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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 10. Juli 1944

Tageschronik Nr.: 
191
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Das Wetter:

Tagesmittel 24-36 Grad, heiss. In den Abendstunden kurzes heftiges Gewitter.

Sterbefälle:

39,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Diebstahl: 1,

Verschiedenes: 1

Ausweisung:

700 Personen /auf Arbeit ausserhalb des Gettos, IV. Transp. vom 30.VI.1944./

Bevölkerungsstand:

73,067

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute ist der VIII. Transport mit 700 Personen, unter Führung des Arztes Dr. Felix Proskauer /Berlin/, abgegangen. Die Abfertigung vollzog sich wie üblich ohne jeden Zwischenfall. Mit dem heutigen Transport sind 202 Männer und 498 Frauen gegangen, davon ein ganz kleiner Prozentsatz Eingesiedelte aus dem Westen.

Der Oberbürgermeister im Getto:

Heute besichtigte der Oberbürgermeister Dr. Bradfisch die Abbruchstelle an der Holzstrasse.1

Ordnungsdienst-Männer zum Abbruch:

Auf Anordnung des Präses wird der Ordnungsdienst 6% der Mannschaft zur Arbeit an der Abbruchstelle dirigieren. Die Delegierten behalten alle die O.D.-Zusatz-Zuteilungen und überdies die Lang- bzw. Schwerarbeiterzuteilung für die 4 Wochen der Delegierung.2

Die Sonderabteilung

soll in den nächsten Tagen eine Reduktion der Mannschaft vornehmen. Es dürften 10 O.D.-Männer entlassen werden.

Die Abbrucharbeiten

Holzstrasse-Scheunenstrasse werden beschleunigt durchgeführt. Das Terrain der Abbruchstelle ist vom Getto isoliert, da dort auch polnische Arbeiter beschäftigt werden.

Approvisation.

Eine leichte Besserung ist festzustellen. Heute sind die ersten Frühkartoffeln u.zw. 1530 kg im Getto eingetroffen. Ferner kamen 19,730 kg alte Kartoffeln, 3,860 kg Kohlrabi, 13,320 kg Mairettich, 1680 kg Rote Beete, 1160 kg Salat und 1160 kg Schoten. Auffallend ist, dass neuerdings 2900 kg Brot /1450 Laib/ eingelaufen sind. Fleisch ist heute etwas schwächer mit 1060 kg.

Ration: Ab heute werden in den Verteilungsstellen

40 dkg Schoten, sehr schlechter Qualität, ausgegeben.

Ressortnachrichten.

In allen Hausschuhbetrieben herrscht allgemeiner Stillstand. Es besteht keine Hoffnung, diese Betriebe auch späterhin aufrecht zu erhalten. Sie werden zweifellos nach der Aussiedlung liquidiert werden.

Man hört, man spricht …

... dass die Approvisation sich in den nächsten Tagen wesentlich bessern wird. Vor allem will man wissen, dass etwa 50 Waggons Kartoffeln hereinkommen sollen. Die Gemüseabteilung bestätigt zwar, dass grössere Mengen Kartoffeln zugesichert wurden, ist aber hinsichtlich der tatsächlichen Belieferung sehr skeptisch.

... dass auch Frischgemüse in grösseren Mengen hereinkommen soll. Dieses Gerücht hat wohl eine natürliche Unterlage. Die Saison ist vorgerückt und warum sollte nicht gerade jetzt Gemüse in grösseren Mengen hereinkommen. Ausserdem ist das schon immer so gewesen. Sowie das Getto unter Aussiedlungen schwer zu leiden hat, bessert sich die Approvisation.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 24 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

19 Lungentuberkulose, 1 Nierenentzündung, 2 Bauchfelltuberkulose, 5 Lungenkrankheiten, 9 Herzkrankheiten, 1 Arterienverkalkung, 1 Gehirnschlag, 1 Grippe.

1

In den Tagebüchern von Jakub Hiller und Jakub Poznański ist nicht nur von einer Besichtigung der „Abbruchstelle“ die Rede, sondern auch von einer Besprechung mit dem Oberbürgermeister von Litzmannstadt am Baluter Ring (AŻIH, 302/10, Bl. 40-42; Poznański 2002, S. 180).

2

Von der Versetzung der O.D. -Männer zum „Abbruch“ berichtet auch Jakub Hiller in seinem Tagebuch (AŻIH, 302/10, Bl. 34 und 37).