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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Mittwoch, den 9. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
40

Das Wetter:

1 Grad über 0, es schneit.

Sterbefälle:

9

Geburten:

3 /1 männl., 2 weibl./, 1 Totgeburt.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

79.771

Selbstmord:

Am 8.2.1944 beging Wasser Estera, geb. 22.2.1885 in Suwałki, wohnhaft Steinmetzg. 12, durch Erhängen in ihrer Wohnung Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Die Kommission zur Erfassung der 1500 auszusiedelnden Arbeiter hat ihren Sitz im Ambulatorium, an der Hamburgerstrasse 40, aufgeschlagen und die Arbeiten sind dort bereits im vollen Gange. Noch für heute Vormittag wurden einige hundert Personen zur ärztlichen Untersuchung vorgeladen u.zw. für Vormittag ca 300, für Nachmittag ca 600 Personen. Die Untersuchung führt eine dreigliederige Aerztekommission, die nach je 3 Stunden durch eine andere abgelöst wird. Dieser Vorgang der Ablösung wird grundsätzlich während der ganzen Aktion beibehalten werden, um einen Kontakt mit den Aerzten, vor der ärztlichen Untersuchung, zu verhindern. Gegen 80% der vorgeladenen Personen haben sich gestellt. Die ärztliche Kommission konnte die gesamte Zahl der Erschienenen nicht am gleichen Tage untersuchen, sodass ein Teil für den nächsten Tag bestellt wurde.

Der Präses erschien sowohl Vormittag als auch Nachmittag bzw. in den späten Abendstunden bei der Kommission und überwachte den Arbeitsgang. Der Präses hatte diversen Abteilungen ein Kontingent zur Befreiung von Leuten bewilligt. Die betreffenden Leiter konnten demnach nach ihrer Wahl einige Leute von vornherein ausschalten. Dass diese Wohltat natürlich bei dem im Getto herrschenden Protektionismus entsprechend ausgenützt wurde, ist selbstverständlich. Ueberhaupt ist der ganze Protektionsapparat auch bei dieser Aussiedlungs-Aktion in Bewegung. Der Präses ist augenblicklich für Interventionen unzugänglich. Auch die Kommission verschanzt sich hinter dem Präses, da sich natürlich eine Flut von Ansuchen, Berufungen und Interventionen über alle Mitglieder der Kommission ergiesst.

Die Stimmung im Getto ist äusserst erregt. Obwohl die Ressorts nicht betroffen sind, so sind doch die Beziehungen der Betroffenen zu den Nichtbetroffenen so verzweigt, dass von den ca 6000 Menschen, die das Reservoir dieser Aktion bilden, wohl jeder auch in den Ressorts oder in den nichtbetroffenen Abteilungen Angehörige hat.

Eine grosse Sorge bildet die technische Durchführung der Entsendung dieser 1500 Menschen. Die Gettomenschen haben im Laufe von vielen Aussiedlungen schon ihre Erfahrung und Technik. Wenn sich auch der Grossteil der Vorgeladenen zur ärztlichen Untersuchung gestellt hat, so bedeutet das noch lange nicht, dass sich dieselben Menschen auch der Aufforderung, sich im Zentral-Gefängnis, also zum Sammelpunkt, einzufinden, Folge leisten werden. Es bleibt abzuwarten, wie die Kommission dieses schwierige technische Problem meistern wird, denn nur durch neuartige Methoden können die Erfahrungen der Gettobewohner paralysiert werden.

Vom Arbeitsamt:

Das Arbeitsamt hat bis zur Durchführung der Aussiedlung der 1500 Arbeiter die Tätigkeit insoferne eingestellt, als während der Dauer der Aktion keinerlei Aenderung des Arbeitsplatzes vorgenommen werden dürfe.

Approvisation.

Unverändert schlechte Lage. Heute kamen einige Wagen Mohrrüben herein, sodass bei der kommenden Ration mit einer kleinen Zuteilung gerechnet werden kann.

Ressortnachrichten.

Maschinen ins Getto:

Aus dem Juden-Lager bei Lublin /Poniatowo/1 kamen die Maschinen einer dort evakuierten Schnallenfabrik ins Getto. Die Maschinen wurden ins Objekt der ehemaligen Teppichfabrik / Garfinkel /, Rauchgasse 44, gebracht, wo wahrscheinlich die neue Fabrik als Metall-Abteilung III etabliert werden wird. Zum Leiter dieser Abteilung hat der Präses den Beamten der Fleischzentrale Chirug2 bestimmt.

Solidarität der jugendlichen Arbeiter:

In der Elektrotechnischen-Abteilung haben sich die jugendlichen Arbeiter zu einer Art Selbsthilfe zusammengeschlossen. Nach der Suppenverteilung versammeln sie sich um einen Suppenkessel, und jeder gibt aus seinem Topf 2 Löffel Suppe und 1 Stück Kartoffel in dem3 Kollektivtopf. Die so zustandegebrachten 10 Suppen werden dann den kranken und schwachen Arbeitskameraden zugeteilt. In demselben Ressort haben die Jungens ein zeitgemässes Lotteriespiel eingeführt. Sie legen wöchentlich von ihrer Ration stückchenweise Brot zusammen, bis 2 kg zusammen sind. Dann wird gelost und der glückliche Gewinner muss die ganzen 2 kg Brot-Stückchen im Ressort aufessen. Dieses Verlosungsspiel führt den bezeichnenden Namen „Raz a dobrze“ /„einmal aber gut“/.

Die Wäscherei, Hohensteinerstrasse 68,

ist wegen Maschinendefekts für einige Zeit stillgelegt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung.

1

In Poniatowa im Distrikt Lublin befand sich seit September 1941 zunächst ein Kriegsgefangenen- und Arbeitslager, dann ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter. Die ersten Juden waren im Oktober 1942 aus dem Getto Opole Lubelskie dorthin gebracht worden; im Zuge der Gettoauflösungen kamen immer mehr Menschen in das Lager, so auch (nach Niederschlagung des Gettoaufstandes) aus Warschau. Am 4. November 1943 wurden im Rahmen der „Aktion Erntefest“ 15000 Häftlinge ermordet. Vgl. den Artikel „Poniatowa“ in der Enzyklopädie des Holocaust 1995, Bd. 2, S. 1156f.

2

So in HK, LK*, JFK*. Gemeint ist Lajb Chirurg.

3

So in HK, LK*, JFK*.