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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 24. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
312

Das Wetter:

Tagesmittel 3-5 Grad, bewoelkt, trocken.

Sterbefaelle:

3

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.367

Tagesnachrichten.

Das Getto steht augenblicklich im Zeichen der Reduktion in den Kuechen. Der Aelteste hat durch ein Rundschreiben an alle Werkkuechen den Vorgang angeordnet. Das Rundschreiben hat folgenden Wortlaut:

Hierdurch werden die Leiter der Werkkuechen aufgefordert, innerhalb 48 Stunden /gerechnet vom Erhalt dieses Rundschreibens lt. anliegender Empfangsbestaetigung/ im Zentralsekretariat, Baluter Ring

eine Liste einzureichen, die den Namen, die Adresse, das Alter und die Funktion aller in den Werkkuechen beschaeftigten Personen enthaelt. Ferner muss in der Liste angegeben sein, wieviel Mittage die Kueche taeglich herausgibt.

Fuer die Richtigkeit der in der Liste vermerkten Angaben ist der Leiter persoenlich verantwortlich. Es wird besonders darauf hingewiesen, dass jede unrichtige bzw. falsche Angabe mit Haftstrafe belegt wird.1

Das Ziel dieser Aktion ist, alle juengeren Kraefte aus den Kuechen zu eliminieren und der Produktion zuzufuehren. Die Altersgrenze wird mit 40 Jahren angegeben. Es ist auch beabsichtigt, nur eine beschraenkte Anzahl von Kuechenpersonal, je nach der Kapazitaet der Kueche, zuzulassen. Ferner wird die Kuechen-Abteilung einen gemeinsamen Schaelraum fuer alle Kuechen schaffen, wo die groesseren Kartoffeln geschaelt werden sollen. Die kleineren Kartoffeln werden nur gewaschen und in der Schale gekocht werden.

Der Praeses hat gestern das Leder- und Sattler-Ressort besucht, desgleichen eine Schneider-Abteilung, wo er ein paar Worte zu den Arbeitern sprach. Was die Approvisation betrifft, so bemerkte er kurz, habe er ja bekanntlich auf diesem Gebiete augenblicklich keine Initiative. Er sprach dann von der Beschaeftigung der etatisierten physischen Arbeiter, die unter allen Umstaenden nur bei der Produktion beschaeftigt werden duerfen. Dieses ist uebrigens auch das Thema eines Rundschreibens /siehe unten/.

Rundschreiben betr. etatisierte physische Arbeiter:

Der Praeses erliess am heutigen Tage ein Rundschreiben an alle Werkstaetten und Fabriken, das folgenden Wortlaut hat:

Die Leiter der Werkstaetten und Fabriken sind persoenlich dafuer verantwortlich, dass diejenigen Personen, die den Betrieben als E. ph. A. zugeteilt worden sind und weiter zugewiesen werden, ausschliesslich bei der unbedingten Produktion zu beschaeftigen sind.

Demnach duerfen also derartige Personen keinesfalls Arbeiten als: Bueroangestellte, Magazineure, Warendurchschauer, Produktions-Kontrolleure u.a. uebertragen werden, sie duerfen keine schriftliche oder aehnliche Taetigkeit ausueben, sondern muessen vielmehr im Akkord resp. als physische Arbeiter betaetigt werden.

Diese Anordnung betrifft nicht nur diejenigen Personen, die den Werkstaetten und Fabriken neu zugewiesen werden, sondern auch diejenigen, die den einzelnen Betrieben bereits zugeteilt worden sind.2

Approvisation.

Keine Aenderung. Lediglich verstaerkte Zufuhr von Kohlrueben /Wrucken/.

Kein Gemuesesalat:

Die Erzeugung von Gemuesesalat ist bis auf weiteres eingestellt.

Keine Zuckerwaren:

Die Erzeugung von Bonbons, Marmelade etc. in der Marmeladefabrik ist bis auf weiteres eingestellt.

Kleiner Getto-Spiegel.

Kulturleben im Getto:

So schwer das Leben auf den Gettomenschen auch lastet, wollen sie doch nicht ganz und gar auf jedes kulturelle Leben verzichten. Die Auflassung der Institution des Kulturhauses hat im Getto die letzten Reste eines Kultur- und Gesellschaftslebens geraubt. Aber die Zaehigkeit und Vitalitaet des durch die zahllosen Schlaege gehaerteten Gettobewohners sucht immer neue Wege, um den Hunger nach etwas Kulturgut zu stillen. Insbesondere ist das Beduerfnis nach Musik sehr intensiv. So haben sich allmaehlich, freilich nur fuer eine gewisse Oberschichte, kleine Zentren gebildet, in denen Musik gepflegt wird. Da sind es Berufsmusiker, dort wieder Amateure, die fuer einen engen Kreis von Geladenen musizieren. Es wird Kammermusik betrieben und gesungen. Dann wieder bilden sich kleine fast familiaere Kreise, in denen in bescheidenem Masse etwas geistige Nahrung verabreicht wird. Dichter und Schriftsteller lesen aus eigener Werkstaette. Rezitatoren interpretieren Altes und Neueres der internationalen Literatur, so rettet das Getto etwas von seinem frueheren geistigen Leben.3

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose.

1

Der Wortlaut des Rundschreibens wird – unter Aussparung der Titelzeile („Rundschreiben an alle Werkküchen!“) sowie der Schlussformel – vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/1065: Rumkowski, Rundschreiben an alle Werkküchen, 24.11.1943.

2

Der Wortlaut des Rundschreibens wird – unter Aussparung der Betreffzeile („Betr.: Beschäftigung von E.ph.A.“) sowie der Schlussformel – vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 203: Rumkowski, Rundschreiben / Betr.: Beschäftigung von E.ph.A., 24.11.1943.

3

Szaja Spiegel und Józef Zelkowicz gehörten einem Kreis von vor dem Krieg in Łódź bekannten Schriftstellern an, die sich während der gesamten Existenz des Gettos bei der Schriftstellerin Miriam Ulinower trafen, um sich dort ihre Werke vorzulesen, sie zu diskutieren und zu analysieren. Vgl. Unger 2002, S. 15f.; daneben die Erinnerungen von Abraham Cykiert (gedruckt bei Spodenkiewicz 1998, S. 125f.). Auch Musik wurde in privaten Zirkeln gepflegt. Lucille Eichengreen schildert in ihren Erinnerungen, wie Szaja Spiegel sie im Frühjahr 1943 einlud, mit ihm zu einem Konzert in einer Wohnung zu gehen. Gespielt wurden Kammermusik sowie zwei Wiegenlieder. Lucille Eichengreen fühlte sich durch die Musik in die Vergangenheit zurückversetzt; sie erinnerte sich an das letzte Konzert, das sie zusammen mit ihren Eltern im Jahre 1938 in Hamburg besuchte: „Ich war mir ganz erwachsen vorgekommen und fühlte mich sehr glücklich … ein Leben her. Lange zurückgehaltene Tränen liefen mir über die Wangen.“ Fast bis Mitternacht hätten die Musiker an diesem Abend gespielt. Danach habe „irgendjemand“ ein Akkordeon hervorgeholt und einen Tango gespielt. Man habe getanzt, bis die Musik aufhörte und sei bis in die frühen Morgenstunden beisammen geblieben. Lucille Eichengreen erinnert sich noch viele Jahre später an die Wirkung, die diese Nacht auf sie ausübte: „Voller innerer Ruhe und Zerstreuung gingen wir durch das Ghetto zu unseren Arbeitsplätzen. Ich fühlte mich glücklich“ (Eichengreen 2001, S. 79f.; Zitate S. 80; Auslassung im Original).