Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 26. April 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
116

Das Wetter:

Tagesmittel 8-12 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

14,

Geburten:

2 /w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.410

Selbstmordversuch:

Am 25.4.1944 versuchte die Schnaper Dora, geb. 28.8.1901, in Lodz, wohnhaft Gnesenerstrasse 15, durch Einnahme eines Schlafmittels Selbstmord zu verüben. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Nichts von Belang.

Die Ressorts und Abteilungen erhielten das folgende Rundschreiben betr. Oefen:

Rundschreiben

an alle Werkstätten, Fabriken und Abteilungen.

Betr.: in Ihrem Betrieb / Ihrer Abteilung befindliche Oefen.

Sie werden hierdurch ausdrücklichst darauf aufmerksam gemacht, dass die in Ihrem Betrieb bzw. Abteilung befindlichen OEFEN und Rohre nicht entfernt werden dürfen.

Sie werden vielmehr angewiesen, dafür zu sorgen, dass die Oefen und Rohre an ihrem bisherigen Platz verbleiben und an der Ofenanlage nichts gerührt wird.

Litzmannstadt-G., den 26.4.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.1

Anbauflächen:

In der Wirtschaftsabteilung geht der Kampf um die Bodenverteilung unvermindert weiter. Das Personal dieser Abteilung arbeitet fast ohne Unterbrechung seit Wochen täglich von 8 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts. Das alles wäre nicht nötig gewesen, wenn die Abteilung früher mit der Arbeit hätte beginnen können, wofür sie alle Vorbereitungen getroffen hatte. Sie wurde immer wieder gebremst, man weiss nicht warum. Jetzt bei vorgeschrittener Anbauzeit verschärft sich die Lage natürlich von Tag zu Tag.

Approvisation.

Unverändert schlecht. Einläufe minimal.

Kleiner Getto-Spiegel.

Leihbibliotheken:

Gleich nach der Errichtung des Gettos, bevor noch die aus Lodz ausgesiedelten Juden in ihrem neuen Wohngebiet heimisch waren, machte sich das Lesebedürfnis beim „Volk des Buches“ geltend. Es wurde befriedigt durch die Leihbibliothek J.W. Sonnenberg /Zgierska, d.i. Hohensteinerstr. 19/, welche ohne Unterbrechung seit 1931 an dieser Stelle funktionierte. Alle anderen Leihbuchhandlungen wurden im ersten Kriegswinter 1939/40 durch das Propaganda-Amt des Warthegaus liquidiert. Sonnenberg hatte anfangs rund 19 Bücher2 in polnischer Sprache und Leser aus dem Mittelstand und Balut. Vom April 1940 an kaufte er von den Lodz ern und andern Eingesiedelten Bücher in allerlei Sprachen, hauptsächlich deutscher und englischer Zunge. Anfang 1944 besass die Bibliothek bereits 7500 Bände, darunter 800 deutsche. Ausser literarischen Werken kaufte Sonnenberg auch Schulbücher, Enzyklopädien, Kompendien aller wissenschaftlichen Kategorien und Lehrbücher fremder Sprachen. Das Abonnement kostete 2 Mk monatlich, ausserdem war eine Kaution von 5 Mk erforderlich. Seit Mai 1942 musste der deutsche Leser, der ein Abonnement erstrebte, ein deutsches Buch als Einschreibhonorar zur Verfügung stellen, sodass der deutschsprachige Teil der Bibliothek sehr rasch wuchs. Im Frühjahr 1944 hatte Sonnenbergs Leihbibliothek bereits 4000 Abonnenten. Von polnischen Autoren waren /ausser Kriminal- und Sensationsbüchern/ die Klassiker Żeromski, Strug, Orzeszkowa, Sienkiewicz, Prus, von Sowjetautoren Pilniak, Erenburg, Gorkij und Aldanow begehrt.3 Die deutschen Leser griffen mit Vorliebe nach Monographien, geschichtlichen und philosophischen Werken und nach den deutschen Klassikern. Am beliebtesten waren Heine, Feuchtwanger, Ludwig und Uebersetzungen der Weltliteratur. Von jiddischen Autoren waren I.L. Perez sowie Asch die populärsten.

Neben Sonnenberg etablierte sich der Lodz er Buchhändler S. Otelsberg /Wołborska4 44, d.i. Rauchgasse/, der 2000 Bücher und 2000 Abonnenten besass, sodass ständig alle Bücher zirkulierten.

Schliesslich gab es im Getto eine Reihe jiddischer Leihbibliotheken in Privatwohnungen, auf die der Interessent durch eine auf dem Haustor angebrachte Affiche „Achtung! Ch’ borg arojs jiddische Bicher zum lajnen“5, aufmerksam gemacht wurde. Die Behörde tolerierte all diese Bibliotheken. Allerdings galt für sie das Verbot der deutschen Kriegsbücher6 und derjenigen Werke, welche auch im Reich verboten waren.7

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 11 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 9 Lungentuberkulose, 3 Lungenkrankheiten, 2 Herzkrankheiten.

1

Mit Ausnahme der abgekürzten Ortsangabe „ Litzmannstadt-G.“ (im Rundschreiben „ Litzmannstadt /Getto“) wird der Wortlaut des Schreibens vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 48: Rundschreiben an alle Werkstätten, Fabriken und Abteilungen. / Betr.: In Ihrem Betrieb/Ihrer Abteilung befindliche Oefen, 26.4.1944.

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

Der Chronist bezieht sich auf die polnischsprachigen Schriftsteller Stefan Żeromski (1864-1925), Andrzej Strug (1871-1937), Eliza Orzeszkowa (1841-1910), Henryk Sienkiewicz (1846-1916) und Bolesław Prus (1847-1912) sowie auf die russischsprachigen Autoren Boris Andreevič Pil’njak (1894-1938), Il’ja Grigor’evič Ėrenburg (1891-1967), Maksim Gor’kij, (1868-1936) und Mark Aldanov (1889-1957).

4

So in HK, LK*, JFK*.

5

„Ch’ borg arojs jiddische Bicher zum lajnen“ ‚Ich verleihe jiddische Bücher zum Lesen‘; jidd.

6

Vermutlich waren mit den deutschen Kriegsbüchern Propagandabücher über deutsche Feldzüge gemeint.

7

Zu den Bibliotheken des Gettos vgl. auch die Tageschroniken vom 9. Juni 1942 (Eintrag ‚Der Hunger nach dem gedruckten Wort‘) und 7. Juli 1943 (Eintrag „Buechersammlung im Getto. Wie eine Bibliothek entstand“) sowie die entsprechenden Anmerkungen.