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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 4. August 1943

Tageschronik Nr.: 
200
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Das Wetter:

Tagesmittel 29-40 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

84.230

Tagesnachrichten.

Ruhiger Tagesverlauf.

Kommission im Getto: Eine deutsche Kommission besichtigte einige Betriebe.1

Approvisation.

Keine groesseren Zufuhren gemeldet. Trotzdem verlautet, dass eine Ration von 4 kg Kartoffeln ausgegeben werden soll. Vorlaeufig duerfte das wohl nur eine Hoffnung sein, denn die vorhandenen Vorraete bzw. Zufuhren erlauben bestimmt nicht eine Ration in dieser Hoehe.

Ressortnachrichten.

Aenderung in der Krankenfuersorge: Eine wichtige Aenderung wird in den Ressorts bei der Befreiung erkrankter Arbeiter eintreten. Die Befreiung des Arztes, die bisher ausnahmslos respektiert wurde, wird in Hinkunft nur fuer 2 Tage Gueltigkeit haben. Nach Ablauf dieser Frist wird der erkrankte Arbeiter aus der Evidenz des betreffenden Ressorts gestrichen und fuer die Dauer seiner Erkrankung zur Disposition des Sekretariats Wółkowna gestellt werden. Diese Dienststelle wird den Arbeiter nach seiner Genesung wieder dem Arbeitsamt zur Verfuegung stellen. Diese Aenderung wird der Arbeiter zweifellos als harte Massnahme empfinden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Welchen Schmuck traegt man im Getto?

Bekanntlich besitzen Juden im Getto keinen Schmuck, da das ganze juedische Vermoegen als beschlagnahmt gilt und demnach abzufuehren war oder auf dem Umwege ueber eine Vorladung in die Kirchgasse2 abgeliefert wird. Dennoch ist das Beduerfnis nach kleinen Schmuckstuecken begreiflich. Frauen tragen, abgesehen von billigen Bijouterien3 aus alten Bestaenden, meistens jetzt Broschen mit Gettosymbolen. Meistens sind es Miniatueren von Brotkarten mit dem eingravierten Namen der Besitzerin, aus Chromblech, seltener aus Silber. Vielfach traegt man als Brosche den Vornamen aus Chromdraht. Anhaenger zeigen meistens den Davidstern in verschiedenen Ausfuehrungen. Andere Gettomotive wie Bruecke und sonstige das Getto charakterisierende Dinge werden ebenfalls vielfach als Schnallen oder Broschen getragen. Maenner und Frauen tragen Silberringe mit eingravierten Gettomotiven. Junge Leute tragen vielfach verschiedene Embleme, ausnahmslos mit dem Davidstern auf den Rockaufschlaegen. Zigarettendosen, mit Emblemen und Symbolen der betreffenden Abteilungen und Ressorts, sind ein beliebter Geschenkartikel. Auf sonst glatten Dosen wird auch die ehemalige Raucherkarte mit dem Namenszug des Besitzers eingraviert. Es ist erstaunlich, wie die Graveurkunst im Getto blueht und immer wieder neue Einfaelle bringt.4

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

15 Bauchtyphus, 1 Flecktyphus, 1 Diphtherie, 6 Tuberkulose.

Die Todesursachen der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 1 Typhus, 1 Fleckfieber, 1 Herzkrankheit, 1 Tuberk. Gehirnhautentzuendung.

1

Vgl. zu dem Kommissionsbesuch den Eintrag „Uebersicht über die behördlichen Kommissionen seit 1.7.1943“ in der Tageschronik vom 16. Februar 1944.

2

Eine „Vorladung in die Kirchgasse“ bedeutete eine Vorladung zur Kripo.

3

Bijouterien, (billige), unechte Schmuckstücke‘; aus frz. bijouterie, zu bijou, ursprüngl. ‚Fingerring‘.

4

In der Getto-Enzyklopädie findet sich ein Eintrag, in dem solche Formen von Schmuck beschrieben werden (AŻIH, 205/311, Bl. 134f.). Darüber hinaus hat sich Schmuck aus dem Getto Litzmannstadt vereinzelt erhalten. Bei Unger 1995, S. 108f., sind Fotografien einiger Stücke aus den Beständen von Yad Vashem reproduziert. Eine Brosche aus den Beständen der Sammlung Haney ist im Ausstellungskatalog Haus der Wannsee-Konferenz 1999, S. 55, abgebildet.