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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 10. Januar 1944

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Tageschronik Nr.: 
10

Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad, trocken.

Sterbefälle:

11

Geburten:

3 /2 männl., 1 weibl. Totgeburt /

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

83.073 1

Sonstiges:

Am 9.1.1944 um 18.30 Uhr wurde Najman Moisze, geb. am 24.6.1911 in Belchatow, wohnhaft Am Bach 29, in der Buchdruckerstrasse bei der Gettoumzäunung erschossen.

Tagesnachrichten.

Das Getto ist einigermassen beunruhigt dadurch, dass die Statistische-Abteilung plötzlich alle Ressorts und Abteilungen aufgefordert hat, sofort eine Aufstellung zu geben, wieviel Arbeiter, Männer und Frauen, und wieviel Jugendliche bis 14 Jahren, Knaben und Mädchen, beschäftigt sind. Ein weiterer Anlass zur Beunruhigung ist die Aufforderung des FUKR an alle Ressorts und Abteilungen mit dem Stichtag vom 27.XII.1943 anzugeben, wer krank gemeldet ist bzw. war.

Der Zweck der ersten statistischen Feststellung ist völlig unbekannt. Man weiss nur, dass ein Auftrag der deutschen Behörde /Posen/ vorliegt. Der Stellvertreter des Amtsleiters, Herr Ribbe, befand sich gerade in der Bau-Abteilung, als er von Posen einen diesbezüglichen Telefonanruf empfing. Zweifellos hängt dies mit der neuen Ernährungspolitik zusammen.

Was nun die zweite statistische Aufstellung, mit dem Stichtag vom 27.XII.1943, betrifft, so ist dies eine innere Massnahme des Gettos. Allem Anschein nach will der Aelteste der überhandnehmenden Befreiungs-Praxis durch die Aerzte ein Ende setzen. Es heisst, dass 4 Aerzte ihre Befugnisse überschritten haben. Ob dies tatsächlich so ist, kann im Augenblick nicht einwandfrei festgestellt werden. Sicher ist, dass im Getto augenblicklich eine Grippe-Epidemie grassiert und dass zweifellos dies der Grund der zahlreichen Arbeitsbefreiungen ist.

Blech- und Holzverwertung für das Getto gesperrt:

Die Getto-Verwaltung hat das FUKR benachrichtigt, dass mit sofortiger Gültigkeit die Verwendung von Blech und Holz für den Bedarf des Gettos verboten ist. Es dürfen demnach Oefen und Röhren für den Privatbedarf nicht mehr erzeugt werden. Auch wird die Getto-Tischlerei die Bretter zur Herstellung von Möbelstücken für das Getto nicht mehr verwenden dürfen.

FUKR wurde von der Getto-Verwaltung beauftragt, Statistiken aufzustellen über die Anzahl der gearbeiteten Stunden für Export und für eigenen Bedarf. Ferner Statistiken nach Wert, ebenfalls für Export und eigenen Bedarf. Die für die Gettoerzeugung mittelbar notwendige Produktion wird als Exportproduktion angesehen. Welchen Zweck diese Arbeiten haben, ist nicht zu erfahren.

Vom Ordnungs-Dienst:

Der Ordnungs-Dienst hat bis jetzt etwa 40 neue Hilfspolizisten eingestellt, die, wie wir bereits erwähnt haben2, zur Bewachung der Holzplätze und Abbrucharbeiten Verwendung finden. Die Hauptbewachungspunkte sind die Holzplätze an der Putzigerstrasse, der II. Tischlerei-Abteilung, der Holzplätze auf der Bazarna, ferner das Sägewerk an der Hanseatenstrasse und schliesslich die Holzplätze in Marysin. Diese Hilfs-Ordnungs-Dienstmänner werden zu andern Diensten nicht herangezogen.

Approvisation.

Sehr schwacher Einlauf von Lebensmitteln. Heute kamen 11.780 kg Kohlrüben, 9.870 kg Rettich. Erstmalig erhielt heute das Getto 141 kg geräucherte Flundern, was mit diesem kleinen Quantum geschehen soll, ist unbekannt.

Ressortnachrichten.

Schwachstrom und Glimmerspalterei:

Diesem Betriebe droht Stillstand wegen Mangel an Rohmaterial.

Eine vorläufig kleine Reduktion der Belegschaft ist im Gange. Die reduzierten Arbeiter werden dem Leder- und Sattler-Ressort zugewiesen.

Sägewerk an der Hanseatenstrasse:

Dieses kleine Sägewerk hat die Produktion bereits aufgenommen. Es werden hier nur einige Hilfsarbeiten für die verschiedenen Holzbetriebe geleistet.

Man hört, man spricht ...

... am 15.1.1944 sollen die Zusatzzuteilungen für Lang-Arbeiter herauskommen. Ausserdem sollen die B, B I und CP wieder eingeführt werden. Die bisherigen Legitimationen werden ungültig erklärt und es sollen die Begünstigten jeweils spezielle Talons erhalten.3

Gesundheitswesen.

Gegenwärtig grassiert eine schwere Grippe Epidemie. Die Anzahl der Kranken erreicht in einzelnen Betrieben und Abteilungen bis 50% der Belegschaft. Die Krankheit dauert 7-10 Tage und fast alle Kranken haben zu Beginn der Erkrankung Temperaturen bis zu 40 Grad.

Die Apotheken können dem ungeheuren Bedarf an Medikamenten nicht nachkommen. Meist werden die Rezepte erst nach 48 Stunden ausgeführt. Die Aerzte können ebenfalls den Anforderungen nicht nachkommen. Die grössere Zahl der Erkrankten bleibt ohne aerztliche Hilfe.

Lebertran:

Seit längerer Zeit hat das Getto wieder eine grössere Partie Lebertran erhalten. Die Zuteilung erfolgt auf Grund ärztlicher Bescheinigung, in jedem Fall mit Genehmigung des Präses.

Vigantol kostet heute Mk 75.- für 10 ccm.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 3 Lungenentzündung, 4 Herzkrankheiten, 1 Bauchfelltuberkulose, 1 Arterienverkalkung, 1 Lippenfurunkel, 1 Erschiessung.4

1

Zählt man die Totgeburt als Sterbefall, beträgt der Bevölkerungsstand 83072.

2

Vgl. den Eintrag „Vom Ordnungsdienst“ in der Tageschronik vom 22. Dezember 1943.

3

Im Zuge der Einführung von „Kräftigungsmittagen“ war die Zuteilung von Extra-Talons für besonders verdiente Angestellte (B-Kategorien) und Schwerarbeiter (CP) im Herbst 1943 zurückgedrängt und schließlich mit der Reorganisation des Approvisationssystems ganz eingestellt worden. Vgl. dazu zahlreiche Einträge in den Tageschroniken vom Oktober und November 1943.

4

Die Aufzählung der Todesursachen ergibt 16. In der Rubrik „Sterbefälle“ der vorliegenden Tageschronik war von 11 Verstorbenen die Rede.