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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 24. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
144

Das Wetter:

8-12 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

18,

Geburten:

1

Festnahmen:

Verschiedenes: 4,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.949

Selbstmord:

Am 24.5.1944 verübte der Liebmann Alfred, geb. 1909 in Berlin, wohnhaft Alexanderhofstr. 11, Selbstmord durch Erhängen. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Der Präses hielt eine Musterung der Angestellten der Fleischläden ab und teilte einen Teil des Personals den Abbruchstellen zu.

Arbeiter nach ausserhalb des Gettos:

Es melden sich weiter Freiwillige. Häufig verlassen Familienväter ihre Angehörigen, weil sie einfach nicht mehr durchhalten. Es ist ja im Getto nicht mehr so, dass der Familienvater der Erhalter der Familie ist, da jedes Mitglied der Familie arbeiten muss, jeder seine gleiche Ration hat, sodass die alten Begriffe gestürzt sind. So wie der Abgang durch Tod an den materiellen Verhältnissen einer Familie nahezu nichts ändert, so ist es heute fast schon gleichgültig, wenn der Vater Frau und Kinder verlässt, um dem quälenden Hunger zu entrinnen. Meist natürlich betraf das Fälle, wo das Familienleben durch den Hunger schon einigermassen erschüttert ist.

Selbstmord:

Der im heutigen Polizeibericht gemeldete Selbstmord: Liebmann Alfred beging aus Verzweiflung darüber Selbstmord, da man ihm im Kürschner-Ressort aus angeblich disziplinären Gründen die Zusatzsuppen entzogen hat.

Approvisation.

Cirka 9.800 kg Kartoffeln für die Küchen und 4.100 kg konserv. Rote Beete für die Ration, dass ist der gesamte Einlauf für das hungernde Getto am heutigen Tage. An Fleisch kam diesmal eine grössere Partie, 6.800 kg.

Kleiner Getto-Spiegel.

Keine Geschäfte mit Toten:

Wer sich krank fühlt und deshalb nicht zur Arbeit ins Ressort gehen will, bedarf zur Bestätigung dieser Sachlage eines Arbeitsbefreiungsscheines des Arztes. Der Arzt stellt den auf eine gewisse Zahl von freien Tagen lautenden Schein aus. Dieser Schein ist es auch, der zum weiteren Bezug der Ressortsuppe berechtigt. Und da die Suppe die Basis der Ernährung ist, stellt die Bestätigung des Arztes für den Kranken Sein oder Nichtsein1 dar. „Herr Doktor bitte einen Befreiungsschein /Zwolnienie/2 für meinen Bruder ... bloss auf zwei Tage.“

„Kann ich nicht geben, denn gestern lag ihr Bruder im Sterben. Wer weiss, ob er heute noch lebt ...“

„Er lebt, er lebt.“

„Ich muss mir ihn erst anschauen“, sagt der Arzt. Der fürsorgliche Bruder ist verlegen. Wenn der Arzt geht und in die gemeinsame Wohnung kommt und den Bruder nicht mehr lebend antrifft, dann ist’s aus mit den Suppen für zwei Tage ... Er blickt den Arzt flehentlich an. Der aber lässt sich nicht erweichen. Vorschrift ist Vorschrift. Auch der naive „Jeke“3, der Arzt aus dem Westen, fällt auf die Tricks der Suppenschnapper nicht mehr herein. Lange Zeit hindurch haben sich die unberechtigten Bezieher solcher „linken“ Suppen auf den Befreiungsschein des Arztes berufen und damit die Legitimität ihres Tuns erwiesen. So kamen die Suppen vieler Toten in die Magen der Lebenden. Das ist nun vorbei. Die Gettogesetze werden desto strenger, je weniger es zu essen gibt. Die Masse der Moral wächst im quadratischen Verhältnis zur Masse der vorhandenen Lebensmittel.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 1 Rippenfellentzündung, 5 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Frühgeburt.

1

„Sein oder Nichtsein“: Vgl. William Shakespeare „Hamlet“ (3. Akt, 1. Szene): „To be or not to be, that is the question“.

2

zwolnienie ‚Krankenschein, Krankschreibung‘; poln.

3

Die Bezeichnung Jecken (zu nhd. Jacke), in Variationen auch Jeckes, Jeken, Jöcken, diente zunächst als Spottname für deutsche Juden, die zwischen 1933 und 1939 nach Palästina auswanderten. Während die meisten polnischen Juden im Getto ärmliche Kleidung trugen, die streng Orthodoxen unter ihnen auch traditionelle Kaftane (poln. chałaty), waren die westeuropäischen Ankömmlinge „modern“ gekleidet (die Männer z.T. in eleganten Jacketts). Oskar Singer bemerkt zum problematischen Verhältnis von Ost- und Westjuden: „Der dumme ‚Jöcke‘ handelt also seine Schuhe ein gegen 15 Dekagramm Margarine. Glücklich, über dieses Stückchen Wegzehrung, kann er aber den augenblicklichen Hunger nicht meistern und nascht schon jetzt davon. Zu seinem Entsetzen findet er, dass die Margarine um ein Stück schlechte Wrucke herumgeschmiert ist. Also: ein Paar Schuhe für 5 Deka Margarine und 10 Deka Wrucke!“ (Singer 2002, S. 54f.). Ruth Alton Tauber schreibt: „Im Anfang wurde uns zwei- oder dreimal das fuer die Ration benoetigte und so schwer verdiente Geld gestohlen. Aber wir ‚Jeckes‘ lernten aus unseren Fehlern, und Ulli steckte nie mehr sein Portemonnaie in die hintere Hosentasche [...]“ (LBI Berlin, LBIJMB MM 2, Bl. 24). – Ein Eintrag in der Getto-Enzyklopädie zeigt auch, wie sich die polnischen Juden über die Neuankömmlinge lustig machten: „Jukiel /langes U/ der Vorkriegs-Euphemismus von ‚Penis’, was einen dämlichen, unerfahrenen Menschen bezeichnete, wurde im Getto zum Synonym für den dämlichen, naiven und lebensfremden Deutschen /Sammelname für alle Eingesiedelten aus dem Altreich, Österreich, Luxemburg, Protektorat Böhmen u. Mähren/, die infolge ihrer Unfähigkeit, sich mit den alteingesessenen einheimischen Gettojuden zu verständigen, oft in Zorn gerieten, ohne dazu eigentlich Anlass gehabt zu haben“ (AŻIH, 205/311, Bl. 195).