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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 26. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
207

Das Wetter:

Tagesmittel 18-30 Grad, morgens kühl, dann heiss.

Sterbefälle:

12,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

69,317

Tagesnachrichten.

Die 200 O.D.-Männer, welche von der Kripo verlangt wurden /siehe Bericht v. 24. ds.Mts./, haben heute in den frühen Morgenstunden ihre Aufgabe durchgeführt. Es handelte sich um eine im Auftrage der deutschen Kriminalpolizei durchgeführte Durchsuchung des ganzen Friedhofgeländes in Marysin, nach Menschen. Die Aktion wurde vom Chef der deutschen Kriminalpolizei im Getto, Neumann,1 geleitet.

Die Suche verlief ergebnislos und der Leiter der Kripo dankte dem Ordnungsdienst für die klaglose Lösung ihrer Aufgabe.

Frohe Nachricht für’s Getto. Postkarten aus Leipzig:

Von Personen die im Zuge der letzten Aussiedlung zur Arbeit ausserhalb des Gettos abgereist sind, sind heute die ersten Nachrichten im Getto eingetroffen. Es kamen 31 Postkarten, die durchwegs den Poststempel vom 19. Juli 44 tragen.2 Aus diesen Karten geht erfreulicherweise hervor, dass es den Leuten gut geht und hauptsächlich, dass die Familien beisammen sind. Einzelne Karten sprachen von guter Verpflegung. Eine an einen Küchenleiter gerichtete Karte sagt in einfachen jiddischen Worten: „mir lachen vun eiere Suppen“!3

Man ist überglücklich im Getto und man hofft, dass nun auch bald von allen anderen Ausgesiedelten ähnliche Berichte eintreffen werden. Es bestätigt sich also, dass tatsächlich Arbeiterkolonnen für das Altreich gebraucht wurden.

Wir erinnern daran, dass vor Abgang des I. Transportes davon gesprochen wurde, dass er nach München gehen soll. Wahrscheinlich dürfte auch eine Gruppe dorthin gegangen sein.

Zu bemerken ist noch, dass aus den Nachrichten hervorgeht, dass die Menschen in bequemen Baracken untergebracht sind.

Eine deutsche Kommission

besichtigte die Lebensmittel- und Gemüse-Verteilungsstelle des Gettos.

Approvisation.

Der Präses bewilligte allen jugendlichen Arbeitern aus eigenen Beständen 1 kg Zwiebeln.

Kraut läuft weiter in beträchtlichen Mengen ein.

Weitere Kraut-Ration:

Heute wurde folgende Krautration publiziert:

Ab Donnerstag, den 27. Juli 1944, werden an alle auf Coupon Nr. 75 der Gemüsekarte

  • 10 kg Weisskohl pro Kopf
  • für den Betrag von Mk. 5.- ausgefolgt.

Die Einzahlung für obige Weisskohlzuteilung kann ab Donnerstag, den 27. Juli 1944, in den zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen vorgenommen werden. Der Weisskohl wird ebenfalls ab Donnerstag, den 27.7.44, an den von den Kolonialwaren-Verteilungsstellen angewiesenen Plätzen zur Verteilung gebracht.

Es wird darauf hingewiesen, dass der Weisskohl unbedingt

eingelegt /eingesäuert/ werden muss.

Betr.: Zuteilung von Gemüsesalat an die gesamte Gettobevölkerung.

Ferner werden ab Mittwoch, den 26. Juli 1944, an alle in den für sie zuständigen Milch-Verteilungsstellen auf Coupon Nr. 52 der Brotkarte

  • 250 Gramm Gemüsesalat pro Kopf
  • für den Betrag von Mk. 1.- herausgegeben.

Litzmannstadt, den 26.7.1944

Die Bevölkerung wird aufgefordert, dieses Kraut als Reserve nach Möglichkeit einzulegen. Wenn es sich auch um Frühkraut handelt, so muss doch diese Art der Bevorratung erfolgen, da es unmöglich ist, diese Quantitäten zu verzehren, andererseits kann sich das Kraut – im natürlichen Zustande – nicht länger als eine Woche halten.

Preissturz in Suppen.

Die Ressortsuppe kostet heute nur noch 2-3 Mk. Das ist seit einem Jahr der niedrigste Stand.

Bezeichnend ist, dass jedoch Kolonialwaren und Brot das alte Preisniveau halten, während Gemüse ebenfalls stark gefallen ist.

Die Schwarzhandelspreise

des heutigen Tages sind: Brot 750 Mk, Mehl 500-550 Mk, Grütze 500 Mk, Erbsen 450 Mk, Zucker 750 Mk, Suppenpulver 360 Mk je kg. Oel 12 Mk je dkg. Rote Rüben gross mit Blätter4 15 Mk, kleine 8 Mk je kg. Möhren 25 Mk, Kraut 8-10 Mk je kg. Saccharin 8 Stück für 5 Mk.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:5

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:6

1

Der 1905 geborene spätere SS-Obersturmführer Wilhelm Neumann kam von der Kripo leitstelle Berlin, er war seit ca. Mai 1941 Leiter der „Kriminalpolizei, Sonderkommissariat Getto“ in Litzmannstadt. Spätestens seit dem 17. Juni 1942 war er Kriminalsekretär, später wurde er zum Kriminalkommissar befördert. Vgl. Galiński 1988, S. 40.

2

Bei den eingetroffenen Postkarten handelte es sich um Fälschungen. Sie waren zwar mit einem Poststempel aus Leipzig versehen, doch waren die „Ausgesiedelten“ niemals nach Leipzig, sondern direkt in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet worden. Die Deutschen wussten von der Beunruhigung, die die letzten Deportationen bei den Menschen hervorgerufen hatten, und wollten die Bevölkerung im Vorfeld der Gettoauflösung in Sicherheit wiegen. Hermann Gielow, Mitglied des SS-Sonderkommandos Kulmhof, schildert nach dem Krieg, wie solche Karten entstanden: „Von jedem in Kulmhof ankommenden Transport mussten etwa 10 Juden an ihre Bekannten in Litzmannstadt schreiben, dass sie sich auf der Fahrt nach Deutschland befänden und vorübergehend in Kulmhof untergebracht wären“ (Aussage Gielow, zit. nach Alberti 2006, S. 489f.). In einem Notizbuch, das von der Roten Armee in Kulmhof gefunden wurde und das eine Art „Testament“ von jüdischen Funktionshäftlingen des Vernichtungslagers enthielt, ist zu lesen: „One more thing: while in baracks, they all had to write postcards to their relatives in the ghetto, informing them that they were all right, had gotten a good job, were well [sic] eating well, etc. A family who received such a postcard was happy that their father, son, or brother had a better life; they were not aware that by the time the postcard arrived, their relative was already dead, leaving no trace behind“ (Chełmno Witnesses Speak 2004, S. 79).

3

„mir lachen vun eiere Suppen“ ‚Wir lachen über eure Suppe‘; jidd.

4

So in HK, NYK**, JK*, JFK*.

5

HK, NYK**, JK**, JFK*: Keine Angabe.

6

HK, NYK**, JK**, JFK*: Keine Angabe.