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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 5. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
96

Das Wetter:

Tagesmittel 4-8 Grad, es nieselt, nachdem es die ganze Nacht geregnet hat.

Sterbefälle:

8,

Geburten:

3 /2 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.650

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Eine grössere Kommission mit dem Bürgermeister von Litzmannstadt besuchte das Getto und u.a. auch das Baugelände Radegast.

Feiertagszuteilung:

Das Getto steht ganz im Zeichen der Pessach-Talone. Es wird von nichts anderem gesprochen und je weniger man darüber weiss, destomehr wird geredet. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen wandten sich an den Präses um Zuteilungen. Es hat den Anschein, als ob der Präses diesmal grosszügig geben wollte, wobei sich die Eingeweihten den Kopf darüber zerbrechen, aus welchen Reservoiren er schöpfen wird. Möglicherweise hat er aus den 2% der Approvisation, über die er frei verfügen kann, eine entsprechende Reserve eingespart. Es ist sicher, dass nebst den verschiedenen Talon-Kategorien auch Sonderzuteilungen von Mazzot sein werden. Diese Zuteilungen werden wahrscheinlich in erster Linie die sogenannten Chassidim erhalten, für die der Präses merkwürdigerweise immer etwas übrig hatte. Die Gesamtbevölkerung schätzt diese Gruppe von Menschen allerdings nicht sehr hoch ein.

Approvisation.

Lebhafter Einlauf von verschiedenen Kolonialwaren, doch nach wie vor wenig Kartoffeln und Gemüse. Heute erhielt das Getto insgesamt nur 4.780 kg Kartoffel und 5.490 kg Rote Rüben. Die konserv. Roten Rüben ist die Deckung für die bereits ausgeschriebene Ration.1 An Fleisch erhielt das Getto heute 3.400 kg.

Pessachsuppen:

Der Präses beabsichtigt, besondere Suppen für Fromme zu den Feiertagen auszugeben. Die Suppen werden ohne Mehl gekocht und nur etwas Sauerkraut und Kartoffeln enthalten. Zur Verdickung wird etwas Sago oder Mazzemehl verwendet werden. Diese Suppen werden von Freitag, den 7., - inkl. Sonnabend, den 15.4., ausgegeben werden.2

Anbauflächen:

Mit Ungeduld wartet das Getto auf die diesjährige Lösung der Anbauflächenfrage. Die Wirtschafts-Abteilung hat alle in Frage kommenden Drucksachen bereits fertigstellen lassen, doch kann man noch nicht mit Bestimmtheit sagen, wie gross die zur Verfügung stehende Fläche sein wird, da noch nicht bekannt ist, wieviel von der Anbaufläche diesmal die Getto-Verwaltung für ihre Zwecke in Anspruch nehmen wird. Eines will man bereits wissen, dass nämlich der Präses die Absicht habe, in dieser Saison den „Grossgrundbesitz“ nicht zu dulden. Ein grosser Teil des erforderlichen Saatgutes ist bereits im Getto eingetroffen. Offen ist noch die Frage der Saatkartoffeln. Im Vorjahre wurden im Getto die Saatkartoffeln im Verhältnis 1-9 verrechnet, d.h. 1 kg Saatkartoffeln als 9 kg Nutzkartoffeln. Ob sich das Getto, angesichts der gegenwärtigen Lage, einen ähnlichen Anrechnungsschlüssel wird leisten können, hängt von der Entwicklung der Dinge ab, vorausgesetzt dass überhaupt Saatkartoffeln kommen sollten.3

Ressortnachrichten.

Die Metall-Abteilung I hat die kleine Verschublokomotive, deren Import wir seinerzeit gemeldet haben,4 instand gesetzt und diese Lokomotive ist nunmehr für den Verschub am Bahnhof Radegast eingesetzt. Das beschleunigt wesentlich den Verschubverkehr, der bisher durch die Triebwagen der Getto-Strassenbahn besorgt wurde.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 4 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 Gehirnblutung, 1 Tuberk. Bauchfellentzündung, 1 Lebensschwäche /bei Frühgeburt/.5

1

So in HK, LK**, JFK*.

2

Chassidische und andere orthodoxe Juden essen an Pessach keine Mazzemehlklöße, für den Fall, dass diese zu gären beginnen könnten (vgl. dazu Encyclopaedia Judaica 2007, Bd. 15, S. 681). Zu den besonderen Speisevorschriften an Pessach vgl. die Anmerkung zum Eintrag „Vom religiösen Leben im Getto“ in der Tageschronik vom 10. April 1943.

3

Das Verhältnis 1:9 bei „Saatkartoffeln“, ugs. für Pflanzkartoffeln, entsprach dem damaligen Mittelwert; heute kann man von etwa 10-15 Kartoffeln pro Pflanze ausgehen.

4

Von einer ins Getto gelieferten Straßenbahnlokomotive berichtet die Tageschronik vom 21. Februar 1944 (Eintrag „Die Schnallenfabrik, an der Wołborska /Rauchgasse/ 44“).

5

Die Aufzählung der Todesursachen ergibt 9. In der Rubrik „Sterbefälle“ werden 8 Verstorbene verzeichnet.