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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 23. Februar 1944

Tageschronik Nr.: 
54
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Das Wetter:

3 Grad Kälte, Frost.

Sterbefälle:

11,

Geburten:

5 /3 männl., 2 weibl./

Festnahmen:

Diebstahl 2

Bevölkerungsstand:

79,6721.

Tagesnachrichten.

In der Nacht auf heute wurde wieder eine Aktion durch den Ordnungsdienst vorgenommen und es wurden sowohl Männer als auch Frauen geholt. Die Männer wurden über die Reviere in die ehemalige Kräftigungsküche an der Steinmetzgasse eingeliefert, während die Frauen im Punkt2 Hohensteiner 26 /ehemalige Kräftigungsküche/ konzentriert wurden.

Es wurden in der Hauptsache Frauen und Angehörige von Versteckten sichergestellt. Ferner wurden aus verschiedenen Abteilungen, vorwiegend aus der Kolonialwaren-Abteilung, alleinstehende Frauen auf Grund von Listen herausgeholt.

Rechtsanwalt Neftalin bearbeitet mit seinen Beamten die Listen hinsichtlich der Familienverhältnisse.

Die deutsche Behörde /Kommissar Müller der Gestapo/ hat die Oberleitung der gegenständlichen Aktion in die Hand des Leiters der Sonder-Abteilung, M. Kligier, gelegt, sodass alle andern Stellen in dieser Beziehung Kligier untergeordnet sind. Kommissar Müller betonte, dass ihm für die ordnungsgemässe Durchführung ausschliesslich Kligier verantwortlich sei. Diese Betrauung ist Kligier, der sich bisher gerne von der ganzen Sache gedrückt hatte, ausserordentlich unangenehm. Wir haben seinerzeit schon darauf hingewiesen, dass der Präses die Mitglieder der Kommission durch Nominierungsschreiben ernannt hat und dies hauptsächlich wohl deshalb, um auch Kligier mitverantwortlich zu machen.3 Nunmehr muss Kligier die alleinige Verantwortung tragen. Ob und welche Auswirkung dies auf den ganzen Charakter der Aktion haben wird, kann man heute noch nicht sagen. Sicher ist, dass der Präses die Beurteilung des einzelnen Falles von gewissen Gesichtspunkten aus vornehmen und insbesondere von dem jüdischen und gesellschaftlichen Standpunkte aus handeln wird. Von Kligier ist zweifellos eine sehr korrekte, aber darum auch rücksichtslosere Haltung zu erwarten.

Getto-Verwaltung bleibt:

Es ist heute schon ziemlich sicher, dass die Verhandlungen zwischen den Stellen, die über das Schicksal des Gettos zu entscheiden haben, so der Oberbürgermeister, die Geheime Staatspolizei, der Gauleiter und die Reichsstatthalterei Posen mit der sogenannten Ost-Industrie-Gesellschaft-SS gescheitert sind. Demzufolge bleibt Amtsleiter Biebow in seiner bisherigen Funktion. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Präses ist bedauerlicherweise nicht befriedigend. Die Misstimmigkeiten datieren in ihrer scharfen Form von den bekannten Einvernahmen des Präses in der Stadt. Man muss hoffen, dass sich das Verhältnis der beiden Männer zueinander in absehbarer Zeit wieder bessert, da sonst die Folgen für das Getto unvermeidlich wären.

Der Amtsleiter ist noch abwesend. Er ist angeblich in Berlin. Es verlautet jedoch, dass er auf seiner Rückreise nach Litzmannstadt einen Autounfall hatte, bei dem er und seine Begleiter leicht verletzt wurden.

Bevölkerungsaufnahme:

Durch ein Rundschreiben an alle Fabriken, Werkstätten und Abteilungen wurde eine Bevölkerungsaufnahme angeordnet. Alle Arbeitsstellen sind verpflichtet, nach dem Stande vom 20. Februar 1944 eine genaue Aufstellung aller in Evidenz befindlichen Personen und deren Angehörigen aufzunehmen. Diese Bevölkerungsaufnahme geschieht über Anordnung der deutschen Behörde und soll bis zum 26.II.44 abgeschlossen sein.

Das gesamte Material wird sodann der Statistischen Abteilung /Rechtsanwalt Neftalin/ zur weiteren Bearbeitung übergeben werden.

Approvisation.

Keine Aenderung. Das Getto hungert nach wie vor.

Kleiner Gettospiegel.

„Lofix“:

so nennt der Gettowitz die schwarzen Plätzchen, die jetzt zur Zeit des Hungers aus Kaffeersatz zum Ersatz eines Nahrungsmittels auf der Pfanne gebacken werden. Sie sehen auch wirklich diesem aus Teer und Pech hergestellten Unterzündmittel, das als Ersatz für Holz auf dem Kohlenplatze ausgegeben wurde, ähnlich. Aber während diese ihre Aufgabe, Feuer anzufachen, erfüllen, kann das „Lofix“, das gegessen wird, die4 so sinkende Lebenskraft nicht anfachen. Es enthält keine Nährwerte und wenn es im Augenblick den Magen täuscht, so hilft es doch, die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass es bald wieder durch Kartoffeln ersetzt werden möge.5

Man hört, man spricht ...

... im Zusammenhange mit der Anordnung des Präses, dass der Jahrgang 1935 durch die Umschichtungsabteilung in den Produktionsprozess eingegliedert werden soll. Dies gibt dem Getto natürlich wieder Anlass zu beunruhigenden Gerüchten. Die Eltern von Kindern jüngerer Jahrgänge laufen wieder einmal kopflos und aufgeregt herum in der Angst vor einer Aussiedlung der Kinder. Davon ist jedoch augenblicklich nicht die Rede. Sicher ist, dass der Oberbürgermeister bei der Feststellung, dass das Getto zirka 5000 unbeschäftigte Menschen beherbergt, gefragt hat, wieso dies möglich wäre, da doch bei der Aussiedlung im September 1942 insgesamt nur etwa 2000 Kinder im Getto verblieben sind. Jetzt zeigt sich die Zahl von 5000, wobei der natürliche Zuwachs von zirka 300 Kindern keine Rolle spielt. Deswegen also sah sich der Präses veranlasst, schon jetzt den Jahrgang 1935 in den Arbeitsprozess zu stecken und wahrscheinlich gutentwickelte Kinder jüngerer Jahrgänge ebenfalls in diesen einzugliedern.

Sanitätswesen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: Lungentuberkulose 3, Lungenentzündung 1, Lungenabszess 1, Herzkrankheiten 3, Urämie 1, Bauchfellentzündung 1, Fleckfieber 1.

1

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „79,65“; „5“ jeweils von Hand korrigiert; letzte „2“ von Hand hinzugefügt.

2

Gemeint ist ein Sammelpunkt, also einer der Orte im Getto, wo die zur „Aussiedlung“ Bestimmten auf ihre Deportation warten mussten.

3

Vgl. die Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 8. Februar 1944. Dort wird das genannte Nominierungsschreiben wörtlich zitiert.

4

HK, JFK**: Nachfolgend von Hand gestrichen „ach“.

5

HK: Am Rand des Eintrags von Hand die polnischsprachige Anmerkung ‚nur hier‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.