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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Mittwoch, den 6. Oktober 1943

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Tageschronik Nr.: 
263

Das Wetter:

Tagesmittel 15-28 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

12

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 6

Bevoelkerungsstand:

83.646

Selbstmord:

Am 5.10.1943 veruebte Flamholz Chaja, geb. 23.8.1914 in Łodz, wohnhaft Rauchgasse 36, durch Sprung aus dem 3. Stockwerke ihres Wohnhauses Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Der Praeses gibt bekannt, dass am Samstag, den 9. ds., /Jom Kippur/ in den Fabriken, Werkstaetten und Abteilungen nicht gearbeitet wird. Zum ersten Mal seit Bestand des Gettos ist der Jom Kippur wirklich ein Feiertag. Heute erschien ein Rundschreiben des Praeses betreffend die Mittagsausgabe am Sonnabend, den 9.10.1943, dieses Rundschreiben hat folgenden Wortlaut:

Rundschreiben an alle Fabriken, Werkstaetten und Abteilungen.

Betr.: Mittagsausgabe am Sonnabend, den 9.10.1943.

Nachdem am Sonnabend, den 9.10.1943, in den Fabriken, Werkstaetten und Abteilungen nicht gearbeitet wird, fordere ich die Leiter auf, den bei ihnen beschaeftigten Arbeitern und Angestellten die Mittags-Legitimations-Karten schon einen Tag zuvor, also am Freitag, den 8.10.1943, ausfolgen zu wollen. Die Arbeiter und Angestellten erhalten am Sonnabend, den 9.10.1943, nur ein kraeftiges Mittag – bestehend aus gedaempften Kartoffeln – also keinerlei Zusatz.

Ich weise daraufhin, dass die Arbeiter und Angestellten der Betriebe und Abteilungen, die keine eigene Kueche haben, ihr Mittag in den fuer sie zustaendigen Kuechen selbst abzunehmen haben, da ein Zufuehren der Mittage in die betreffenden Betriebe und Abteilungen an diesem Tage nicht erfolgt.1

Jom Kippur in den Kraeftigungs-Kuechen:

Der Praeses hat angeordnet, dass in den Kraeftigungskuechen am Freitag, den 8.10.1943, /Kol Nidre/2 ausnahmsweise die Konsumenten ihre Mahlzeiten nach Hause nehmen duerfen. Auch die Jugendlichen duerfen dies tun.

Approvisation.

Wie erwartet werden konnte, wurde die neue Ration vorzeitig publiziert. Erfreulich ist lediglich die 5 kg Kartoffelration fuer die Zeit bis Sonntag, den 17.10.43, ansonsten enthaelt die Ration keine erfreuliche Ueberraschung, eher wieder eine Enttaeuschung, insoferne als nur 10 dkg Oel ausgegeben wird. Die Ration wird ab Donnerstag, den 7. Oktober 1943, auf Coupon Nr. 44 der Nahrungsmittelkarte ausgegeben und enthaelt:

  • 400 g Roggenmehl
  • 100 g Erbsen
  • 50 g Kohlruebenschnitzel
  • 450 g Zucker, braun
  • 100 g Oel
  • 300 g Kaffee-Mischung
  • 400 g Marmelade
  • 400 g Salz
  • 50 g Suppenpulver
  • 50 g Bruehpaste
  • 100 g Senf
  • 25 g Kuemmel
  • 20 g Natron
  • 10 g Zitronensaeure
  • 50 g Lederfett
  • 1/2 Stueck Seife.
  • Diese Ration betraegt Mk 7.50

Ferner werden an alle auf Coupon Nr. 49 der Gemuesekarte fuer die Zeit bis Sonntag, den 17.10.1943, einschliesslich

  • 5 kg Kartoffeln fuer den Betrag von Mk. 2.50 ausgefolgt.

Wurstzuteilung:

Ab Freitag, den 8.10.1943, werden auf Coupon Nr. 43 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 g Wurst pro Person ausgegeben.

Preise:

Wir haben wiederholt ueber die Tagespreise im Schwarzhandel berichtet. Zur Illustration bringen wir diesmal eine Gegenueberstellung der offiziellen Preise, wie sie von der Approvisations-Abteilung in den internen Rundschreiben notiert werden, zu den Tagespreisen:

  Roggenmehl das kg Mk. 0.70 --- Mk 150.-  
  Erbsen das kg Mk. 2.- --- Mk 100.-  
  Zucker das kg Mk. 1.80 --- Mk 180.-  
  Oel das kg Mk. 8.- --- Mk 500.-  
  Seife das Stueck 0.40 --- Mk 4.-  
  Kartoffeln das kg Mk. 0.50 --- Mk 18.-  

Keine Verschlechterung der Ressortsuppen:

Die Kuechen-Abteilung hat ihren Auftrag an die Kuechen zur Reduzierung der Kolonialwaren zurueckgezogen und ordnete an, dass fuer die Suppen folgende Mengen zu verwenden sind: 3,5 dkg Kolonialwaren u.z. 1,5 dkg Mehl und 2 dkg Roggenflocken je Suppe.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die ersten Oktobertage 1943:

Das juedische Neue Jahr kam heuer, des Schaltjahres wegen, kalendarisch mit Verspaetung. Der zweite Neujahrstag fiel auf den 1. Oktober, der wettermaessig das Recht hat, trueb, regnerisch, ja melancholisch zu sein. Den Gettobewohnern war er guenstig. Nach trueben Morgenstunden brach die Sonne durch und vom Himmel fielen Herbsttage herunter, wie man sie sich in diesen Gegenden Polens nicht klarer und waermer wuenschen kann.

Das sonnige Wetter verbesserte die Stimmung, die sonst recht trostlos gewesen waere. Denn wieder einmal stand der nackte Hunger vor der Tür. Man hielt Ausschau nach etwas Essbarem. Der Sehnsuchtsschrei „Wann werden wieder Kartoffeln kommen?“ erstarb auf den Lippen der darbenden Massen.

Endlich kommt der Sonntag, der 3. Oktober, und mit ihm eine scheinbar endlose Reihe von Kartoffelfuhren. Wagen auf Wagen rollen auf den Baluter-Ring und von hier auf die Gemueseplaetze. Ausserdem kann man mit Kartoffeln beladene Handwagen sehen, gezogen von menschlichen Lasttieren3, die zu den Kuechen dirigiert werden, also eine doppelte Freude!

Sooft eine Kartoffelfuhre herankommt, wird sie von lachenden Augen gegruesst, sozusagen in der Vorfreude des Genusses. Barfuessige Jungen laufen hinterher, um etwa heruntergefallene Fruechte zu erhaschen. Oben auf den Fuhren sitzen die Maenner der Sonder-Abteilung, zu ebener Erde wachen die Ordnungsdienstler, um jeden4 Kartoffel, auch den herabgefallenen, vor dem Zugriff der Strasse zu schuetzen. So ist dieses Kapitel – wie sagt man im Getto? – „in besten Ordenung“. Die 3 kg Ration ist gesichert, die Pflicht der Verantwortlichen erfuellt.

Auf den Działkas reifen die Pomidoren5. Die Kartoffelernte des Gettos hat ihren Anfang genommen. Ganze Reihen von Porree warten auf die pflueckende Hand. Die Felder zeigen gruene, gelbe, braune, ja rote Farben. Der Herbst ist guetig, er hat auch das Getto beglueckt, insbesondere die Gemueseverkaeufer, die in diesen Tagen tausende Gettomark ernten. Die Zufuhren von draussen machen ihnen keine Konkurrenz. Die 2 kg-Ration Kuerbis – man hat schon lange so grosse und schoene Exemplare nicht gesehen – macht nicht viel aus. Noch immer nimmt die Kartoffel in der Ernaehrungsreihe den ersten Platz ein. Kuerbis ist eine Delikatesse wie Zwiebel, Knoblauch, Porree, Pomodore ...

Der Herbst ist schoen, warm, ein Wunder Gottes. Aber er bringt durch die kalten Morgen und frostigen Naechte eine Vorahnung des Winters. Das Heizmaterial ist die Sorge jedes Haushalts. 1 kg Brikett und 3 kg Holz, die letzte Zuteilung, macht die Sorge noch groesser. Die Angst vor dem Hunger wirkt sich nicht so krass aus wie die Angst vor der Kaelte. Es ist noch immer leichter, den leeren Magen als den leeren Ofen zu fuellen.

Aber vergessen wir einen Augenblick dieses Uebel. Freitag Abend, den 8. Oktober, beginnt heuer der Jom Kippur. Der Praeses hat den Jom Kippur als arbeitsfreien Tag durchgesetzt – anstelle des anschliessenden Sonntags. Die religioesen Gemueter werden ihre Befriedigung finden und wenigstens 24 Stunden des Jahres der Gettostimmung entrinnen koennen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

6 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheit, 2 Tuberkulose anderer Organe, 1 Selbstmord.

1

Mit Ausnahme der abschließenden Orts-/Datumsangabe „ Litzmannstadt /Getto, den 6.10.1943“ und des Titels „Ch. Rumkowski / Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“ wird der Wortlaut des Rundschreibens vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/422, Bl. 124: Rundschreiben an alle Fabriken, Werkstätten und Abteilungen / Betr.: Mittagsausgabe am Sonnabend, den 9.10.1943; 6.10.1943. Jakub Poznański notiert in seinem Tagebuch, dass der Arbeitstag wegen des Feiertags auf Sonntag verschoben worden sei, was er als Erfolg wertet (Poznański 2002, S. 115).

2

Kol Nidre (aram. ‚alle Gelübde‘) ist ein Sündenbekenntnis, das am Vorabend von Jom Kippur in der Synagoge dreimal aufgesagt wird und diesem Abend seinen Namen gab. Mit der Rezitation bittet der Gläubige um Vergebung und widerruft alle Gelübde, die er im kommenden Jahr vorschnell gegenüber Gott ablegen wird. Zwischenmenschliche Versprechen werden damit aber nicht aufgehoben. Antisemiten benutzten das Kol Nidre und die Verkehrung seiner eindeutigen Intention, um Juden als prinzipielle Eidbrecher zu stigmatisieren. Vgl. Gershon 1994; de Vries 2003, S. 90-94 und 98-102. Oskar Rosenfeld hat sich bereits 1929 in einem Beitrag für die „Neue Welt“ mit dem Gebet befasst und dort dessen Bedeutung eindringlich hervorgehoben: „So ist Kol Nidre über den Rahmen der Frömmigkeit ein sittlicher Faktor für das jüdische Volk geworden, das selbst im Strom der Tränen in der Epoche der Verfolgung und Vergewaltigung, die ewige Aufgabe ‚Frieden zu stiften‘ nicht vergessen hat, nicht hier in der Galuth, nicht dort bei unseren palästinensischen Brüdern an der Klagemauer“ (Rosenfeld 1929, S. 4). Vgl. auch Feuchert 2004a, S. 287f.

3

Sara Plager-Zyskind beschreibt in ihren Erinnerungen, wie die Menschen im Getto gezwungen waren, ihre Wagen selber zu ziehen: „Wie ich bereits erzählte, gab es nur sehr wenige, von Pferden gezogene Fahrzeuge im Getto. Außer den Droschken, die Chaim Rumkowski und Doktor Leider benutzten, waren es nur noch drei: der Wagen, mit dem das kostbare Brot geliefert wurde; die weiße Ambulanz, mit der die Kranken ins Spital gebracht wurden; und der schwarze Leichenwagen zum Abtransport der Toten. Pferde waren zu wertvoll, um sie an die Juden zu vergeuden; selbst Pferdefleisch für den menschlichen Verzehr war viel zu teuer geworden. Deshalb waren die Bewohner des Gettos gezwungen, die Pferde zu ersetzen, indem man Menschen vor die Wagen spannte. Auf diese Weise wurde Rohmaterial in die Werkstätten geschafft, wurden Gemüse und Kohl zum Nachschubdepot und den Verteilerstellen geschafft. Menschen zogen Waggons, beladen mit Unrat und Fäkalien, da die Kanalisation im Getto schon lange nicht mehr funktionierte“ (Plager-Zyskind 1993, S. 76). Vgl. auch Zelman 1995, S. 59.

4

So in HK, LK**, JFK*.

5

Pomodore, Pomidore ‚Tomaten‘; aus ital. pomodori, eigentl. „Goldapfel“.