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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 29. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
89

Das Wetter:

0 Grad, heftiges Schneegestöber.

Sterbefälle:

11,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 3

Bevölkerungsstand:

77.727

Tagesnachrichten.

FUKA-Referat teilweise wieder tätig:

Neben dem Büro des Aeltesten sind die Räumlichkeiten bereits vollkommen adaptiert und Direktor Jozef Rumkowski mit M. Rozenblat und ca 10 Referenten haben die Arbeiten bereits regulär aufgenommen.

Nach Baugelände Radegast wurden unter anderen 5 O.D.-Männer zur physischen Arbeit entsandt. Es handelt sich um O.D.-Männer, die während der letzten Zeit der Arbeiter-Aussiedlung im Zentral-Gefängnis Dienst gemacht haben. Als der Kommissar der Geheimen Staatspolizei, Müller, eine Besichtigung der zur Aussiedlung bestimmten Arbeiterkolonnen vornahm, herrschte keine peinliche Ordnung. Die O.D.-Leute waren den dort Internierten gegenüber nahezu machtlos. Die Internierten fügten sich nicht den Anordnungen, indem sie sich auf dem1 Standpunkt stellten, mehr wie ausgesiedelt zu werden könne ihnen sowieso nicht passieren. Als nun Kommissar Müller ins Zentral-Gefängnis kam, wurden die dort diensthabenden O.D. Männer einfach wegen Unfähigkeit fristlos vom O.D. entlassen und mussten zu physischen Arbeiten nach Radegast geschickt werden.

Einzelne Personen, die sich während der Zeit der obenerwähnten Aussiedlung verborgen hatten, wurden, wie wir bereits berichtet haben, zwar entlassen, mussten jedoch sofort zur Arbeit entweder in Radegast oder an den Abbruchstellen antreten. Nur einige wenige Facharbeiter kamen zurück in die für sie in Betracht kommenden Betriebe.

Approvisation.

Der Einlauf bessert sich einigermassen, wenn auch die Mengen noch immer keine Aenderung der Lage bringen.2 An Gemüse kamen 4.220 kg Möhren, 11.750 kg Kartoffeln und 7.780 kg Rote Beete. Als neues Lebensmittel taucht ein Transport von ca 9.000 kg Kürbismark auf, ausserdem kamen ca 3.500 kg kons. Kohlrüben. Alle anderen Kolonialwaren im Rahmen des Kontingents.

An Fleisch erhielt das Getto 4.250 kg.

Ressortnachrichten.

Alte Motoren:

Die Elektrizitäts-Abteilung erhielt wieder einen grossen Transport von alten Motoren aus der Stadt.

Schäfte-Ressort:

Dieses Ressort hat alle laufenden Aufträge ausgeführt und steht, wenn nicht raschest neue Aufträge einlaufen, vor dem Stillstand.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Lungenentzündung, 3 Herzkrankheiten.

1

So in HK, JK*, JFK*.

2

Oskar Rosenfeld schreibt am 29. März 1944: „Situation. Seit vier Jahren – 9. März 1940 – leben wir ohne: Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Musik, Radio, Grammophon, Lied, Gesang, Sport, Briefwechsel, Landschaft, Luft, Wald, See, Schwimmen, Baden, Turnen, Spaziergang, Café, Restaurant, Geselligkeit... Mit: Angst, Schrecken, Alpdruck, Hunger, Not, Herzenspein, Kälte, Frost, Todesahnung, Massensterben... Alles verloren: Ehre, Würde, Vergangenheit... Einer will sich auf Kosten des Anderen retten, stößt dir die Faust in den Mund, um dich am Schreien zu hindern... Tausende wackeln übers Pflaster durch Schnee, Kot und Schmelzwasser mit der Menaschke in der Hand... 80 000 Menschen essen täglich die Ressortsuppe, eine Kollektiv-Speise, die sich nicht mit der chinesischen Reis-Speise vergleichen läßt, denn dort gibt es ein paar Dutzend Arten der Zubereitung...“ (Rosenfeld 1994, S. 281).