Angelegenheiten arbeitet intensiv an der Renovierung des Objekts Holzstrasse 75 /dem ehemaligen Infektionsspital und nachmaligen Fabriksobjekt/, das Ende dieser Woche der deutschen Behörde, angeblich für Militärzwecke, übergeben werden soll.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 13 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

13 Lungentuberkulose, 3 Tuberk. anderer Organe, 1 Herzkrankheit, 1 Gehirnhautentzündung, 1 Darmentzündung, 1 Mord, 1 Selbstmord.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

Ein unbekannter Autor vermerkt am selben Tag in seinem Tagebuch: „Und wieder ein Tag vergeht, ein anderer kommt. Und wieder Träume, Phantasien und Lügen: ‚die Russen bombardieren schon Warschau mit Kanonen‘, schreckliche Kämpfe in der Nähe von Siedlice. [...] Einen Jubeltag hatten wir heute. Mehr als hundert Flugzeuge der ‚ Feinde‘ haben den Himmel unserer Stadt bedeckt. Man hörte das Abwehrfeuer. Und das hastige und unglückliche Volk freute sich darüber und verband Hoffnungen mit dem Geschehen. {Wenn nur das, was geschieht, gemäß unseren Hoffnungen geschehen würde.} Und in der Tat gibt es Grund zur Freude, da wir mit unseren Ohren gehört und mit unseren Augen gesehen haben, daß es einen gibt, mächtig und stark, der schlägt und bombardiert die Wände unseres fürchterlichen Gefängnisses. Es ist nicht zu leugnen, daß dies uns tröstet und bestärkt“ (Loewy/Bodek 1997, S. 48; geschwungene Klammern im Original).