Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 8. Dezember 1943

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
326

Das Wetter:

Morgens 2° Kälte, später 0 Grad, neblig, warm.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes 2

Bevölkerungsstand:

83,249

Brand:

Am 7.12. wurde die Feuerwehr um 22 Uhr 10 nach der Bäckerei Rauchgasse 22 berufen, wo durch Funken, die aus den Rauchfängen des Backofens kamen, der sich auf dem Backofen befindliche Staub in Brand geraten war. Das Feuer konnte rasch gelöscht werden.

Tagesnachrichten.

Das Tagesgespräch ist, wie vorauszusehen war, die gestrige Rede des Amtsleiters Biebow, die nach allen möglichen Richtungen kommentiert wird. Da nur etwa vierhundert Personen der Rede beiwohnten, ist die Einwohnerschaft von etwa 83,000 Menschen darauf angewiesen, was diese 400 Menschen von der Rede berichten. Da jedoch nur ein geringer Teil dieser Anwesenden die deutsche Sprache vollkommen beherrscht, ergeben sich naturgemäss die verschiedensten Versionen.

Ueber eines ist sich die Bevölkerung jedoch im klaren: dass eine gewisse Besserung für den Langarbeiter eintreten, dafür aber ein verschärftes Regime in den Betrieben platzgreifen wird. Was unter der „L“-Zuteilung zu verstehen ist, hat der Amtsleiter nicht ausgesprochen und kann darüber vorderhand auch kein Mensch im Getto Auskunft geben.

Natürlich machen nun alle diejenigen, die nicht in den Ressorts arbeiten, recht lange Gesichter, da der Amtsleiter ja augenblicklich „von den Schaffenden in den Ressorts“ und nicht von den Beamten gesprochen hat. Man befürchtet, dass die Beamtenschaft sowohl in den Ressorts als auch in den Abteilungen vollkommen leer ausgehen wird und sicherlich wird ein grosser Teil versuchen, sich in die Produktion einzuschalten. Es wird sich zeigen, ob dies so ohne weiteres möglich sein wird. Für den Präses und seine engsten Mitarbeiter sowie für die Leiter der Fabriken wird es in der nächsten Zeit sehr viel Arbeit geben, um die Konsequenzen aus der Rede des Amtsleiters zu ziehen.

Approvisation.

Mit Kundmachung vom gestrigen Tage wird die Winterbevorratung von Kartoffeln und Steckrüben publiziert:

Ab Mittwoch, den 8.XII.43, wird auf Coupon 60 der Gemüsekarte für die Dauer von 5 Wochen, d.i. für die Zeit vom 20.12.43 bis 23.1.44 einschliesslich, je 1 kg Kartoffel /insgesamt also 5 kg/ pro Person für den Betrag von 2 M 50 und

auf Coupon 59 der Gemüsekarte für die Dauer von 8 Wochen, d.i. für die Zeit vom 3.1.44 bis 27.2.44 einschliesslich,

je 2 1/2 kg Steckrüben /Kohlrüben/, also insgesamt 20 kg für den Betrag von M 10.- ausgefolgt.

Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, dass für die obgenannten Termine keine weiteren Zuteilungen an Kartoffeln und Steckrüben erfolgen. Die Gettobevölkerung wird daher strengstens darauf hingewiesen, mit den Rationen sorgfältigst und sparsam umzugehen. Insbesondere sind die Kartoffeln und Steckrüben pfleglichst zu behandeln, um sie vor Fäulnis zu schützen.1

In der Einfuhr keine wesentliche Aenderung, hauptsächlich Kohlrüben kommen in grossen Mengen herein.

Von der Transportabteilung:

Die Transportabteilung hat mit sofortiger Gültigkeit die Benützung der Strassenbahn für Privatpersonen verboten. Dies geschah mit Rücksicht auf die Ausführungen des Amtsleiters Biebow in seiner Rede vom 7.12.43.

Ressortnachrichten.

Heraklitplattenproduktion:

Zum Leiter des neuen Ressorts in Radegast, wo die Heraklitplatten hergestellt werden sollen, wurde Ingenieur Olszer von der Bauabteilung bestellt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus, 4 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 tuberkulose Gehirnhautentzündung, 1 Gallenblasenentzündung.

1

Im Originaltext der Bekanntmachung über die Winterbevorratung von Kartoffeln heißt es fast wortgleich: „Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, dass für den obengenannten Termin keine weitere Zuteilung in Kartoffeln erfolgt. Die Gettobevölkerung wird deshalb strengstens darauf hingewiesen, mit der Ration sorgfältigst und sparsamst umzugehen. Insbesondere sind die Kartoffeln pfleglichst zu behandeln, um sie vor Fäulnis zu schützen“ (APŁ, 278/422, Bl. 154: Gettoverwaltung, Bekanntmachung / Betr.: Kartoffelzuteilung für die Winterbevorratung, 14.12.1943).