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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 8. März 1944

Tageschronik Nr.: 
68
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Das Wetter:

Tagesmittel 1-8 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

2 /männl./

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

78.814 /78.826 lt. Karten-Abteilg./

Tagesnachrichten.

1710 Arbeiter:

Das erforderliche Menschenreservoir zur Auswahl der auszusendenden restlichen zirka 900 Arbeiter ist durch nächtliche Aushebungen aufgefüllt, und es ist anzunehmen, dass die Aktion morgen, Donnerstag, endgültig abgeschlossen wird. Aus dem Zentralgefängnisse erfährt man, dass die Abreise für Donnerstag früh festgesetzt ist.

Der Präses begab sich mit Kligier gegen 7 Uhr abends ins Zentralgefängnis, wo er eine Sichtung der Menschen und eine Ueberprüfung der Gesuche vornahm. Der Präses arbeitete bis ungefähr 4 Uhr morgens. Da die Aktion als abgeschlossen zu betrachten ist, wurden auf Grund der Sichtung einige hundert Menschen aus dem Zentralgefängnis entlassen. Schliesslich verbot der Präses die weitere Stellung von Ersatzmännern.

Der ganzen Partie wurden je Mann 5 Reichsmark und Postkarten ausgefolgt. Es heisst, dass der Oberbürgermeister Dr. Bradfisch die Postsperre für diese Personen aufgehoben habe. Die Zukunft wird lehren, ob eine Verbindung mit den Ausgereisten möglich war.

Das Arbeitsamt beauftragte über die Wirtschaftsabteilung die Hausverwalter, unverzüglich Listen von solchen Personen anzulegen, die keine Arbeitszuteilung haben.

Ablieferung der Musikinstrumente:

Nach der Bekanntmachung des Aeltesten betreffend die Ablieferung von Musikinstrumenten haben die Besitzer solcher Instrumente sofort mit der Anmeldung begonnen. Die Aktion lag in Händen des Kapellmeisters Dawid Bajgelman. Bajgelman ist ein schon vor dem Kriege nicht nur in jüdischen Kreisen bekannter Musiker, der fast die ganze Welt bereist hat, sondern auch ein ausgezeichneter Kenner aller Arten von Musikinstrumenten.

Die Instrumente wurden bald nach der Anmeldung auch abgeliefert und zwar an der Hanseatenstrasse 32. Das eingelieferte Material wurde zunächst von Amtsleiter Biebow, der in Begleitung des Herrn Czarnulla erschien, besichtigt. Sodann traf aus der Stadt ein Sachkenner ein sowie der Intendant des Städtischen Theaters in Litzmannstadt 1. Aus dem vorhandenen Material übernahmen die beiden Letztgenannten die ihnen passenden Instrumente, wobei die ausgewählten Stücke in Gruppen eingeteilt wurden: A = für das Städtische Orchester, B = für den Oberbürgermeister, C = Musikschule H.J.2 und für die Reichsmusikkammer.

Der Sachkenner befragte Bajgelman nach Qualität und Wert der einzelnen Stücke. Bajgelman bemühte sich, dem Sachkenner die besondere Qualität einzelner Stücke kenntlich zu machen. Der junge Mann, wahrscheinlich Organist oder sonst ein kleiner Anfänger, stand den verschiedenen Prachtstücken ziemlich verständnislos gegenüber und setzte Preise fest, die wie ein Scherz anmuteten. Zwei ausgezeichnete Celli, die vor dem Kriege einen Marktwert von etwa 1000 Mark hatten, schätzte er auf 120 MK. Da war eine Posaune, eine Spezialanfertigung auf Ventil und Zug, ein in der Musikwelt ziemlich unbekanntes, interessant gebautes Instrument aus Neusilber3, mit einem Vorkriegsanschaffungswerte von etwa 500 Mk, bewertete er mit Mk. 20,-.

44 Geigen für die Hitler-Jugend bewertete er mit 1 Mark pro Stück. Da war ein kleines Akkordeon, ein prachtvolles Kunstwerk, das einen Anschaffungswert von etwa 600 M hatte. Dieses setzte er mit 20 Mk. an und widmete dieses Stück dem Oberbürgermeister. Die besten Instrumente erwarb der Sachkenner von den Juden für die Reichsmusikkammer und setzte folgende Preise fest: 15 Meistergeigen, davon zwei mindestens 300 Jahre alt, die einen unschätzbaren Wert darstellten, bewertete er zusammen mit 100 Mark, also durchschnittlich 7 M für eine Geige. Zwei Meistersaxophone, die vor dem Kriege einen Mindestwert von 1200 M hatten, erwarb er für 40 M.

Vier Klaviere, durchwegs erste Marken, fast neu, die zusammen zirka 7000 Mk Wert hatten, kaufte der Sachkenner den Juden für zusammen 600 Mk. ab.

Prachtvolle Mandolinen, Guitarren, Zithern, Lauten, Flöten, Klarinetten, Saxophone, Pauken, Trompeten, Becken usw. erzielten bei dem Sachkenner Durchschnittspreise von 2 bis 3 Mark pro Stück. Für alle abgelieferten Instrumente /genaue Aufstellung im Archiv/4 erzielte der Aelteste zirka 2400 Mark. /Dem heutigen Marktwerte entsprechend sind das zirka 2000 Tabletten Sacharin./

Approvisation.

In der Zeit vom 6. bis 8. März sind insgesamt 4330 kg Kartoffeln, 5300 kg Rote Beete und 10,440 kg Möhren eingelaufen. Fleisch kam nur am 7. herein, alles in allem 1470 kg. Andere Lebensmittelzufuhren im Rahmen der Zuteilung. Keine Aenderung der Hungerlage.

Aus den Kartoffelmieten in Marysin werden jetzt laufend Kartoffeln ins Getto gebracht. Ob die nächste Ration ein Kilogramm Kartoffeln bringen wird, weiss man noch nicht.

Die Abteilung für Zusatzkarten /L-Zuteilung/

ist jetzt für Reklamationen täglich von 17 bis 20 Uhr tätig. Die nächste L-Zuteilung soll Sonnabend, den 18. März, herausgegeben werden. Die Gemüsemagazine Cranachstrasse 8 stehen zur Verfügung des Aeltesten und der Herren Jakubowicz und Kligier. Es befinden sich dort die Vorräte an Sauerkraut, konservierten Roten Rüben, Sauren Gurken und kleinere Mengen von Kartoffeln, Möhren und Rote Beete.

Lebensmittelpakete ins Getto:

Am 7. März kamen wieder Pakete ins Getto, hauptsächlich aus Prag. Sie enthielten meist Brot. Pakete aus Lissabon enthielten verschiedene Konserven und Kolonialwaren, darunter auch Tee und Bohnenkaffee.

Ressortnachrichten.

Schneidereien:

Ebenso wie die Tischlereien erhielten nun auch die Schneidereien Rohwaren und Halbwaren aus liquidierten Schneidereibetrieben in Litzmannstadt. Es kommen täglich grössere Partien herein. Man erwartet in der Schneiderzentrale einen grösseren Auftrag für Militäranzüge.

Kleiner Getto-Spiegel.

Bernstein findet einen Ersatzmann:

4 Brote, 1 kg Zucker, 1/2 kg Margarine, das Geschäft wird in aller Form abgeschlossen und der Ersatzmann stellt sich im Zentral-Gefängnis. Die Formalitäten sind im Gange. Der Ersatzmann beginnt zunächst mit seiner Mahlzeit. Im Laufe eines Tages hat er 1 Brot und 1/4 kg Margarine intus. Er fühlt sich sehr wohl, räkelt sich auf seiner Pritsche und4 meint, dass es ihm seit 4 Jahren noch nicht so gut gegangen sei. Seine Stimmung ist durch nichts getrübt, die Nachrichten aus dem Lager Częstochowa sind beruhigend. Was kann da sein, man fährt eben zu einer anderen Arbeit unter besseren Bedingungen. Am nächsten Tage wird der Ersatzmann in die Kanzlei gerufen: „Bist doch ein Fäkalist? Solche Leute dürfen nicht heraus, du bleibst also hier!“ Das Geschäft kommt also nicht zustande. Der Fäkalist hat das ganz genau gewusst und hat nur den kleinen Formfehler begangen, bei seinem Einzug ins Zentral-Gefängnis dies zu verschweigen. Er wird weiter Fäkalien führen und sein Partner muss fahren. Im Hofe treffen sich die beiden und man sollte glauben, dass der Betrogene dem Fäkalisten an die Gurgel fahren wird. 1 Brot und 1/4 kg Margarine wären ja ein hinreichender Grund hiefür, aber der Partner hat die Fassung nicht verloren, fügt sich ins Unabänderliche und sagt zu dem Fäkalisten: „Ein Affärist6 bist Du, aber es soll Dir sein zu gesund.“

Sanitäts- und Gesundheitswesen.

Das Spirituskontingent für die Apotheken wurde von bisher 5 Lt. auf 2 Lt. wöchentlich herabgesetzt. Kamillentee darf in den Apotheken nur mehr gegen ärztliche Vorschrift verabfolgt werden.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Lungentuberkulose. Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 7 Lungentuberkulose, 1 tbk. Hirnhautentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Magengeschwür, 1 Gehirnblutung.

1

Der Intendant der Städtischen Bühnen Litzmannstadt war Hans Hesse, ein Cousin des Schriftstellers Hermann Hesse. Vgl. LZ, 25. Juli 1943, S. 5: „Drei Uraufführungen für Litzmannstadt in der neuen Spielzeit“. Zu Hesses Lebenslauf vgl. Klee 2007, S. 240.

2

In Litzmannstadt befand sich die „Gebietsmusikschule der Hitler-Jugend“. Vgl. u.a. LZ, 30. August 1943, S. 4: „Eine erholsame Pause während der Arbeit“.

3

Neusilber (früher auch Alpaka) ist die gebräuchliche Bezeichnung für eine silberweiß glänzende Legierung aus 45-70% Kupfer, 5-30% Nickel und 8-45% Zink (evtl. Spuren anderen Metalls), die sich aufgrund ihres Nickelgehalts durch besondere Härte und Korrosionsfestigkeit auszeichnet.

4

Die erwähnte Übersicht über die vom 7. bis 26. Februar 1944 abgelieferten Instrumente ist erhalten (APŁ, 278/186, Bl. 14f.).

6

Affärist, zu poln. aferzysta ‚Gauner, Betrüger, Hochstapler‘.