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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 3. November 1943

Tageschronik Nr.: 
291
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Das Wetter:

Tagesmittel 8-12 Grad, sonnig, warm.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.469

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

In den Vormittagsstunden traf im Getto eine behoerdliche Kommission ein, bestehend aus dem Oberbuergermeister /und Chef der Gestapo/ Dr. Bradfisch1 und einigen Offizieren aus Berlin. Die Kommission wurde gefuehrt von Amtsleiter Biebow und dessen Stellvertreter Ribbe. Die Herren besichtigten das Metall-Ressort, vor allem die neue Halle, sowie den Tischlerei-Betrieb, Zimmerstrasse. Im Metallbetrieb waren die auswaertigen Besucher von der eben erbauten neuen Maschinenhalle sehr stark beeindruckt. Auch die Besichtigung in der Tischlerei verlief ueberaus befriedigend, denn auch dort machte die neue Maschinenhalle und die Montagehalle, wo eben die Munitionskisten hergestellt werden, einen geradezu imponierenden Eindruck. Herr Amtsleiter Biebow fuehrte die Kommission und gab die entsprechenden Aufklärungen. Während er in der Tischlerei führte, wurde er zum Telefon gerufen. Er ersuchte den technischen Leiter der Tischlerei, Gerstonowicz, die Führung zu übernehmen.

1 Suppe täglich!

Der Präses hat sich nach seiner Konferenz mit den verschiedenen Vertretern zu einer radikalen Massnahme entschlossen. Es erschien heute die Bekanntmachung Nr. 401 über die Herausgabe von Zusatzsuppen. Die Bekanntmachung hat folgenden Wortlaut:

Infolge Verkleinerung des Kartoffelkontingentes sehe ich mich gezwungen, die Herausgabe von Zusatzsuppen zeitweilig einzustellen.

Ab Sonntag, den 7.11.1943

werden alle Einwohner des Gettos nur eine Suppe täglich – einschliesslich Sonntag – erhalten. In dieser Suppe werden 250 Gramm Kartoffel brutto enthalten sein.

Ausserdem erhält jeder Gettoeinwohner bis auf Widerruf wöchentlich 2 kg Kartoffeln.

Die Küchen-Abteilung wird angewiesen, ab Sonntag, den 7.11.43, keinerlei Talons auf Zusatzsuppen zu honorieren. Jegliche Intervention der Leiter, der Fabriken und Werkstätten in dieser Angelegenheit ist völlig wertlos2, da aus oben angeführtem Grunde die Herausgabe von Zusatzsuppen nicht möglich ist.

Damit ist zunächst wenigstens zeitweilig, wie es in der Kundmachung heisst, das Kapitel Zusatzsuppen abgeschlossen. Obwohl man Schlimmes erwartet hat, wirkte diese Bombe niederschmetternd auf die Bevölkerung. Zunächst ist die Arbeiterschaft sehr schwer betroffen. Es kann sich niemand recht vorstellen, wie man mit einer Suppe täglich zehn Stunden arbeiten soll. Die Kundmachung macht ja keinen Unterschied zwischen Schwerarbeitern, sonstigen Arbeitern, Jugendlichen, Kindern und schliesslich Unbeschäftigten. Jeder Einwohner ist auf eine Suppe gesetzt.

Im Laufe des Tages rief der Präses verschiedene Betriebe an und fragte die Leiter, wie die Arbeiterschaft diese Massnahme aufgenommen hat. Die Leiter antworteten meistens ausweichend und meinten, dass ja vom 3. bis zum 7. noch Zusatzsuppen ausgegeben werden und dass man erst nach diesem Tage sehen wird, wie sich die Dinge entwickeln werden. Kein Betriebsleiter kann sich die Aufrechterhaltung der Produktion mit einer Suppe täglich vorstellen, notabene bei 25 dkg Kartoffel brutto.

Approvisation.

Die Lage ist schlecht, es kommt sowohl an Kartoffeln wie auch an Gemüse sehr wenig herein. Aus dem uns vorliegenden Bericht vom 1.XI. ist zu ersehen, dass nicht 1 kg Kartoffeln hereinkam, lediglich etwas Kürbis, Kohlrabi, Rettich, Weisskohl, Spinat, im Gesamtgewichte von 25,700 kg. Fleisch stabil, sodass mit Sicherheit wieder mit einer Ration zum Termin gerechnet werden kann.

B-Zuteilungen noch immer nicht heraussen:

Auch heute am 3. sind die Talonzuteilungen nicht herausgekommen. Die Talonabteilung hat dem Präses genaue Listen vorgelegt, von dem es nun abhängt, wie die Talon-Angelegenheit künftig geregelt werden soll.

Ressortnachrichten.

Leder- und Sattler:

Dieser Betrieb hat einen beträchtlichen Auftrag auf Spatenhalter /für Feldspaten/ erhalten. Für diesen Auftrag werden 60,000 kg Leder erwartet. Ein Auftrag auf 30,000 Pferdegeschirre für die sogenannte „Ukrainagesellschaft“4 wird augenblicklich nicht fortgesetzt.

Kleinmöbelfabrik, Putziger 9:

Wie bereits gemeldet,5 ist der Auftrag auf Räder storniert. Augenblicklich werden nur die noch in Arbeit befindlichen Bestände vollendet. Diese Räder werden vorderhand in der Stadt eingelagert werden. – Hingegen hat die Tischlerei einen dringenden telefonischen Auftrag auf Lieferung von 20,000 sogenannten Winterbaukisten6 für das Waffenamt Berlin erhalten. Dieser Auftrag muss bis zum 10.11. ausgeliefert sein. Ein weiterer Auftrag auf 100,000 Obstkisten ist in Aussicht. Eine Probekiste wurde bereits geliefert. Sehr interessant ist, dass die Gettoverwaltung mit der Reichsorganisationsleitung / Dr. Ley/ wegen Lieferung kompletter Holzhäuschen mit Einrichtung verhandelt. Es handelt sich hier um Behausung für7 Fliegergeschädigte. – Die Tischlerei ist ferner beschäftigt mit der Anfertigung von kleinen Haushalts- bezw. Küchengeräten. Ferner liegt ein Auftrag vor auf 1,100.000 Stück Zigarettendosen aus Holz für die Armee. Es wäre natürlich wichtig, für die Holzbetriebe sehr grosse Aufträge hereinzuholen, doch legt die Gettoverwaltung Wert darauf, in erster Linie für die Wehrmacht zu produzieren. Abgesehen davon können Privatfirmen sehr schwer die erforderlichen sogenannten Holzscheine8 beschaffen.

Kleiner Getto-Spiegel.

Vom Suppenmarkt:

Gleich als die ersten Anzeichen sich bemerkbar machten, dass eine Kartoffelverknappung bevorstehe, wurde es auf dem Suppenmarkt lebhaft.

Suppenmarkt – das ist die Strassenbörse rings um die Küchen, welche die sogenannten Ressortsuppen /Ressort-Mittage/ ausgeben. Vor dem Eingang zur Ausgabestelle stehen Gruppen und Einzelpersonen in lebhafter Bewegung. Die Menschen eilen mit ihren Schalen, Töpfen, Krügen, Menaschken9 zum Schalter. Auf dem Wege dahin werden sie aufgehalten. Die stereotype Frage lautet: „Habt Ihr einen Zettel zu verkaufen“ /Wer hat a Zettolo/? Mit dem Wort „Zettel“ bezeichnet der Fragende die Legitimation, die zum Bezuge der Suppe, des Ressort-Mittags, berechtigt.

Der Befragte geht entweder stumm weiter oder er stellt sich dem Reflektanten. Zwischen Kauf- und Verkaufspreis ist die Spannung niemals grösser als eine halbe Gettomark. Mehr riskiert weder der Nehmer noch der Geber. Aber wie klein auch das Geschäft sein mag, ist es doch im Getto eine lebenswichtige Angelegenheit. Nicht die halbe Mark auf oder ab gibt den Ausschlag, aber der Verkaufs- und Kaufsabschluss ist für beide Teile lebenswichtig. Aus solchen Kleinigkeiten setzt sich im Getto das Leben ausserhalb der gesetzlichen Normen zusammen. Um jedoch aus derlei Geschäften den letzten Effekt herauszuschlagen, ist es wichtig, den Markt zu kennen und zu übersehen. Der Mensch, der auf der Suppenbörse Erfolg haben will, muss Bescheid wissen über die Gesamtlage: über die Qualität der Ware und die Spannung zwischen Nachfrage und Angebot.

Der erfahrene Zettelreflektant ist genau darüber orientiert, welche Küche Suppe mit viel „Kolonial“, mit viel Kraut oder „gedachte“ Suppen ausschenkt. Davon hängt die Stimmung des Marktes ab. Die Preise regulieren sich von selbst. Die Börse ist sehr empfindlich. Im stummen Einvernehmen notieren die Suppenpreise vor allen Küchen gleich. Kleine Differenzen hängen von der Hartnäckigkeit der beiden Parteien, des Käufers und Verkäufers, ab. Niemand, nicht einmal der gewissenhafteste Beobachter, kann eruieren, auf welchem Wege sich die einzelnen Börsen bezüglich des Marktpreises verständigen. Aber die Tatsache steht fest, dass sich diese automatisch regulieren.

Zusatzsuppen-Assignate sind besonders dann begehrt, wenn sie nicht an eine bestimmte Küche oder einen bestimmten Tag gebunden sind. Solche Assignate besitzen einen höheren Kurs, weil sich mit ihnen leichter manipulieren lässt. Man hält sie in der Tasche und realisiert sie zu günstiger Stunde.

Nicht uninteressant sind gewisse Varianten im Handel. So kommt es z.B. vor, dass jemand seinen Zettel, also seine Suppenlegitimation, verkauft und den Erlös zum Ankauf einer anderen, zum Bezuge in einer anderen Küche, verwendet, wenn er erfahren hat, dass diese Küche gerade „heute“ eine bessere oder anders ausgestattete Suppe ausschenkt. Bei solcher Gelegenheit investiert der Interessierte gerne eine halbe oder ganze Mark. Andererseits wieder lässt sich der tüchtige Börsianer die Gelegenheit nicht entgehen, die angeblich qualitativ wertvollere Suppe zu einem höheren Preise zu verkaufen, als für die mindere von einer anderen Suppenbörse gefordert wird. Die Differenz – der Gewinn, wird öfter für Zigaretten ausgegeben. Der Mensch, der längere Zeit, besonders an kalten Tagen, vor der Küche auf und ab wandelt, um nach einem Käufer Ausschau zu halten, ist genötigt, sich diese Zeit mit ein wenig Rauchen zu vertreiben. Als Stichtag für den Wandel im Geschäft kann wohl der 3. November angesehen werden. An diesem Tage erschien nämlich an allen Strassenecken plakatiert eine Kundmachung des Aeltesten /400 solcher Bekanntmachungen sind seit Bestehen des Gettos bereits erschienen/, die eine Neuordnung in der Kategorie „Suppe“ beinhaltet. Die Kundmachung besagt zunächst, dass von Sonntag, den 7. November, ab keine Zusatzsuppen mehr verabfolgt werden. Ab diesem Tage erhält jeder Gettoeinwohner nur mehr eine Suppe täglich. Weiters wird kundgegeben, dass die Suppe bloss 250 g Kartoffeln brutto enthalten wird. Schliesslich setzt die Kundmachung die Wochenration an Kartoffeln mit 2 kg pro Person fest. Das sind zweifellos schwere Beeinträchtigungen des Suppenmarktes. Weniger Suppen – weniger Kartoffel! Keine Möglichkeit mehr, die Zusatzsuppe zu veräussern. Das Geschäft, d.h. das Angebot, muss sehr leiden. Die Frage: „Habt ihr einen Zettel zu verkaufen“ wird dringender, aktueller. Trotzdem hat am ersten Tag der Kundmachung die Börse noch nicht voll reagiert. Der Suppenpreis ist bloss um eine Mark gestiegen.10

Am schwarzen Mittwoch, am 3. November des Gettojahres 1943, hat die Ressort-Suppe „bloss“ 9 Mark 50 gekostet. Das Angebot genügte der Nachfrage, obwohl der Markt sehr rege war. Aber eine Hausse war nicht zu verzeichnen. Der Käufer lässt sich nicht einschüchtern. Die Kundmachung des Aeltesten hat sein Vertrauen in die nächste Zukunft nicht erschüttert.

Der Suppenpreis – neben dem Brotpreis der verlässlichste Barometer – besagt, dass das Getto sich nicht leicht einschüchtern lässt. Das Getto scheint zu wissen, warum es die katastrophale Ernährungslage im Suppenpreis noch nicht honoriert.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

Die Ursache der heute gemeldeten Sterbefälle:11

1

Im Juni 1943 wurde der Leiter der Stapostelle Litzmannstadt, Dr. Otto Bradfisch, als Vertreter des zur Wehrmacht einberufenen Werner Ventzki zum kommissarischen Oberbürgermeister der Stadt ernannt. Damit war – auf Initiative von Gauleiter Greiser – die politische Führung der Stadt mit der polizeilichen verbunden. Vgl. Alberti 2006, S. 462. In der Dissertation von Peter Klein werden die politischen Hintergründe der Ernennung von Bradfisch zum kommissarischen Oberbürgermeister detailliert analysiert (Klein 2009).

2

Im Originaltext der Bekanntmachung: „zwecklos“.

3

Mit Ausnahme der genannten Abweichung sowie der abschließenden Orts-/Datumsangabe („ Litzmannstadt-Getto, den 3. November 1943“) und des Titels („Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“) wird der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 401 vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 226: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 401, 3.11.1943.

4

Mit „Ukrainagesellschaft“ ist die „ Ukraine -Lederindustrie G.M.B.H.“ (mit Sitz in Rowno) gemeint, für die im Getto produziert wurde. Allerdings wurden die Aufträge mehrmals unterbrochen, da keine Rohstoffe zur Verfügung standen. Vgl. dazu den im April 1943 einsetzenden Schriftwechsel in den Akten der Gettoverwaltung (APŁ, GV 29367).

5

Vgl. den Eintrag „Vom Holzbetrieb Putziger 9“ in der Tageschronik vom 29. Oktober 1943.

6

„Winterbaukisten“ waren, wie die Tageschronik vom 6. Dezember 1943 (Eintrag „Ein Pack-Ressort“) erläutert, „Kisten, die für Wehrmachtsautos hergestellt werden und in welchen Autobestandteile für Kraftkolonnen verpackt werden sollen“.

7

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK*. Nachfolgend gestrichen „Bomb“.

8

„Holzscheine“, auch „Holzeinkaufscheine“, waren die erforderlichen Berechtigungen zum Erwerb von Holz, das kriegsbedingt knapp war. Im Reichsgau Wartheland wurden sie von der Abteilung „Forst- und Holzwirtschaft“ des Reichsstatthalters in Posen herausgegeben. Vgl. etwa APŁ, GV 29362, Bl. 103: Schreiben der Gettoverwaltung an den Herrn Regierungspräsidenten / Betr. Aushändigung von Holzscheinen an die Gettoverwaltung, 14.2.1941.

9

Peter Wertheimer erklärt den Ausdruck Menaschka in der Getto-Enzyklopädie. Gemeint ist eine Essschale, die zum allgegenwärtigen Begleiter der Gettobewohner wurde, weil sie damit ihre tägliche Suppe einholen konnten. Die Bezeichnung, so Wertheimer, „stammt wohl aus der österreichischen Militärmundart, die die Verpflegung als ‚Menage‘ bezeichnete“. Es habe mannigfaltige Formen gegeben, doch habe die „reichsdeutsche nierenförmige Büchsenform“ überwogen (AŻIH 205/311, Bl. 255). Bernard Ostrowski hat die Erläuterungen Wertheimers erweitert: In seinem Eintrag „Menazka /Menage-Schale/“ weist er darauf hin, dass ursprünglich „allerlei Töpfe, Schüsseln, Teller“ benutzt worden seien, um die Mittage abnehmen zu können. Später habe sich „eine einheitlich geformte Menazka /länglich-oval mit Traghenkel/“ als praktischer erwiesen und durchgesetzt. Der Mann mit der Menazka in der Hand sei in den Straßen „das charakteristische Merkmal des Gettolebens“ gewesen (AŻIH 205/311, Bl. 256).

10

Jakub Poznański kommentiert die genannte Kundmachung in seinem Tagebuch: „Die Bekanntmachung hat einen gewaltigen Eindruck gemacht. Als ob sie die Gerüchte über den Hunger bekräftige, der auf uns wartet“ (Poznański 2002, S. 124; übers. aus dem Poln.).

11

HK, LKV/a**, JFK*: Keine Angabe.