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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 22. September 1943

Tageschronik Nr.: 
249
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Das Wetter:

Tagesmittel 15-21 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

11

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

83.744

Tagesnachrichten.

Der Praeses besuchte heute unter Anderem wieder die Kraeftigungskueche fuer Jugendliche. Schon in einer vorherigen Unterredung mit Karo und Tabaksblat am Baluter-Ring aeusserte er seine Unzufriedenheit mit der gegenwaertigen Verteilungspraxis. /Siehe weiter unter Fuersorgewesen./

Approvisation.

Unveraendert aeusserst kritische Situation. Noch immer keine Kartoffeleinfuhr und kein Gemuese. Auch keine Spur von der Ration. Alles Denken und Reden im Getto kreist nur um den Hunger. Waehrend an den vorhergegangenen Tagen doch noch kleine Mengen von Gemuese hereingekommen sind, kamen beispielsweise am gestrigen Tage insgesamt 240 kg Kohlrabi, 340 kg Wirsingkohl, 250 kg Weisskohl, 550 kg Rotkohl und 8.270 kg Rettich, hingegen 2.590 kg Petersilie und 1200 kg Sellerie herein. Dass man mit Petersilie und Sellerie wohl eine Suppe wuerzen kann, ist bekannt, wozu aber die Wuerze, wenn kein Gemuese, um eine armselige Suppe zu kochen; und mit den 9.620 kg Kartoffeln, die gestern eingelaufen sind, kann der Praeses natuerlich beim besten Willen keine Ration herausbringen. Woran diese Stockung an der Einfuhr liegt, kann niemand sagen.1

Ressortnachrichten.

Strohmangel:

Wohl haben die einschlaegigen Ressorts einen grossen Auftragsbestand an Bunker-Pantoffeln auszufuehren, doch stockt die Produktion u.z. infolge empfindlichen Strohmangels. Dies duerfte wohl auf Transportschwierigkeiten zurueckzufuehren sein. Auf der Bahnstation Litzmannstadt-Friedrichshagen /Chojny/ stehen ca 100 Waggon Stroh, die fuer die Getto-Produktion bestimmt sind, aber aus irgendwelchen technischen Ursachen nicht hereinkommen koennen.

Gerberei uebersiedelt?

Die Gerberei-Abteilung soll von der Reiterstrasse 5-7 demnaechst in die Halbegasse 12-14 uebersiedeln, wohin auch vor etwa 6 Wochen eine Gerberei aus der Stadt transferiert wurde, die unter Leitung von Mozelsio steht. Diese beiden Gerbereien duerften also jetzt vereinigt werden. Der bisherige Leiter der Getto-Gerberei, Topilski, wird administrativer Leiter beider Gerbereien bzw. des vereinigten Betriebes, waehrend Mozelsio die technische Leitung uebernehmen wird.

Fuersorgewesen.

Kraeftigungsmittage fuer Jugendliche:

Der Praeses hat, wie wir bereits bemerkt haben, in der Verteilungspraxis der Kraeftigungsmittage fuer Jugendliche an die Umschichtungs-Abteilung neue Weisungen gegeben. Er verlangte, dass die Umschichtung in den Betrieben, welche vom Praeses Kontingente erhalten haben, zunaechst die arbeitenden Jugendlichen herangezogen werden, die an den Maschinen bzw. bei effektiver Produktion beschaeftigt sind.2 Erst nach Absolvierung dieser Kategorie koennen Jugendliche herangezogen werden, die nicht unmittelbar an der Produktion beteiligt sind. Die Umschichtungs-Abteilung hat heute noch damit begonnen, die Auswahl in den betreffenden Ressorts zu treffen.

Der Praeses fuer Alleinstehende:

Heute erschien eine Bekanntmachung des Praeses, die sich mit der Einrichtung von Gemeinschaftswohnungen fuer Alleinstehende im Getto befasst. Die Bekanntmachung hat folgenden Wortlaut:

„Betr.: Die3 Einrichtung von Gemeinschaftswohnungen fuer alleinstehende Personen im Getto.

Ich habe die Absicht, den alleinstehenden Personen, die keine Moeglichkeit haben und denen es schwer faellt, die Wirtschaft und einen eigenen Haushalt zu fuehren, zu helfen, indem ich fuer diese Personen Gemeinschaftswohnungen einrichten will. Diejenigen alleinstehenden Personen, die ein Interesse an einer Gemeinschaftswohnung haben, muessen sich bei dem Leiter ihrer Arbeitsstelle unter folgenden Angaben melden:

1./ Name und Vorname:, 2./ Geburtsdatum und Ort:, 3./ Jetzige Adresse:, 4./ Verwandtschaftsverhaeltnis der Mitbewohner:, 5./ Bei wem wohnhaft:, 6./ Wo beschaeftigt:, 7./ Als was beschaeftigt:, 8./ Vorkriegsberuf und Beschaeftigungsort:, 9./ Vorkriegswohnung:.

Ich mache darauf aufmerksam, dass die Meldungen nur bei dem Leiter einer jeden Abteilung /Fabrik/ zu erstatten und andere Personen zur Empfangnahme der Meldungen nicht berechtigt sind. Die Leiter der Abteilungen geben die Antraege alsdann mit ihrer Unterschrift versehen an das Praesidial-Sekretariat, Herrn Cygelmann, Matrosengasse 1, weiter.“4

Damit hat der Praeses eine Aktion in Angriff genommen, die schon seit langer Zeit wie eine offene Wunde im Gettoleben klaffte. Wenn es dem Praeses gelingen sollte, diese Frage einigermassen befriedigend zu regeln, so wird dies, im buchstaeblichsten Sinne des Wortes, eine Lebensrettung fuer die gequaelten alleinstehenden Personen bedeuten. Man muss verstehen, wie solche Einzelgaenger das Leben des Gettos passieren. 10 Stunden Arbeit ohne irgendwelche haeusliche Pflege. Nach der Arbeit die Jagd nach den Rationen. Die vielen kleinen Sorgen des Alltags, allerlei Anschaffungen, Reparaturen, voruebergehende oder laengere Erkrankung, das alles sind schier unloesliche Probleme fuer den Einschichtigen5. Die grosse Frage wird sein, ob es gelingen wird, homogene Elemente in solchen Gemeinschaften zusammen zu schliessen. Aber man weiss ja, mit welcher Energie und Umsicht der Praeses gerade solche Aktionen anfasst und zu einem guten Ende fuehrt.6

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

15 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:7

1

Bono Wien er schreibt am selben Tag in sein Tagebuch: „Im Getto gibt es nichts zu essen. Der Hunger ist kolossal“ (YIVO, RG 1452, Bl. 35 des Tagebuchs, übers. aus dem Jidd.).

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

Im Originaltext der Bekanntmachung fehlt der Artikel „Die“.

4

Mit Ausnahme der genannten Abweichungen sowie der abschließenden Orts-/Datumsangabe „ Litzmannstadt-Getto, den 22.9.1943“ und des Titels „Ch. Rumkowski / Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“ wird der Wortlaut der Bekanntmachung vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 158: Rumkowski, Bekanntmachung / Betr.: Einrichtung von Gemeinschaftswohnungen für alleinstehende Personen im Getto, 22.9.1943.

5

Einschichtige, zu einschichtig ‚einzeln, den vereinzelten Teil eines Paares bildend‘; in dieser Bedeutung österr.

6

Oskar Rosenfeld, der ohne seine Frau ins Getto Litzmannstadt kam, hat das Alleinsein und die damit verbundene Einsamkeit am eigenen Leib erfahren. Eindringlich greift er diesen Zustand in einer am 4. August 1943 verfassten Novelle mit dem Titel „Meine zwei Nachbarn“ auf, die als fiktionale Aufarbeitung seiner Gettoerfahrung als Alleinstehender aufgefasst werden kann. Vgl. Rosenfeld 1994, S. 233-241. Zur literaturwissenschaftlichen Einordnung dieser Novelle vgl. Feuchert 2004a, S. 377-387.

7

HK, LK**, JFK*: Keine Angabe.