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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 27. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
284
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Das Wetter:

Tagesmittel 9-13 Grad, bewoelkt, kalt.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Widerstand: 1

Bevoelkerungsstand:

83.509

Tagesnachrichten.

Der Praeses ist intensiv mit der weiteren Organisation seiner Kraeftigungskuechen beschaeftigt. In den spaeten Abendstunden arbeitet er noch im Buero der Kraeftigungskueche, an der Hohensteinerstrasse 53, wo die Leiterin Frl. Lewkowicz mit ihrem Personal Nachtarbeit leisten muss, um die laufenden Geschaefte zu bewaeltigen.

Approvisation.

In der Versorgung des Gettos ist offensichtlich eine Verschlimmerung eingetreten. Die Hoffnungen auf eine reichliche Kartoffelzufuhr wurden bitter enttaeuscht. Ueber die halbleeren Gemueseplaetze und die offenen Mieten in Marysin schreitet wieder das Gespenst des Hungers. Es verlautet, dass das bisherige Kartoffelkontingent fuer das Getto um ganze 50% verringert wurde. Es ist leider nicht abzusehen, wohin diese furchtbare Tatsache führen wird. Kartoffel waren doch bisher die einzige Ernährungsbasis des Gettos. Selbst wenn damit argumentiert wird, dass auch ausserhalb des Gettos die Kartoffelration geschmälert wurde, so muss dem entgegengehalten werden, dass dort sonstige Lebensmittel in entsprechendem Masse zugeteilt werden, also ein Minimum, das noch eine Lebenshaltung ermöglicht. Mit einer Ration von 50 dkg Kolonialwaren für 14 Tage und einer Tagesration von 25 dkg Kartoffeln kann wohl kaum ein Mensch durchkommen, geschweige denn ein Arbeiter.

Auch Gemüse kommt unzureichend herein. Die Ausgabe von Kürbissen bezw. Rettich an Stelle der Tomaten ist augenblicklich wieder gestoppt.

Quarkzuteilung:

Ab Donnerstag, den 28.10., werden auf Kupon 53 der Nahrungsmittelkarte 100 g Quark zum Preise von 0,40 Mk. ausgegeben.

Ab Donnerstag, den 28.10., werden auf Kupon 65 der Nahrungsmittelkarte 500 g Gemüsesalat zum Preise von 2 Mk.- ausgegeben.

Ressortnachrichten.

Metallarbeiter gegen die Leitung:

Im Metall-Ressort II, Hohensteiner 56, ereignete sich folgender Vorfall: Am 26.10. versetzte der Meister Smulewicz einem jugendlicher Arbeiter aus irgendeinem Anlass eine Ohrfeige. Die ganze Belegschaft der Vormittagsschichte in der Schmiede und Dreherei legte zum Protest die Arbeit nieder. Eine Delegation begab sich zur Leitung, um Aufklärung zu verlangen. Sie wurde nicht empfangen. Daraufhin haben die Arbeiter die Arbeit nicht wieder aufgenommen. Die Leitung alarmierte den Ordnungsdienst und verfügte die Verhaftung der ganzen Belegschaft dieser beiden Unterabteilungen. Als um 3 Uhr nachmittags die zweite Schichte antrat und von dem Vorfall erfuhr, verlangte sie von der Leitung die Freilassung der angehaltenen Arbeiter. Da die Leitung dieses Ansinnen zurückwies, nahm die ganze Belegschaft die Arbeit nicht auf. Die Ressortleitung verständigte von den Vorfällen den Präses, der um 17 Uhr 30 im Ressort eintraf. Er veranlasste zunächst die Freilassung der inhaftierten Arbeiter und versprach, die Angelegenheit bis zum nächsten Tag zu ordnen. Auf Verlangen der Leitung sollten die Streikenden die drei versäumten Arbeitsstunden einholen. Sie haben auch anstatt bis 12 Uhr nachts bis 3 Uhr morgens gearbeitet. Im Laufe der drei Nachtstunden rief der Präses dreimal das Ressort an, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung ist. Nun aber schloss sich auch die Belegschaft der Zweigstelle Smugowa aus Sympathie den Arbeitern des erstgenannten Betriebes an. Auch in diesem Ressort fand sich der Präses sofort ein und forderte die Belegschaft auf, die Arbeit sofort wieder aufzunehmen, nachdem er ihnen eine Untersuchung der Angelegenheit für die nächsten Tage zusagte. Als der Präses bereits um 7 Uhr morgens im Ressort eintraf, fand er keinen der Herren Leiter vor. Den verspäteten Leitern machte er heftige Vorwürfe. Dann begann er sofort mit der Untersuchung der Angelegenheit und hörte insbesondere auch die Klagen der Arbeiter wegen verschiedener Missstände an. Er versprach, entsprechend Ordnung zu schaffen. Diese Missstaende bestehen hauptsaechlich in ungerechter Verteilung der Zusaetze und Kolatie sowie der laufenden Talons. Man darf ueberzeugt sein, dass der Praeses energischer Hand durchgreifen wird, um ein besseres Verhaeltnis zwischen Leitung und Arbeiterschaft gerade in diesen wichtigen Betrieben herzustellen.

Schuhbekleidung:

Das Altschuhlager bewaeltigt allmaehlich die Reparaturen des Altmaterials. In der allernaechsten Zeit werden gegen 600 Paar Schuhe und Galoschen sowie Ueberschuhe, ferner Altschuhe mit Gummisohlen an die Bekleidungsabteilung, Bunin, ausgegeben werden.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Berufungsverhandlung vom 17.X.43, Bynsztok, Flatto, Wojdiysławski, Prok. Schwebel. In der heutigen Berufungsverhandlung wurde über die Berufung des ehemaligen Leiters der Feuerwehrküche, Königsberg, verhandelt, der szt. des Handelns mit Suppen und verschiedener Machinationen in der von ihm geleiteten Küche beschuldigt wurde. In der ersten Instanz wurde Königsberg um des Diebstahls von Brot, mit welchem er ein Paar Stiefel bezahlte, schuldig gesprochen und zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Bei der Hauptverhandlung verteidigte sich der Angeklagte ebenso geschickt wie in der ersten Instanz.1 Trotzdem wurde das Urteil bestätigt. Da die Sache noch unter die Pesach-Amnestie fällt, braucht Königsberg die Strafe nicht abzusitzen.

Die zweite Sache /Kartoffeldiebstahl/ wurde vertagt, da alle Angeklagten krankheitshalber nicht erschienen sind.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Diphtherie, 1 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 1 Herzschlag.

1

Zur ersten Verhandlung (24./25. Juni 1943) vgl. die Rubrik „Justizwesen“ in der Tageschronik vom 2. Juli 1943.