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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 25. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
221

Das Wetter:

Frueh 18 Grad, um 7 Uhr morgens kurzes Gewitter mit heftig einsetzendem Regen, der nicht lange anhielt. Mittag 20 Grad bewoelkt.

Sterbefaelle:

7

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 5

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

84.042

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ereignislos. Das Abflauen der Hitzewelle wirkt sich wohltuend aus. Immerhin ist die Stimmung des Gettos jetzt, unmittelbar vor der neuen Ration, wieder recht flau.

Approvisation.

Regelmaessige Kartoffelzufuhren haben die Qualitaet der Suppen einigermassen sichergestellt. Man erwartet auch eine Kartoffelzuteilung in der kommenden Ration. Das alles aber ist bei weitem nicht ausreichend, es fehlt eben nach wie vor an ausreichenden Gemuesezufuhren.

Brotumtausch:

Seit Monaten bestand fuer bevorzugte Personen die Moeglichkeit, das Laib Brot gegen zwei 1 kg Wecken1 umzutauschen. Es gab zwei Sorten. Die eine war identisch mit dem Brotlaib, die andere wurde aus gesiebtem Mehl gebacken, sodass ein friedensmaessiges Brot aus Weizenbrotmehl gewonnen werden konnte. Nunmehr stellt die Baeckerei-Abteilung diesen Umtausch ein, angeblich weil nicht genuegend Weizenmehl fuer diese Zwecke vorhanden ist. Bekanntlich hat das Gettobrot einen betraechtlichen Zusatz von Kartoffelwalzmehl, seit wenigen Wochen sogar einen wesentlichen Zusatz von Zwiebelsaatmehl.

Reorganisation der Brotausgabe:

Die geplante Reorganisation der Brotausgabe durch Umstellung auf die Milchlaeden wurde vorlaeufig zurueckgestellt, weil sich die Approvisations-Abteilung augenblicklich zunaechst mit einer Reorganisation der Lebensmittelverteilung befasst.

Fuersorgewesen.

Erholungsheime:

In der abgelaufenen Woche wurden, wie wir berichtet haben, voruebergehend alle Erholungsheime gesperrt. Diese Massnahme wurde mit der prekaeren Ernaehrungslage begruendet. Nun spricht man wieder von Wiederaufnahme zweier Erholungsheime, wobei in diese zunaechst die Schwerarbeiter der Metall-Ressorts und der Tischlereien zur Erholung Aufnahme finden sollen. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Wie wir erfahren, erfolgte die Schliessung der Erholungsheime ueber Veranlassung des Amtsleiters Biebow, der anlaesslich eines Besuchs im Erholungsheim I die Feststellung machte, dass in diesem Heime ueberwiegend Beamte und Personen, die unter besseren Bedingungen leben, zur Erholung weilten. Die Wiedereroeffnung der Erholungsheime haengt nun von der persoenlichen Verfuegung des Amtsleiters ab. Wie man hoert, duerfte diese in den allernaechsten Tagen erfolgen. Zunaechst wird das Erholungsheim fuer jugendliche Arbeiter wieder in Betrieb gesetzt.

Kraeftigungs-Kueche:

Seit der Eroeffnung bis zum heutigen Tage wurden fuer 28000 Personen ca 300.000 Kraeftigungsmahlzeiten /sogenannte Kolacje2/ ausgegeben. Das ist eine ausserordentliche Leistung, die sich auf den Gesundheitszustand der arbeitenden Bevoelkerung sehr wohltuend auswirkt. Diese Idee des Praeses hat sich sehr bald als eine der grundlegendsten Massnahmen zur Erhaltung der Arbeitskraft erwiesen.

Kleiner Getto-Spiegel.

Kinderspielzeug:

Seit einigen Tagen kann man in den Strassen und Hoefen des Gettos ein Geraeusch hoeren, das dem Klappern von Holzschuhen aehnlich ist. Dieses Geraeusch befremdet anfangs, allmaehlich aber gewoehnt man sich daran, indem man sich denkt: das gehoert zum Getto wie die offenen Ausguesse. Der Beobachter kann nach kurzem feststellen, dass dies „Klappern“ von Knaben erzeugt wird, die sich damit einen Zeitvertreib, eine Unterhaltung geschaffen haben. Man kann praeziser sagen: die Kinder des Gettos haben ein neues Spielzeug erfunden.

Die lange Reihe unterhaltender Spielzeuge mit und ohne Geraeuschmusik wie Mundharmonika, Pferdchen, Ratschen, Bausteine, Abziehbilder etc. muessen unsere Kleinen natuerlich entbehren. Auch sonst sind sie als Gettobewohner von allen Zaubern der Kinderwelt ausgeschlossen. So erfinden sie sich nun selbst ein Spielzeug, das all das ersetzen soll, was Kinder ueberall, wo Menschen wohnen, ergoetzen kann.

Das Spielzeug des Gettos im Sommer 1943: Zwei Plaettchen moeglichst aus hartem Holz! Das eine Plaettchen liegt zwischen Zeige- und Mittelfinger, das zweite zwischen Mittel- und Goldfinger3. Durch einen Druck des kleinen Fingers werden die andern Finger so fest an die Holzplaettchen gedrueckt, dass diese festsitzen und durch eine geschickte Bewegung aneinandergeschlagen werden koennen. Das nun entstandene Geraeusch aehnelt dem Klappern von Stoerchen oder – musikalisch ausgedrueckt – dem Klappern von Castagnetten. Je haerter das Holz, desto praeziser und greller das Klappern, desto gelungener das Spielzeug, desto groesser der Genuss. Natuerlich kann hier das artistische Talent des Spielzeugschnitzers und Spielzeugbehandlers bis zur hoechsten Stufe der Vollendung aufsteigen. Der Musikalitaet des Einzelnen sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt Kinder, die sich mit dem primitiven Aneinanderschlagen der Holzplatten begnuegen und soetwas wie die Toene des Morse-Telegraphenapparats hervorbringen. Andere Kinder wiederum ahmen die Klaenge einer Trommel nach, indem sie einen Marsch aus Klopftoenen komponieren und gleichzeitig mit ihren Spielgenossen wie Soldaten daherschreiten.

In den Strassen des Gettos Litzmannstadt klappert es, trommelt es, klopft es ... Barfuessige Jungen eilen an dir vorbei, fuehren ihr musikalisches Spiel unter deiner Nase aus, mit heiligem Ernst, als wuerde es sich um eine lebenswichtige Angelegenheit handeln. Hier lebt sich der musikalische Trieb des Ostjuden aus. Die Landschaft, welche der Welt so viele Musiker, vornehmlich Geiger, geschenkt hat – man denke an Hubermann, Heifez, Elman, Milstein, Menuhin – wirft jetzt Holzplaettchen-Meister auf den Markt.

Gespraech mit einem Virtuosen: „Das Holz nehmen wir von der Holzgalanterie-Abteilung, aber nur das haerteste Holz ist verwendbar.“ Wie heisst das Spielzeug? „Es heisst Castagnetten ... ich weiss nicht warum. Der Name ist uns fremd. Damit das Spielzeug schoener aussehe, bemalen wir es mit Farbe. Der dort“ – er wies auf einen barfuessigen Jungen, der zerfetzt und schmutzig im Strassenstaub sass – „versteht die Sache nicht. Man muss die ganze Hand schwingen, wenn man eine gute Melodie herausbringen will. Hartes Holz und wuchtig schwingen, das ist die Hauptsache.“ Einige Jungens traten zusammen, schlugen ihre Holzplatten aneinander, liessen die Hoelle los. Es war das erste Castagnettenkonzert, dem ich in meinem Leben beiwohnte.

Der Chronist nimmt an, dass die Holzplaettchen-Musik „nach gutem Ende“ verschwinden und durch andere ersetzt werden wird. Er kann aber auch irren.

Man hoert, man spricht ...

... dass die Gemuesezentrale, welche sich zurzeit in der Inselgasse 2 befindet, in die Approvisations-Abteilung, Matrosengasse 6, uebersiedeln wird. Die dadurch freigewordenen Raeume wird der Praeses fuer andere Zwecke sicherstellen.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

14 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten.

Nachtrag zu „Approvisation“.

Waren-Eingang

vom 24. August 1943.

1./ Lebensmittel: 200 kg Hefe, 172.380 kg Kartoffeln, 5010 kg Weisskohl, 3645 kg Kohlrabi, 255 kg Sellerie, 4800 kg Brotaufstrich, 3060 kg Rapsoel, 10.000 Kaffee-Ersatz, 15.000 kg Salz, 540 kg Freibankfleisch, 230 kg Pferdefleisch, 4596 kg Schmelzkaese, 20.000 kg Rohzucker.4

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 3000 kg Industr. Reinigungsmittel, 40 St Stickscheren5, 2 St Klingerglaeser6, 1550 Bogen Flintpapier7, 26.000 kg Holzkohlen, 34.000 kg Eisen, Draht und Eisenwaren, 4260 kg Heidereiserbesen, 293.440 kg Schnittholz.

1

Wecken ,längliches Weizenbrot oder Brötchen‘; aus mhd. wecke, ahd. wecki ,Brötchen‘, auch ‚Keil‘.

2

Kolacje ‚Abendessen‘; aus poln. kolacja, Plural.

3

Goldfinger ‚Ringfinger‘; älteres Nhd.

4

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend „10.000 kg Kaffee-Ersatz“; wohl ein Versehen.

5

Stickscheren: Feine Scheren mit kurzer Spitze für präzises Arbeiten auch in engsten Fadenmustern.

6

Klingergläser: Runde Schaugläser an Armaturen von Dampfanlagen, die der Überprüfung des Wasserstandes dienen, werden häufig als Klingergläser bezeichnet. Bezeichnungsmotiv ist das Abdichtungsmaterial Klingerit der deutschen Firma Klinger, da die Schaugläser oft ohne Herstellerbezeichnung, jedoch nach der Abdichtung mit dem Aufdruck „Klinger“ oder „Klingerit“ versehen wurden.

7

Flintpapier: Schleif- oder auch Schmirgelpapier, das mit Flint- bzw. Feuersteinkörnchen besetzt ist. Zu nhd. Flint ‚Feuerstein‘, aus mnl. vlint.