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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 22. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
340

Das Wetter:

Früh null Grad, trocken, sonnig, mittags plus 3 Grad.

Sterbefälle:

6,

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes 2

Bevölkerungsstand:

83,176.

Tagesnachrichten.

Das Spital in der Matrosenstrasse:

Heute wurden bereits die Patienten aus dem Spitale in der Matrosenstrasse entlassen, um die erforderlichen Plätze für die typhuserkrankten Polen kinder freizubekommen. Es wurden nicht alle Kranken entlassen, sondern zunächst hoffnungslose Patienten und solche, die zur Not häuslicher Pflege überlassen werden können. In beiden Fällen ist es eine Katastrophe. Die schwerkranken Tuberkulosen wurden zugleich mit anderen Patienten auf offenen Rollwagen verladen und in ihre Wohnungen geführt. Spärlich, oft nur mit Hemd und Mantel bekleidet, mussten sie in die Kälte hinaus und den umständlichen, holprigen Transport über die Buckel der Gettostrassen mitmachen. Zumeist kamen sie in eiskalte Wohnungen, wo sich oft nicht einmal ein primitiver Herd oder Ofen befindet. Patienten, die sich schon einigermassen erholt hatten und auf eine völlige Genesung hoffen konnten, haben so geringe Hoffnung davonzukommen. Einzelne Patienten konnten überhaupt nicht in häusliche Pflege überstellt werden, da inzwischen ihr Haus abgebrochen und als Brennholz auf den Kohlenplatz gewandert war. Für solche Leute musste das Sekretariat Wołkówna mobilisiert werden, sodass auch diese Stelle plötzlich mit neuen Sorgen belastet wurde. Das Wohnungsamt musste für diese Patienten Räume zur Verfügung stellen, in denen Schwerkranke einfach auf Matratzen aus Holzwolle provisorisch auf den Fussboden gelegt werden mussten. Soweit die aus dem Spitale evakuierten Kranken Angehörige hatten, die sich noch einigermassen um sie kümmern konnten, ging es noch irgendwie mit der Unterbringung in den trostlosen Wohnungen. Die alleinstehenden Kranken jedoch gehen leider dem sicheren Tode entgegen, wenn nicht noch in letzter Minute Abhilfe geschaffen wird. Wie immer in solchen Fällen ist der Präses mit aller Energie daran, schnelle Hilfe zu bringen. Man hört, dass er entschlossen ist, das ehemalige Erholungsheim an der Gnesenerstrasse für Spitalzwecke zu adaptieren, wodurch das Projekt fällt, dieses Objekt für das Heim für alleinstehende Arbeiter zur Verfügung zu stellen.1 Da die Kranken natürlich nur mit Entlassungsschein aus dem Spitale entfernt wurden, haben die Angehörigen jetzt alle Hände voll zu tun, um bei der Kartenabteilung, resp. im Meldeamt, die erforderlichen Formalitäten zu erledigen. Meist sind die Angehörigen selbst krank und schwach und leiden sehr unter dieser überstürzten Massnahme.

Die ersten Polen kinder dürften voraussichtlich noch morgen ins Spital überstellt werden.

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung. An Kartoffeln kamen nur 4180 kg herein. Möhren und Kohlrüben insgesamt 27,500 kg. Hingegen kam heute ein grösserer Posten Gemüsesalat mit etwa 25,000 kg an. Voraussichtlich also gibt es demnächst eine Salatzuteilung.

Fleisch kamen zirka 1900 kg, also etwas schwächere Einfuhr.

Seit längerer Zeit kam wieder sogenannte Ochsenschwanz-Suppe. Ein Suppengewürz, das im Getto sehr beliebt ist. 2970 kg.

Ressortnachrichten.

Die allgemeine Lage:

Die zweite Dezemberdekade zeigt einen verhältnismässig schwachen Eingang von Aufträgen. Wäsche und Kleider haben einen Auftrag auf ca 23,000 Stück Tarn- und Schwimmanzüge erhalten sowie einen grösseren Posten Damenkleider. Die Trikotagenabteilung hat zirka 8000 Stück verschiedene Kleidungsstücke sowie 3000 Stück Pilotenhosen zu erzeugen. Schneidereien haben für diese Dekade einen neuen Auftrag auf etwa 8000 Stück verschiedene Kleidungsstücke erhalten, Korsett- und Büstenhalternäherei einen Auftrag auf zirka 6000 Stück. Die Schuhfabriken erhielten einen Auftrag zur Erzeugung von 50,000 Stück verschiedene2 Schuhe und Schäfte. Die Mützenwerkstätte wird 8000 Stück Dienstmützen zu liefern haben.

Etwas besser sieht es in der Leder- u. Sattler-Abteilung aus. Diese hat 6000 Stück Segeltuch-Rucksäcke und weitere 100.000 St. Tragetaschen für Feldspaten sowie etwa 5-6 Millionen kleine Laschen zu erzeugen. Auch die Chemische Wäscherei- und Reinigungsanstalt hat einen grossen Posten hereinbekommen.

Die Stricknadel-Richterei hat weitere 300,000 Stück Stricknadeln zu reparieren, schliesslich hat die Metall-Abt. I einen Auftrag auf 200,000 Bohrer erhalten.

Vom Ordnungsdienst:

Da sich auf den seinerzeitigen Aufruf zur Meldung zum Hilfsdienst bei den Abbruchstellen sehr wenig junge Leute gemeldet haben, hat der Vorstand des Ordnungsdienstes von der Transportpolizei zwölf O.D.-Leute für den Ueberwachungsdienst herangezogen. Diese Leute haben die Aufgabe, bei den abgebrochenen Holzhäusern Wachdienst zu halten.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 4 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Herzschwäche.

1

Der neue Plan, das ehemalige „Erholungsheim“ in der Gnesenerstraße für Spitalzwecke zu nutzen, wurde nicht umgesetzt. Vgl. den Eintrag „Spital Gnesenerstrasse“ in der Tageschronik vom 6. Januar 1944.

2

So in HK, LK*, JFK*.