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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 29. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
347

Das Wetter:

Tagesmittel 3-7 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

7

Geburten:

2 /1 weibl., 1 männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.139

Tagesnachrichten.

Heute hat eine grössere Kommission einige Ressorts besichtigt. Es handelt sich in der Tatsache um eine Prüfung der Arbeitsverhältnisse im Getto, an die sich aller Voraussicht nach die endgültige Regelung der Langarbeiter-Zuschläge zur Ernährung schliessen soll. Die Nachrichten, wonach die L-Zuteilungen ad acta gelegt wurden, scheinen sich also nicht zu bewahrheiten.1

Unmittelbar nach dem Besuche der Kommission in der Tischlerei Zimmerstrasse besichtigte auch der Präses diesen Betrieb und äusserte sich sehr lobend über dessen Leistungen.

Morgen, den 30. Dezember, spricht der Präses in der ehemaligen Kräftigungsküche an der Hohensteinerstrasse 26 zu den Leitern und Delegierten der Ressorts und Abteilungen.

Approvisation.

Die Lebensmittelzufuhr ist jetzt, unmittelbar nach Weihnachten, noch immer sehr gering. Während am gestrigen Tage 42.780 kg Kartoffeln hereinkamen, können wir heute nur 2140 kg notieren. Steckrüben kamen gestern 3190 und heute 15,200 kg, Mohrrüben gestern 17,660 kg, heute 8,555 kg. Die gestern eingetroffenen 15,000 kg Roggengrütze lassen eine Zuteilung dieses Produktes in der kommenden Ration erwarten.

Die Fleischzufuhr ist unbefriedigend. Gestern kam keines, heute etwa 13,000 kg. Es ist demnach nicht sicher, dass zugleich mit der Ration auch eine Fleischzuteilung herauskommt.

Die Preise im Schwarzhandel:

Brot 360 Mk., Mehl 280 Mk., weisser Zucker 430.-, brauner Zucker 340.-, Roggenflocken 300 Mk., Kartoffeln 60.-, Oel 6,50 per Deka, Kohlrüben 12 Mk., Butter 13 Mk. per Deka, Senf /Mustarda2 / 25.- per kg, Milchpulver 250 bis 300 per kg.

Brennmaterial: Holz 3 bis 4,50 pro kg, Kohle 6,50 bis 7,50.

Ressortmittage notieren 12 bis 14 Mark.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 23.XII.43: Wojdysławski, Schwebel.

Kausen: 4 /Diebstahl 3, Provokation 1/ Urteile: 4

Der Arbeiter Hefter Jakob wurde wegen Diebstahls von Holz an der Abbruchstelle bei Zubilligung besonders mildernder Umstände zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt.

Die Ressortarbeiter Horowicz Josek und Zak Jojne wurden wegen Diebstahls von 6 kg Kartoffeln aus ihrer Ressortküche zu je 2 Monaten Gefängnis verurteilt.

Działowski Abram wurde wegen unvorsichtigen Ankaufes von Holz zu 6 Wochen Gefängnis mit einer Bewährungsfrist von 6 Monaten verurteilt.

Der Jugendliche Rubin Mojżesz war angeklagt, als Agent provokateur seinen Kollegen zu einem Einbruchsdiebstahl verleitet und dann eine Anzeige erstattet zu haben, die zur Folge hatte, dass sein Kollege – welcher inzwischen aus dem Getto ausgesiedelt wurde – auf frischer Tat ertappt wurde. Das Urteil lautete auf 2 Monate Gefängnis.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 1 Bauchtyphus, 20 Flecktyphus, 1 Lungentuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 3 Lungentuberkulose, 1 Unterleibstyphus, 1 Urämie, 1 Lebercoma, 1 Lungenentzündung.

1

Offenbar handelte es sich um eine Kommission des Gewerbeaufsichtsamtes Litzmannstadt. Vgl. den Eintrag „Uebersicht über die behördlichen Kommissionen seit 1.7.1943“ in der Tageschronik vom 16. Februar 1944.

2

Mustarda ‚Senf‘; aus poln. musztarda.