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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 29. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
256

Das Wetter:

Tagesmittel 11-14 Grad, bewoelkt, zeitweise Regen.

Sterbefaelle:

10

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.711

Tagesnachrichten.

Der Praeses besuchte am gestrigen Tage die Tischlerei, Zimmerstrasse 12, und hielt an die versammelten Fachleute eine Ansprache, in der er nochmals vor Materialdiebstaehlen warnt. Er versprach bei dieser Gelegenheit den Fachleuten taeglich Mittagszusaetze und beginnend mit naechster Woche 14 Kraeftigungsmahlzeiten innerhalb eines Monats. /Unsere Mitteilung, wonach der Praeses in dem Hungerstreik der Tischler vermittelte, ist unrichtig. Naeheres darueber unter Ressortnachrichten./

Approvisation.

Die Kartoffelzufuhr am heutigen Tage ist noch geringer als am Vortage. Es kamen nur ca 45.000 kg herein. Etwas besser ist die Einfuhr von Gemuese, es kamen insgesamt ca 55.000 kg herein. Darunter etwa 12.000 kg Kuerbis, der, wie wir bereits angekuendigt haben, ausschliesslich der Produktion von Gemuesesalat zugefuehrt werden wird. Die Lage ist also noch immer ueberaus angestrengt. Im Getto herrscht Hunger. Etwas besser ist am heutigen Tage die Fleischeinfuhr, insgesamt kamen heute ca 5000 kg Freibankfleisch und 1200 Dosen konserviertes Fleisch herein. Seit laengerer Zeit ist wieder die Einfuhr von Speisequark zu verzeichnen /50 Fass mit 2300 kg/.

Zuteilung von Heizmaterial:

Heute veroeffentlichte die Kohlen-Abteilung ihre traurige Ration, die ab 3.10.1943 eingeholt werden kann. Auf Coupon Nr. 41 der Gemuesekarte werden pro Person

3 kg Holz und

1 ″ Briketts zum Preise von Mk 1.- ausgegeben.

Die Distribution ist fuer die verschiedenen Verteilungsstellen bis einschliesslich 22.10.43 vorgesehen. Man sieht, dass die Kohlen-Abteilung sich bemueht, dem katastrophalen Mangel an Brennmaterial abzuhelfen und wenigstens etwas herauszugeben. Freilich ist der Bevoelkerung mit diesem kleinen Quantum nicht nur nicht zu helfen, sondern die Geringfuegigkeit der Ration verstaerkt nur die Angst vor den kommenden Wintermonaten.

Ressortnachrichten.

Strohschuh Marysin liquidiert:

Heute wurde die Strohschuh-Abteilung, Marysin, endgueltig liquidiert. Die Arbeiter werden in dem1 Hauptbetrieb an der Rungegasse / Widok / transferiert, waehrend das Bueropersonal zum Teil reduziert, zum Teil ebenfalls nach Rungegasse dirigiert wird.

Grosse Geschichte eines kleinen Streiks:

Der von uns bereits besprochene Konflikt in der Tischlerei, Zimmerstrasse 12, hatte folgende Ursache bzw. Verlauf: Nach der Hinrichtung des Bekerman, der bekanntlich seinen kleinen Diebstahl im Leder- und Sattler-Ressort mit dem Leben bezahlen musste, warnte der Praeses in verschiedenen Ansprachen an die Arbeiter vor Materialdiebstaehlen. Auch in der Tischlerei, Zimmerstrasse 12, hielt er eine solche Ansprache. An diesem Tage war der Leiter der Tischlerei-Abteilung, Terkeltaub, krankheitshalber nicht anwesend. Nach seiner Rueckkehr in den Betrieb begann man gerade in der neuen Maschinenhalle mit der Produktion der Munitionskisten, einem fuer das Getto ueberaus wichtigen Wehrmachtsauftrag, der direkt vom O.K.H. / Oberkommando des Heeres/ erteilt wurde. Diesen Umstand nahm Terkeltaub zum Anlass, zu seinen Arbeitern zu sprechen. Er erklaerte ihnen, dass das Regime bei diesem Auftrag wesentlich verschaerft werden muesse, während es bisher nicht von entscheidender Bedeutung war, ob eine Partie Schreibtische mit einiger Verspaetung geliefert werden konnte, muss jetzt bei der Anlieferung der Munitionskisten mit genauester Einhaltung der Liefertermine gerechnet werden. 600 Stueck muessen taeglich erzeugt werden. Um dieses Resultat zu erreichen, genuegt nicht nur die Anstrengung aller Kraefte, sondern auch eine strenge Bewirtschaftung des Rohmaterials, das heisst, dass die Arbeiterschaft unter keinen Umstaenden, legal oder illegal, Material heraustragen duerfe, das fuer die Produktion, mittelbar oder unmittelbar, in Frage kommt. Es werden so kleine Bestandteile fuer diese Praezisionskisten hergestellt, dass man sie leicht in Taschen, unter den Kleidern und sonst wie heraustragen koennte. Es duerfe also auch bei den legal herausgegebenen Holzabfaellen nicht 1 Stueckchen mitgehen, das als Bestandteil fuer so eine Kiste verwendet werden koennte. Nach dieser Ansprache an die gesamte Belegschaft des Hauptbetriebes versammelte Terkeltaub seine Fachleute, etwa 100 Tischler, und schaerfte ihnen ein, dass sie der Belegschaft mit gutem Beispiel vorangehen muessen. Gerade die Tischler seien von ihm in jeder Beziehung bevorzugt und er duerfe daher gerade von ihnen eine entsprechende Haltung fordern. Dann sprach auch noch der Leiter Gersztonowicz zu den Tischlern und fuehrte aus, dass er doch aus ihren Reihen hervorgegangen sei und dass er persoenlich immer volles Verstaendnis fuer seine Arbeitskameraden und Mitarbeiter bewiesen haette. Beide Herren betonten, dass sie die Tischler fuer jede Uebertretung kollektiv verantwortlich machen muessten, wenn, soweit es sich um die Munitionskisten handle, ein Diebstahl vorkommen sollte. Einige Tage spaeter, am 23.9., bemerkte Terkeltaub am Heimwege aus der Tischlerei in den Abendstunden am Baluter-Ring in einem Hausflur zwei seiner Arbeiter, die dort mit Holz manipulierten und konstatierte, dass diese beiden Leute dort Holz verkauften, das aus der Tischlerei stammte. Es waren regulaere Abfaelle, wie sie mit den Talons ausgegeben werden, darunter aber befand sich ein Brettchen, das noch als Material anzusprechen war. An sich war die Uebertretung nicht schwerwiegend. Da er nun einmal den Tischlern mit kollektiver Strafe gedroht hatte, glaubt er konsequent bleiben zu muessen und bestrafte am naechsten Tage die Tischler mit dem Entzug der Zusatzsuppe. An diesem Tage besprachen sich die Tischler und beschlossen auch die Normalsuppe nicht abzunehmen. Diesem Hungerstreik schlossen sich ca 80 Tischler an. Terkeltaub erwartete eine Delegation der Tischler, es kamen keine. Da die Suppen verderben konnten, entschloss er sich, die ca 80 Suppen an Schwerarbeiter zu verteilen. Auch am Sonnabend sprachen die Streikenden nicht vor. Als schliesslich Sonnabend abends die Tischler eine Delegation von 3 Leuten zum Leiter entsandten, antwortete er, dass zuerst die Suppen abgenommen werden muessten, bevor ein Gespraech stattfinden koennte. Diese Bedingung nahmen die Tischler nicht an und setzten ihren Hungerstreik fort. Da der naechste Tag ein arbeitsfreier Sonntag war, zog sich die Sache bis Montag hin. An diesem Tage sprach ein Arbeiter vor, dem Terkeltaub noch einmal bedeutete, dass er nicht bereit sei zu verhandeln, solange der Hungerstreik andauere. Endlich gaben die Tischler nach und nahmen die Suppen ab. Dann erst empfing der Leiter die Delegation. Diese erklaerte, dass sie mit der kollektiven Haftung nicht einverstanden sei und dass jede Zuwiderhandlung von dem Schuldtragenden selbst zu verantworten sei. Das nahm Terkeltaub zur Kenntnis, indem er ausfuehrte, dass gegen die kollektive Haftbarmachung urspruenglich kein Protest erfolgt sei, sodass er das Einverstaendnis der Tischler voraussetzen durfte. Die Arbeiter verlangten Ersatz der versaeumten Suppen, was aber Terkeltaub ablehnte. Es kam zu einer inoffiziellen Einigung.

Dass an diesem Tage der Praeses mit Jakubowicz in der Tischlerei erschien, war ein reiner Zufall. Weder der Eine, noch der Andere war ueber den Vorfall informiert. Die ganze Angelegenheit wurde schliesslich freundschaftlich geregelt, da ja zwischen der Leitung und der Arbeiterschaft gerade in diesem Betrieb ein durchaus ertraegliches Verhaeltnis besteht.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

7 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

6 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 1 Typhus, 2 Herzkrankheiten.

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So in HK, LK*, JFK*.